Abendlandnovelle von Friederike Roth, 2011, SuhrkampAbendlandnovelle.
Langgedicht von Friederike Roth (2011, Suhrkamp).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau vom 24.1.2011:

Lesung Friederike Roth
Ein Notboot für die Utopien

Neuerscheinung nach 17 Jahren: Friederike Roths „Abendlandnovelle“ ist, wie nicht anders zu erwarten, ein gerade einmal 100 Seiten umfassendes und doch hoch konzentriertes Werk. Eine Stunde lang las sie in Bergen-Enkheim daraus vor; die Zeit verging schnell; ihre Zuhörer waren bei der Sache.

Im sich immer rasanter drehenden Hamsterrad des Literaturbetriebs sind 17 Jahre fast eine Ewigkeit. Eine Autorin, die über einen derart langen Zeitraum kein neues Buch veröffentlicht, wird von manchem bereits als vergessen eingestuft. In Bergen-Enkheim, das ist ganz sicher, hat man Friederike Roth, Stadtschreiberin der Jahre 1984/85, nicht vergessen.

Und so konnte ihr der Wunsch nach einer kleinen Veranstaltung, bei der sie ihr neues Buch „Abendlandnovelle“ vorstellen wollte, nicht erfüllt werden: Zu viele alte Freunde, Weggefährten und Leser fanden selbst an einem Sonntagvormittag den Weg in die Berger Bücherstube, als dass man von einem kleinen Rahmen hätte sprechen können.

Roths „Abendlandnovelle“ ist, wie nicht anders zu erwarten, ein schmales, gerade einmal 100 Seiten umfassendes und doch hoch konzentriertes Werk. Eine Stunde lang las Friederike Roth daraus vor; die Zeit verging schnell; ihre Zuhörer waren bei der Sache.

Die „Abendlandnovelle“ ist, das erfuhr man schnell und mehr als einmal, nicht zuletzt dank der von Buchhändlerin Monika Steinkopf vorgetragenen Begrüßungsrede des erkrankten Lektors von Friederike Roth, ein Text über das Anfangen und, nein, nicht den Zauber, der jedem Anfang innewohnt, sondern das darin bereits enthaltene Ende. Mithin selbstverständlich auch ein poetologischer Text über das Schreiben. Worin liegt die unerhörte Begebenheit? Darin, dass alles immer nur Wiederholung ist, auch der Beginn?

Roths Text flackert zwischen den existenziellen Fragen und der Komik, die sich im Dasein verbirgt. Er ist wütend, er ist melancholisch, er ist poetisch. Er hat Überraschungsmomente und rennt hin und wieder offene Türen ein, er springt zwischen den Zeiten und den Ebenen hin und her.

All das vorgelesen mit einer ruhigen, beherrschten Stimme. Ein eindeutig lyrisches Sprechen – die „Abendlandnovelle“ ist ein Langgedicht in drei Teilen. Im zweiten wird es breit; Kulturhistorisches vermischt sich mit Persönlichem; ein „Notboot“ zu Wasser gelassen, in dem die Utopien sich retten können. Dort werde, so heißt es, nur Zweckfreies produziert. Kundenkarten, Geheimnummern, Lachskanapees und Charity-Flyer sind verboten.

Ein eigentümliches Werk, das unter einer starken inneren Spannung zu stehen scheint, zwischen Neuansatz und Resignation. Im Anschluss gab es keine Fragen, sondern etwas zu essen, zubereitet von Berger Bürgern. Denn die vergessen ihre Stadtschreiber nie.

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