1.) - 4.)
Abendland.
Roman von Michael
Köhlmeier (2007, Hanser).
Besprechung von Bernhard
Windisch aus den Nürnberger
Nachrichten vom 15.08.2007:
Beichte aus Österreich
Michael Köhlmeier liest in Erlangen aus «Abendland»
Als Kabarett-Texter hat er begonnen, mit Büchern wie «Roman von Montag bis Freitag» hat er sich einen Namen gemacht, mit Nacherzählungen antiker und abendländischer Mythen ist er populär geworden: Der mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier (Jahrgang 1949) liest beim Erlanger Poetenfest (26.August, 17 Uhr) aus seinem Roman «Abendland», der jetzt erscheint.
Einen anspruchsvolleren Titel hätte der Schriftsteller wahrlich kaum wählen können. Da fallen einem fast zwangsläufig Titel wie «Die Philosophie des Abendlandes» oder «Der Untergang des Abendlandes» ein. Ein ganz so umfassendes abendländisches Spektrum wie Russell oder Spengler will uns der Autor zwar nicht liefern, rein zufällig wird er den Titel trotzdem nicht gewählt haben. Da ist Carl Jacob Candoris, ein Mathematiker in der Nobelpreiswarteschleife, Weltbürger, Frauenliebling und Jazz-Begeisterter, der sich als Fünfundneunzigjähriger berufen fühlt, eine Lebensbeichte abzuliefern.
Niederschreiben soll sie der Schriftsteller Sebastian Lukasser, Sohn des Jazz-Gitarristen Georg Lukasser, den der Mathematiker in den Jazzkellern des NachkriegsWien kennengelernt hat. Eine komplizierte Freundschaft zwischen Verehrung und Verachtung zweier grundverschiedener Menschen entwickelte sich. Und Lukassers Sohn erfährt zum ersten Mal Ausführliches über seinen frühzeitig verstorbenen Vater, von dem er nur unklare Vorstellungen hat.
Doch nicht von Lukassers Vater allein erzählt Candoris, er entwirft eine weitläufige, turbulente Generationsgeschichte, eine mosaikartige Weltgeschichte des 20.Jahrhunderts im Kleinen aus österreichischer Perspektive, die vom Großvater, der im Wien der Vor- und Zwischenkriegszeit ein berühmtes Kolonialwarengeschäft betrieb, über die Größen der Naturwissenschaft wie den «Vater der Atombombe» Robert Oppenheimer bis in die Gegenwart von Beziehungskrisen hineinreicht. Parallel dazu berichtet der erwählte Schriftsteller als Ich-Erzähler seine eigene Geschichte, die die Geschichte einer Selbstfindung ist. Massig interessanter Stoff also, der sich in die seit mehr als zwanzig Jahren sprudelnde Produktion (jedes Jahr mindestens eine Publikation!) des Romanciers und Mythenerzählers Michael Köhlmeier bruchlos einreiht.
Leicht aber macht es der Autor dem Leser von «Abendland» ganz und gar nicht. Geduld ist gefragt, wenn er in die verschachtelten, immer wieder abbrechenden, sich in Zeitsprüngen mehr seitwärts als vorwärts bewegenden Geschichten eintaucht und dem als Tonbandprotokoll wiedergegebenen Monolog des Mathematikers folgen will. Dabei zeichnet sich das Buch weniger durch Ironie und Witz noch durch Dramatik aus, sondern durch ausufernde Ausführlichkeit und Detailbesessenheit.
Die Österreicher haben mit Musil («Der Mann ohne Eigenschaften),
Broch («Die Schlafwandler»),
Canetti («Die Blendung») und
Thomas Bernhard einen nachgerade gigantischen Beitrag zur Weltliteratur des 20.Jahrhunderts geleistet. Ob sich Köhlmeier da einreiht, wird sich zeigen. Zunächst einmal erinnert das Volumen von fast 800 engbedruckten Seiten an die Vorgänger. Es fällt beim ersten Lesen nur auf, dass «Abendland» nichts mehr von einer wie auch immer gearteten österreichischen Morbidezza enthält; wie es ausschaut, schreibt man inzwischen auch dort geradlinig deutsch.
Dabei bleibt die Darstellung seltsam dem Privaten verhaftet. Das aber mögen auch nur die unangemessen-subjektiven Eindrücke eines Rezensenten sein, der sich von «den großen gestrigen Alten» nicht lösen kann.
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2.)
Abendland.
Roman von Michael
Köhlmeier (2007, Hanser).
Besprechung von Klaus
Zeyringer aus Der
Standard, Wien vom 18.8.2007:
Gute Geschichten, denkwürdige
Kreise
Michael Köhlmeiers großer Lebens- und
Zeitroman umfasst das ganze "Abendland", in all seinen Varianten, in
vielen politischen Wechselbädern
So sitzen zwei körperlich schwer Angeschlagene, der ältere im Rollstuhl, der jüngere in seiner Inkontinenz, und bewegen ihre Reden durch die Zeiten. Die Geschichten bringt der Schriftsteller ein Jahr nach Carls Tod in eine Erzählordnung, in die er, der ja an diesem Leben Anteil hatte, auch seine eigenen integriert, des Vaters USA-Tournee mit Chet Baker und seinen Freitod 1976, Mutters Rückzug ins Kloster ... So erstehen zwei narrativ ausgeführte Bilanzen, eine aus des Lebens letzten Zügen und eine vom Ende der mittleren Jahre. Da beide Männer viel herumgekommen sind und Carl ein welterfahrener Zeitgenosse war, trägt der umfangreiche Roman zu Recht den Titel Abendland: Michael Köhlmeier ist ein faszinierendes, vielschichtiges Panorama des 20. Jahrhunderts gelungen; eine ganze Reihe von schillernden Protagonisten und historischen Figuren, von großen wie kleinen Ereignissen und von Seitenthemen geben seiner literarischen Epochen- und Charakterbesichtigung eine seltene Intensität.
Die Schauplätze der Geschehnisse, deren Wurzeln bis zum Ausgleich Österreich-Ungarn 1867 zurückverfolgt werden, spielen auf allen Erdteilen, vor allem in den USA und immer wieder in Wien, in Westösterreich, in Göttingen, in Lissabon, wo Carl seine Frau Margarida kennen lernt. Abendland zeigt das "Abendland" in all seinen Varianten, in vielen politischen Wechselbädern: Monarchie und Diktatur und Republik, Kirche und Agnostiker, Heiligsprechung und Suizid, Morde in Deutsch-Südwestafrika um 1900, das stalinistische Moskau, englische Geheimdienstaktionen, Oppenheimers "Manhattan Project" und die Atombombe, den Nürnberger Prozess, eine tragische New Yorker Beziehung und eine Auszeit in North Dakota, die Musikszene und die deutsche Studentenszenerie und Psychoanalytisches im Wiener Kaffeehaus ... Es geht um Liebe und Sterben, Genie und Mittelmäßigkeit, Erfolg und Verzweiflung, Geheimnis und Verrat, ja es geht um Gott und die Welt. Dazu spannt Köhlmeier effiziente Bögen, schafft einen kunstvollen Rahmen, die diesen komplexen, so packenden Roman und auch den eigenen Erzählvorgang sowie die Verknüpfung der Ebenen mitreflektieren lassen.
"Es entsprach der von Carl bevorzugten Dramaturgie, bei einer Geschichte an ihrem Ende zu beginnen und in der Erzählung nachzuholen, wie es dazu gekommen war", vermerkt Sebastian Lukasser das "Raffinement dieser Strategie". Er übernimmt sie abgewandelt für seinen Bericht, indem er zwar selten mit einem Ende beginnt, aber doch mit einem narrativen Köder, einem Angelpunkt, dem Rückblicke folgen. Die Methode verfährt mit Elementen der Erinnerung wie ein Musikstück mit seinen Themen. Carl erzähle sein Leben nicht einfach nach, er wolle es inszenieren und "die Ausgestaltung der Themen" gebe er für des Schriftstellers Improvisation frei. Zentrale Gedanken über das Gedenken macht sich Carl ausgerechnet im Zusammenhang mit Mathematik und Musik. Nach einem Buch über Kurt Gödel erklärt er, dass die Erinnerung einen "denkwürdigen Kreis" von Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft und Vorzukunft beschreibe und immer "die Reflexion des Sicherinnernden über sich selbst mit einschließt"; in ihrer puren Form finde sie sich bei Bach, "wenn er ein Thema immer wieder aufnehme und verändere". Das ist alles nicht neu, hier freilich passt es bestens zum Erzählprogramm.
Gekonnt gestaltet Köhlmeier den Wechsel der Geschichte, der Perspektiven, gibt er einmal Carl direkt von der Tonbandaufnahme wieder, lässt dann Sebastian die Darstellung in die Schreibhand nehmen. Einige Male wendet dieser sich an seinen Sohn David, den er nach einer gescheiterten Ehe fast zwanzig Jahre nicht gesehen hat - und das scheint mir der einzige unklare Aspekt der Erzählhaltung: Wenn Sebastian für David schreibt, dann ist der umständlich einsetzende Einschub "Hier nun Biografisches über die Mitglieder meiner wiederentdeckten Familie" wenig plausibel, da für David ja nicht wiederholt werden müsste, was dieser selbst vermittelt hat. Hier dreht der narrative Pakt eine falsche Runde.
Allerdings gehören Redundanzen zum Konstruktionsprinzip des Romans, der zwei Leben und viele damit zusammenhängende Geschichten baut, sich dabei auf ein bekanntes Kulturfundament stützend: Sebastians großer Bucherfolg bietet Doppelporträts von Musikern, nach dem Vorbild von Plutarch. Köhlmeier entwickelt einige solcher Parallelismen, etwa jenen der katholischen Heiligen Edith Stein, die in Abendland Carls Tanten Nachhilfestunden in Philosophie gibt und sie vor dem Selbstmord rettet, sowie der Göttinger Mathematikprofessorin Emmy Noether, die Carl, ihren ehemaligen Dissertanten, vom Selbstvorwurf, ein Mörder zu sein, befreit: Die eine repräsentiert ein romantisches Deutschland, die andere ein aufgeklärtes - und in der deutschen Wirklichkeit endet die eine in Auschwitz, die andere im US-Exil.
Wie bei diesen beiden Figuren, so vermischen sich Geschichten und Zeitgeschichte, in Kreisen um diesen mitunter exzentrischen Charakter Carl Jakob Candoris. Sebastian bringt ihm zunächst nichts als Verehrung und Rundum-Behauptungen voller "nie" und "je" entgegen, sein "Schutzengel" sei er, "der großzügigste Mensch, den ich je kennengelernt habe", in so vielem "meisterlich", der "Inbegriff der Vernunft". Differenziert findet sich dieses Bild im Laufe des Erzählens und des Gesprächs, dessen Darstellung nach einer ausgeklügelten Dramaturgie von Zeit zu Zeit die Schilderungen der Vergangenheiten unterbricht, sodass Köhlmeier sukzessive beide Hauptfiguren tiefgreifend zu gestalten vermag. Die Art, wie Carl erzählt, sein - wenn nötig - weit geschwungener Bogen, regt den Schriftsteller und die narrative Vorgangsweise des Romans an: "Nicht die Begebenheit, gleichgültig, ob schwerwiegend oder nebensächlich", entscheide über "Tiefe und Weite des Raumes in der Vergangenheit, der erzählend mit Sinn erfüllt wird, sondern die Frage, wie viele andere Begebenheiten, also: wie viel Welt diese eine Begebenheit unter ihr Diktat zwingt."
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3.)
Abendland.
Roman von Michael
Köhlmeier (2007, Hanser)
Besprechung von Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau, 1.10.2007:
Die Wahlverwandten
Vom Ich-Erzähler eines Romans, der seitenlang über seine Inkontinenz erzählt, dem unkontrollierten Harnausfluss nach einer Prostataoperation, ist keine Heldengeschichte zu erwarten. Zögerlich nähert sich der Schriftsteller Sebastian Lukasser dem Gedanken, eine Auftragsbiografie zu schreiben: Carl Jacob Candoris, ein berühmter Mathematiker und Weltbürger jenseits der 90, möchte sein Leben kurz vor seinem Tod in eine erzählbare Geschichte überführt wissen. Lukasser sträubt sich; die Geschichte des Mannes ist eng mit seiner eigenen verknüpft.
Allgegenwärtige KunstfigurCarl Jacob Candoris ist ein väterlicher Freund, der die Eltern Lukassers zusammengebracht und Sebastians Vater Georg, einen genialischen Jazzmusiker, mäzenatisch unterstützt und über schwere Lebenskrisen, künstlerische Versagensangst und Alkoholsucht hinweggeholfen hat. Candoris sei, so hat schon früh die Mutter befunden, der Schutzengel der Familie, ein Schutzengel allerdings, der den Selbstmord von Sebastians Vater nicht zu verhindern vermochte. Was erzählt werden muss, ist im Freudschen Sinn ein Familienroman, und Sebastian Lukasser wird bei der Sichtung des fremden Lebensmaterials immer stärker auch mit seiner eigenen Biografie konfrontiert, einem brüchigen Bildungsroman und einer langen Liebes- und Trennungsgeschichte.
Die Rahmenhandlung wird bald von zunächst
zusammenhanglos erscheinenden Nebenerzählungen überwuchert. Auf fast 800
Seiten breitet der Österreicher Michael Köhlmeier ein Patchwork aus, in dem
gut ein Dutzend oft tragischer Lebensgeschichten miteinander verknüpft werden.
Die Zentralfigur Candoris ist derart mit historischer Erfahrung gesättigt, dass
es die biografische Form sprengt. Candoris ist kein Zeitgenosse, der Geschichte
bloß erlebt hat. Seine Allgegenwärtigkeit in den Nervenbahnen des 20.
Jahrhunderts lässt ihn zu einer Kunstfigur werden, unterwegs zwischen
Wissenschaft, Kunst, Handel und Politik. Wie ein mal träges, mal beschleunigtes
Teilchen hat er sich als teilnehmender Beobachter in bedeutenden Milieus und am
Rande historisch entscheidender Augenblicke bewegt. Schon die Addition seiner
persönlichen Begegnungen könnte ein eigenwillig-exemplarisches Lexikon der
Zeitgeschichte ergeben.
Geschickt verwebt Köhlmeier authentische Biografien mit den Lebenswegen seines
Romanpersonals. Eine Förderin der geistigen Anlagen des jungen Candoris ist
Edith Stein, jene vom jüdischen Glauben zum Katholizismus übergetretene Nonne,
die, von den Nazis ermordet, postum heilig gesprochen wurde. Als Mathematiker
forscht Candoris im nachrevolutionären Moskau im Kreis der legendären
Wissenschaftlerin Emmy Noether. Während der Nazizeit arbeitet er als
polyglotter Agent amerikanischen Diensten zu und verbringt später drei Jahre
seines Lebens damit, Julius Robert Oppenheimer in Los Alamos beim Bau der ersten
nuklearen Waffen zu assistieren. Nach Kriegsende beobachtet Candoris einige Tage
die Nürnberger Prozesse, und in New York entwickelt er sich zu einem
einflussreichen Freund und Kenner des Jazz.
Carl Jacob Candoris ist eine unwahrscheinliche Figur - und Michael Köhlmeiers
"Abendland" ein unwahrscheinlicher Roman. In der knappen Nacherzählung
wirkt die Geschichte konstruiert und überfrachtet. Kaum zu glauben, dass ein
und dieselbe Person, mit Widersprüchen, Versuchungen und Schuld belastet,
derart gleichmütig durch das Jahrhundert der Katastrophen gegangen sein soll.
Tatsächlich ist Candoris' Leben eine Odyssee zwischen Geist und Gewalt. Über
mehrere Jahre glaubt er, in Moskau einen Menschen getötet zu haben, später
fasst er den Entschluss, den Liebhaber seiner Frau umbringen zu lassen. Die
Morde finden nicht statt, in Gedanken aber sind sie verübt worden.
Jahrhundertpanorama
Und so organisiert Michael Köhlmeier nicht
zuletzt auch ein experimentelles Werk, in dem die Ideen- und Wissensgeschichte
des 20. Jahrhunderts durch das Romanpersonal geschleust wird. Er generiert ein
suggestives Kraftfeld aus Zahlenspiel, Logik und Improvisation. Wissenschaft
trifft Jazz. Das klingt nach einer immanenten Überforderung der Gattung Roman,
doch Köhlmeiers opulentem Entwurf gelingt das Kunststück, die zunächst störend
sichtbare Versuchsanordnung im Verlauf der erzählten Episoden zum Verschwinden
zu bringen. Und so sind in "Abendland" anrührende Liebesgeschichten
ebenso enthalten wie spannende Erkundungen historischer Nebenflüsse. In einem
wird die Geschichte von Hanns Alverdes erzählt, einem deutschen Abenteurer,
dessen Skrupellosigkeit im Hereroaufstand von Namibia mündet und in
"Abendland" zu einem verstörenden Lehrstück über Gewalt wird.
Hinweise zum literarischen Verfahren der Verknüpfung von derlei "odds and
ends" finden sich im Roman selbst. Nachdem Sebastian Lukasser sich für
einige Jahre von seinem Förderer Candoris entfernt hat, geht er in die USA und
schreibt für den Lebensunterhalt so genannte "double-tales". Im
Auftrag des Folk-Veteranen Alan Lomax, auch er eine authentische Figur, sammelt
Lukasser Musikerbiografien und kombiniet sie auf überraschende Weise: Django
Reinhardt und Jimi Hendrix, Duke Ellington und Johann Strauß, Hank Williams und
Johann und Josef Schrammel. In diesen Biografien werden Parallelen und gegenläufige
Tendenzen sichtbar. Das Unpassende und das Naheliegende müssen sich zueinander
verhalten.
Michael Köhlmeier, Jahrgang 1949, reflektiert hier wohl auch die eigene schriftstellerische Erfahrung. Es gibt kaum eine Textsorte, die er nicht ausprobiert hätte. In über 30 Jahren sind zahlreiche Erzählungen und Romane entstanden, aber auch Märchen und Nachdichtungen von klassischen Sagen des Altertums.
Ein Schuss Größenwahn
Immer wieder hat sich Köhlmeier von der Wucht
authentischer Fälle inspirieren lassen. Auslöser für seinen Roman
"Spielplatz der Helden" (1988) war eine Nachricht im Spiegel,
derzufolge eine Gruppe junger Österreicher zu einer waghalsigen Grönland-Expedition
aufgebrochen war. Schon nach wenigen Tagen lagen sie heillos im Streit und
hatten jegliche Kommunikation abgebrochen. Köhlmeier suchte die Abenteurer nach
ihrer Rückkehr auf und schrieb einen packenden Roman über die Möglichkeit und
Unmöglichkeit moderner Grenzüberschreitung. "Die Musterschüler"
(1989) reflektierten die Schuld ehemaliger Schüler am Tod eines Mitschülers.
In "Bleib über Nacht" (1993) wandelte Köhlmeier auf den Spuren
seiner eigenen Familiengeschichte, und "Abendland", so scheint es, bündelt
all diese Themen noch einmal.
Dass der Roman kein unbescheidenes Projekt ist, lässt bereits der Titel
erahnen. Für das ehrgeizige Vorhaben sind Begriffe wie Epochenroman und
Jahrhundertpanorama verwandt worden. Ein Schuss Größenwahn ist Köhlmeier kaum
abzusprechen. Er ist aber ein disziplinierter Erzähler, der sich Pathos und
Sentimentalität nicht gestattet. Erzählerische Inkontinenz ist Köhlmeiers
Krankheit nicht. Es geht ihm um die Möglichkeit, die Hybris des 20.
Jahrhunderts mit schriftstellerischen Mitteln darzustellen.
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4.)
Abendland.
Roman von Michael
Köhlmeier (2007, Hanser)
Besprechung von Peter Mohr aus dem titel-magazin,
14.11.2007:
Lebensbeichte eines Seniors
Abendland – in die Schlussauswahl zum
Deutschen Bücherpreis gekommen – ist ein urwüchsiges literarisches Monstrum,
das von jedem Leser mit einem großen Kraftakt individuell gebändigt werden
muss.
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