Abfall für alle von Rainald Goetz, 1999, SuhrkampAbfall für alle.
Roman eines Jahres von Rainald Goetz (1999, Suhrkamp).
Besprechung von Claus Philipp aus Der Standard, Wien vom 6.11.1999:

"...wenn man all das hier vergessen hat."

Neue Fehler machen - die alten kennen wir schon." Dieses Motto, alt aber gut, notierte Rainald Goetz kürzlich im Rahmen eines Autoren-Pools, der sich gegenwärtig unter http://www.snafu.de/~gloria/ im Internet einlogiert hat. Womit wir in zweifacher Hinsicht auch schon beim Ausgangspunkt von Abfall für alle wären: Vom 4. Februar 1998 bis zum 10. Jänner 1999, sieben mal sieben mal sieben Tage lang veröffentlichte der Autor unter www.rainaldgoetz.de gleichsam flankierende Notate zu seiner mehrteiligen Text-Komposition Heute morgen, um 4 Uhr 11, als ich von den Wiesen zurückkam, wo ich den Tau aufgelesen habe.

Man könnte nun sagen: Dieses Tagebuch, das Goetz irgendwann einmal selbst als "Textgebet" bezeichnet und als "ersten Produktionsort für Argumente", ist gleichsam der Kitt, der die anderen Teile verbindet. Die Erzählung Rave mit dem Theaterstück Jeff Koons mit der Aufsatzsammlung Celebration mit der (noch ausständigen) Erzählung Dekonspiratione.

Abfall für alle - das sind Skizzen und Anmerkungen zu diesen Arbeiten ebenso wie private Randbemerkungen. Goetz beobachtet und kommentiert den ganz normalen Alltag ebenso wie die intellektuellen, kultur- und gesellschaftspolitischen Bewegungen im Deutschland des Wahljahres '98: Besuche in Thomas Ostermeiers Theater-Baracke, aufkeimendes und zunehmend skeptisches Interesse für Schlingensiefs Chance 2000, akribische Lektüre des deutschen Feuilletons ("komplett ZUGEMÜLLT von dem kollektiven Gelalle und Gerede in diesem Raum da"), immer wieder Querbezüge zu Niklas Luhmann, Techno, Auseinandersetzungen mit Malerei - und dann zum Beispiel am 7. 2. "auch die Erinnerung: wie ich mal vor vielen Jahren mit Albert (Oehlen) in einem Café saß, spätnachts, trinkende und vielleicht auch schon leicht betrunkene Runde - und er dann, blätternd in einer Zeitung, ein SKALPELL aus der vorderen Brusttasche zog und mit diesem Skalpell - das wird dann so umgesteckt - ein Bildchen aus der Zeitung ausschnitt - und das einsteckte und irgendwas dazu meldete, warum er das gut findet und für irgendwas brauchen könnte -"

Im Internet, wo dieser Abfall täglich aktualisiert öffentlich gemacht wurde, lasen sich solche Impressionen und Argumentationsversuche wie eine etwas andere Kolumne zum Tage. Jetzt erst, in Buchform, wird einem Rhythmus bewußt, in den sich Goetz, live quasi, hineingespielt hat, und den er immer wieder mit herrlicher Leichtigkeit variiert. Es ist auf faszinierende Weise in dieser Überfülle an kleinsten Details und gewagt bis in den "neuen Fehler" hineinlappenden Anschauungs-Suadas gerade der sehr abstrakte Rhythmus, der einem von der Lektüre des - großer Unterschied zum Net - Buches Abfall für alle bleibt.

Es kann einem als Leser, der diese Tageseintragungen täglich nachvollzieht, zum Beispiel ohne weiteres passieren, dass man Dinge, mit denen sich Goetz "zumüllt" bzw. zugemüllt wird, am nächsten Morgen schon wieder vergessen hat. Ein interessantes Phänomen: Befreiung vom Abfall durch Anhäufung. Plötzliche wundersame Stille durch totalen Lärm. Stillstand in der irrwitzigen Beschleunigung.

Was steht da zum Beispiel vor genau einem Jahr, am 6. November: "1645. Stimmt, irgendwas war doch heute nacht, mit Alkohol, Führerschein, schon wieder nicht kriegen. Park-Picknick. CONCORDE. Größte Matratzenkette Deutschlands."

Und dann: "1710. Wieder daheim. Nochmal zur Struktur Affekttext: Zustimmung zum VERFAHREN, nicht primär zu den Resultaten. Zur Position, nicht zu den Ansichten." Eine weitere Zuspitzung erfährt Goetz' Alltags-Techno dadurch, dass er die Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die er im Mai '98 hielt, hineinmontiert und als erster Autor nicht in einem eigenen Buch isoliert.

Dem, was er JETZT im Internet dachte, stellt er eine furiose Performance des HINAUS-Blickens über die Ränder des Abfalls entgegen. Goetz vor seinen Stichworten an der Uni-Tafel - das muss ein Ereignis gewesen sein, bis es dann am Ende hieß: "Schreiben: man hat sich also klar gemacht, wie man es macht. Jetzt kann man es nie wieder so machen. Oder morgen wieder, wenn man all das hier vergessen hat. Dieser Gedanke hat mich am meisten beruhigt: ich werde das alles wieder vergessen haben, irgendwann."

Man kann dieses gnädige Vergessen durch Erfahrung hier wieder und wieder und auch beim wiederholten Lesen physisch mitvollziehen. Es ist sehr selten, das bei einem deutschen Autor miterleben zu dürfen, und sehr seltsam und manchmal auch peinlich mangelhaft, aber wie gesagt, das ist kein schlechter, weil immer wieder neuer Fehler. "Die alten kennen wir schon."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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