Abendsport.Zweimal von Helmut Eisendle, 1998, Haymon1.) - 2.)

Abendsport. Zweimal.
Minutentexte von Helmut Eisendle (1998, Haymon).
Besprechung von Gerhard Zeilinger aus Rezensionen-online *LuK*, 1998:

Abendsport und Liebe / Zweimal Eisendle
Nicht als Erzähler, als Philosoph und Essayist wartete Helmut Eisendle

1998 mit zwei schmalen Bänden den Lesern auf. Der Tiroler Haymon-Verlag setzte dabei mit "Minutentexten" explizit auf die Kleinform, auf Kürzestprosa der betrachtenden Art. Dabei geht es, das legt bereits als Motto ein Zitat von Paul Valéry wörtlich nahe, um "augenblickliche Absichten" und um "vielfache Bedeutung der meisten Wörter". 77 Kurztexte handeln in alphabetischer Reihenfolge Begriffe aus Kultur, Natur, Politik ab, von "Abendsport" bis "Zweimal". Abendsport, das ist das Zusammen- und Gegenspiel von Kultur und Sport oder, was für Amerika M. M., nämlich Marylin Monroe ist, hierzulande »M & M & M« Mozart, Thomas Muster, Hermann Maier; und Eisendle bemerkt zu dieser Art österreichischer Befindlichkeit: "So sind wir heiter-ernst und stolz, neurosenfrei, sportlich und kulturell". Nun denn. "Zweimal", der letzte Text in dieser Sammlung, sind Zitate und Sinnsprüche und als zweites eben Antworten darauf, die sich wiederum als Sinnsprüche gehaben und das zweite Mal zur Zweideutigkeit erklären. Da ist natürlich auch viel Sprachphilosophie, viel Sprachkritik in Eisendles Texten. Immer wieder verweist er auf das Mehrdeutige und den Synonymcharakter der Sprache, eingedenk, daß das Wort kein Beweis ist: "Eine Kopie ist eine Tatsache." Die Gefahr, in philosophische, sophistische Spielereien abzudriften, ist manchmal gegeben, wird aber meist durch eine überraschende Nuancierung, die oft nur aus dem Wortsinn kommt, gebann.

Und das gilt wiederum für den Charakter dieser Betrachtungen selbst, ob "Bücher" oder "Videospiele", "Gesetze" oder "Sexualität", "Helden" oder "Kinder" angesprochen sind oder bloß Begriffe wie "Juckreiz" und "Jungfrau" oder einfach die abstrakte "Fassung". Unter diesem Stichwort findet sich der schöne Satz: " Man kann schon aus der Fassung sein, wenn einem ein Tag geglückt ist" ebenso wie die wortspielerisch-banale Feststellung: "Die Wirklichkeit ist ein Faß ohne Boden." Oder da beginnt der Kurztext "Sehnsucht" mit einem Satz, der auch einen Anspruch, einen Lebensinhalt formuliert. "Ich schreibe und schreibe und verlasse den Schreibtisch nicht."

Solchen Leuchtsätzen stehen aber vorwiegend allzu trockene, allzu theoretische Befunde über das Grundproblem von Wirklichkeit und Kunst, konkreter und abstrakter Welt entgegen, die die Lektüre dieser Kurztexte keineswegs zu einer Lektüre für Minuten machen. Was "Minutentexte" heißt, befiehlt geradezu kontrapunktisch ein sich verlangsamendes Lesetempo. Und es kann auch nicht bei der einmaligen Lektüre bleiben. Eisendles Texte fordern auch dazu auf, daß man sie mehrmals lesen muß. Ob das immer ein Reiz ist, bleibe dahingestellt. Auf alle Fälle ist von diesen Kurztexten nicht zu erwarten, daß sie auch kurzweilig sind: ihnen fehlen im Grunde die Pointen, die Aussagen haben keine Höhepunkte, auf die hingearbeitet wird. Das ist wohl auch nicht die Absicht, und gerade das Unauffällige, die sparsame Reduktion birgt manches Kabinettstück wie etwa jenes, wo Bittsteller und Mächtiger einander gegenüberstehen und das mit einem "Ich weiß nicht" des Mächtigen endet. In solchen wie auch in wenigen parabelhaften Texten äußert sich Eisendles Begabung. Hier hat der Leser keine Miniaturen vor sich, die kleine Augenblicke festhalten und dieses Augenblickliche so entlarven, daß es ich in ein Allgemeingültiges auflöst. Das geschieht leise und gelingt nicht immer.

Derselbe Autor, anderes Buch. "Dschungel der Liebe" heißt eine sich in neun Abschnitte gliedernde Prosa, die laut Klappentext "ebenso einfühlsame Erzählung wie ein philosophischer Essay" ist - letzteres gewiß, ersteres schwerlich; es müßte einem schon mitgeteilt werden, wo das Erzählerische sein soll. Und das vermag nicht einmal die Notiz am Ende, die besagt, daß dieser Text auf Briefen beruht, die an mehrere Personen - Lebensgefährtinnen, Freundinnen —-zwischen Lemberg und New York geschrieben hat. Für den Leser ist dies keine erhellende Notiz, denn die Liebesbriefe des Autors, die als Ausgangsmaterial nahegelegt werden, lesen sich wie Gelehrtenbriefe mit poetischen Einschüben, in denen die Liebe einmal als "zivilisatorische Leistung" als "Stück Kultur" als "Motor" das andere Mal - tatsächlich! - als "Poesie der Sinne" bezeichnet wird. Das mag zwangsläufig eben auch Ergebnis sein, wenn sich ein Ich auf sechzig Seiten fragt, was Liebe sei, und sich dabei in immer kühnere Definitionen und Vergleiche steigert, in eine Metaphorik, die sich hie und da auch im Stil des alt- und neutestamentarischen Hoheliedes versucht, die manchmal originell und gekonnt wirkt, mit Fortdauer aber beliebig wird. Das schönste Bild wird uns auf Seite 21 f. mitgeteilt: "Liebe ist genau wie der Krieg, und zwar, weil dem Soldaten, obwohl er eine Woche lang bis zum Samstagabend heil davongekommen ist, doch am Sonntagmorgen durchs Herz geschossen wird." Dieser Satz stammt aber nicht von Eisendle, sondern von Laurence Sterne.

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Abendsport.Zweimal von Helmut Eisendle, 1998, Haymon2.)

Abendsport. Zweimal.
Minutentexte von Helmut Eisendle (1998, Haymon).
Besprechung von Felix Philipp Ingold in Neue Zürcher Zeitung vom 1998:

Sprachlust, Denksport, Lesespass
«Minutentexte» von Helmut Eisendle

Helmut Eisendle – er ist vom Jahrgang 1939 und arbeitet seit 1972 als freier Schriftsteller – hat bis anhin um die dreissig Bücher vorgelegt, und gleichzeitig mag er, nebenher, deren dreizehntausend gelesen haben. Eisendle macht Literatur aus Literatur, seine Texte – so gut wie alle – sind das Ergebnis eines hochentwickelten, mit ebensoviel Witz wie Intelligenz praktizierten Recyclingverfahrens, das bereits Geschriebenem immer wieder neue Möglichkeiten der Lektüre abgewinnt, sei's durch verfremdende Nachschrift, durch parodistische Verformung oder auch durch eigenmächtiges Fortschreiben. Kaum ein Genre zwischen dem artistischen Gedicht und dem Kriminalroman, auf das dieser umtriebige Autor sich nicht eingelassen hätte, kein noch so hoher Stil, kein noch so trivialer Stoff, den er nicht aufgegriffen, abgewandelt und eben dadurch auch erneuert, nämlich neu wahrnehmbar gemacht hätte.

Wenn Eisendle nun ein griffiges Bändchen mit «Minutentexten» herausbringt, denkt man wohl zunächst an jene unsäglichen, für gestresste Zeitgenossen aufbereiteten Textverschnitte à la «Urlaub mit Hesse», «Seneca für den Nachttisch» oder «Minuten mit Goethe». Aber weit gefehlt. Was Eisendle unter dem launigen Titel «Abendsport: Zweimal» zu lesen gibt, ist ein kleines Handorakel, das mehr Fragen stellt, als dass es patente Antworten gäbe, das mithin auch eher zur Nachdenklichkeit Anlass gibt als zu eilfertigen Aha-Reaktionen. So wie der Autor sich beim Schreiben, nach eigenem Bekunden, der «Wollust des Denkens» hingibt, sich tatsächlich hinreissen lässt von disparaten Einfällen, momentanen Wahrnehmungen und riskanten Nachtgedanken, gerät auch der Leser (sofern er geneigt ist) in den Sog eines intellektuellen Abenteuers, das ihm – nebst einiger Irritation – ebensoviel Belustigung wie Aufklärung beschert. Indem Eisendle seine Denkanstösse und -widerstände der rationalen Ordnung des Alphabets unterstellt, verdeutlicht er (hierin offensichtlich Mauthner, Doderer und Okopenko folgend) den irrationalen, ja chaotischen Charakter eben dieser Ordnung, die immer wieder abstruse Scheinverwandtschaften, schroffe Inkohärenzen, aber auch jäh einleuchtende Verknüpfungen provoziert – nirgendwo in der Wirklichkeit, nur im Alphabet sind «Arbeit» und «Austro-Pop», «Juckreiz» und «Jungfrau», «Kunst» und «Lachen», «Rausch» und «Regel» quasi nachbarschaftlich versöhnt.

Im Unterschied zu Wörterbüchern, Lexika und andern alphabetisch geordneten Informationsspeichern, bei denen die Eintragungen bekanntlich weitgehend standardisiert sind, bietet sich Eisendles «Abendsport» als ein belletristisches Handbuch dar, das die jeweiligen Themawörter in so unterschiedlichen Textsorten abhandelt wie der Anekdote, der Parabel, dem Mikroessay, dem Brief, der ironischen, polemischen oder wortspielerischen Glosse – Texten im Umfang von einer bis fünf Druckseiten. Im wesentlichen sind es aktuelle Lebens- und Leseerfahrungen, aus denen der Autor seinen Schreibimpuls gewinnt, oft auch Fakten und Bilder, die er über die elektronischen Medien rezipiert, oder einfach das, was man als «ewige Fragen» kennt. Eisendle lässt sich denn auch zu Allgemeinbegriffen oder Allerweltsphänomenen wie «Erinnerung», «Politik», «Natur», «Zeit» oder «Traum» vernehmen, er kommentiert «Karten, falsche» und «Kunst, österreichische», räsoniert über «Fax», «Quarks»  und «Videospiele», verweist auf den in sich widersprüchlichen Assoziationsreichtum von Wörtern wie «Loch», «Rausch» oder «Weil», tut seine Sympathie für den «Hund» kund, dessen unmittelbaren, durch keinerlei «Übersetzung» verfälschten Realitätsbezug er mit dem melancholischen «Ach» des naturfernen, der Wahrnehmungswelt längst entfremdeten Intellektuellen vergegenwärtigt.

Dass jene paradiesische Unschuld und Unmittelbarkeit nie wieder zu erreichen sein wird, auch nicht – und schon gar nicht – im Extremsport, auf Safari oder im Überlebensurlaub, ist auch Eisendle klar, gleichwohl gestattet er sich, hinab blickend von den Gipfeln der Klugheit, die Sehnsucht nach den grünenden Tälern des Unsinns und des schwachen Denkens, mithin nach einer Region, die heutigen Menschen wohl nur noch ganz kurzfristig, in ihrer frühen Kindheit, Heimat ist – wie vielleicht der «kleinen Klara, wenn sie Krixikraxi macht und Ente sagt». Sagt Helmut Eisendle.

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