1.) - 2.)
652 km nach Berlin.
Roman von Silvia
Szymanski (2002, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Katharina
Rutschky in der Frankfurter Rundschau, 30.3.2002:
Nach
dem Paradigmenwechsel
Bitte im Stillen lesen: Silvia Szymanski kommt
sehr gut ohne Berlin aus und auch ohne Sex
Wenn Berlin dreieinhalb Millionen Einwohner hat, dann leben 79 Millionen Deutsche in Gegenden, die aus der arroganten Perspektive der alt-neuen Hauptstadt Provinz sind. Müssen also alle, die ein bisschen Mumm haben, deshalb umziehen? Silvia Szymanski hat es nicht getan und verrät schon im Titel ihres vierten Buches, wie weit weg Berlin für die Menschen immer bleiben wird, von deren Leben sie mit Kenntnis und Gusto erzählt.
Der Titel 652 km nach Berlin erinnert mich an die Meilensteine, die in der Nachkriegszeit irgendwo aufgestellt wurden und die Entfernung zum Beispiel nach Breslau angaben. Berlin kommt also nicht vor in Szymanskis vielsplittriger Erzählung vom Leben in Gegenden, wo ein paar Buslinien, der Fahrplan und die Haltestellen dazu strukturbildend wirken, modern gesprochen. Wichtiger ist die Familie, die Nachbarschaft, auch die Feindschaft und das Vertrautsein mit alten Geschichten. Jedem Nest- und Landflüchter wird flau bei der Erinnerung an diese Welt, die Szymanski liebt und verteidigt, ohne sie im Geringsten zu verschönen oder zu idealisieren, wie es der Heimatroman früher tat.
Von den jungen Autorinnen, die in den letzten Jahren zu literarischen Ehren und Erfolg gekommen sind, ist die 1958 geborene Rheinländerin vielleicht die älteste. Was sie getan hat, ehe seit 1998 in schneller Folge zwei Romane und ein Erzählungsband erschienen, denen jetzt der im letzten Jahr entstandene Band folgt, wird nicht verraten. Die Ich-Erzählerin Sophia hängt, soziologisch gesehen, auch ein wenig in der Luft. Treu hängt sie aber an ihrer Cousine und Freundin von Kindesbeinen ebenso wie an der ganzen übrig gebliebenen Verwandtschaft mit polnischen Wurzeln. Die Frauen sind ebenso katholisch wie allen möglichen abergläubischen Praktiken zugetan. Die Besuche bei den alten Frauen, die gerade noch leben, wecken Erinnerungen an alle möglichen Ereignisse aus einer Kindheit im Grenzland bei Aachen.
In der Gegenwart liebt Sophia Amir, einen schönen Türken, dem sie beim Gelderwerb hilft. Per Schwarzarbeit löst er Wohnungen auf und versorgt die umliegenden Flohmärkte mit Ware. Die ganze, leicht zu lesende, aber höchst komplexe Geschichte hat insofern einen Anfang und ein gutes Ende, als Sophia endlich ihren Amir kriegt. Oder ist der Heiratsantrag in den unterirdischen Gewölben, die sie beide entdecken, samt Kinderskeletten und einem Schatzbehälter, nicht so ernst gemeint, wie Sophia hofft?
Szymanski hat zuerst mit Eröffnungen über das Liebes-, besser Sexleben junger Frauen in der Provinz reüssiert. Sie hat davon mit Sachkenntnis, aber nicht ohne Feuer für die Sache und Sympathie für die Personen erzählt. Nun hat Szymanski erklärt, über Sex alles geschrieben zu haben, was sie weiß, um sich anderen Themen zuzuwenden. Damit hat sie in diesem Buch begonnen. Von den Kindheitsgeschichten Sophias und den Geschichten der Eltern, Onkel und Tanten greift sie aus in die Geschichte der Orte und Landschaften in ihrer Provinz. Mit leichter Hand und einer genauen, oft pointierten Sprache bewegt sie sich auch in der Gegenwart, wo ihr türkischer Geliebter bedroht wird, sein Machismo auch ihr zu schaffen macht und der neue Krieg die Gedanken beherrscht - jedenfalls hin und wieder.
Szymanski hat etwas zu sagen und kennt eine Welt, aus der sie als Erzählerin lange schöpfen kann, wenn ein Talent wie das ihre noch besser geschult wird, als es bisher offenbar der Fall war. Denn das Buch zeigt einige Schwächen, mit denen die Autorin nach ihrem tapferen Paradigmenwechsel in Zukunft kämpfen muss. Ich nenne zwei: Dass die Erzählerin Sophia irgendwie fleischlos und sozial unbegreiflich ist, habe ich schon erwähnt. Die Ich-Erzählerin liefert auf Dauer eine allzu gemütliche und kunstlose Perspektive auf den Stoff. Es spricht zwar für das große Talent der Autorin, dass man die Traumsequenzen mit ihren evozierten Bildern, aus denen der Text zu einem Viertel besteht, ohne Befremden und ohne den Impuls, sie einfach auszulassen, mitnimmt. Es stört schon mehr, dass das Buch in 17 Teile zerfällt, die dann ihrerseits in vielen Bröckchen serviert werden und ein unruhiges Seiten-Layout erzeugen. Prosa besteht aus Absätzen, nicht aus einzelnen Sätzen, wie poetisierende Frauen zu denken scheinen. Hier droht der Absturz.
Dem Buch ist eine CD beigegeben, auf der Szymanski liest und dabei so im Stil von "Jazz und Lyrik" von anno dazumal begleitet wird. Mein Rat: Werfen Sie das ungehört weg; denn Szymanski hat keine Stimme, kann nicht vorlesen, und die Musik - na, Schwamm drüber. Das Buch, klassisch stumm und still gelesen, das reut nicht.
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2.)
652 km nach Berlin.
Roman von Silvia
Szymanski (2002, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Christoph Schröder in der
Frankfurter Rundschau, 3.8.2002:
Keine große Sache
Silvia Szymanski liest in der U-Bar aus
"652 km nach Berlin"
In Herbstbach gibt es überhaupt nichts mehr, aber ein Dorffest. Und ein Denkmal für die gefallenen Helden. Davor sitzt die übrig gebliebene Bevölkerung, kippt Bier in sich hinein und sagt Sätze wie "Was fremd ist, wird nie richtig heimisch" oder "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen." In Herbstbach schauen die Kühe über den Zaun "wie eine Horde gewaltbereiter Gangster-Rapper", und Oma Finkenrath bemängelt, dass Tony Marshall ganz gewiss kein Volksdeutscher sei, ebensowenig wie Roy Black und Roberto Blanco auch, aber das fällt nicht weiter ins Gewicht, weil Oma Finkenrath die drei ohnehin für ein und die selbe Person hält.
In Finkenrath am Niederrhein - Oma Finkenrath heißt Oma Finkenrath, weil sie in Finkenrath wohnt -, nahe der holländischen Grenze, "der Schmugglergrenze", haben die Kohlebagger die Landschaft zerwühlt und dann einfach liegen gelassen, damit sie wieder zuwuchern kann. Das Ergebnis ist eine bizarre, faule Idylle. Dort bewegen sich Sophia und Amir und entrümpeln Häuser, lösen Haushalte auf. Ein schwüler Sommer, schwitzig und unangenehm.
Silvia Szymanski hat bislang über Sex geschrieben in ihrem Erzählungsband Kein Sex mit Mike oder ihrem Roman Agnes Sobierajski. In der U-Bar des U 60311 in Frankfurt las die 1958 geborene Autorin aus ihrem neuen Roman 652 km nach Berlin, in dem plötzlich alles anders ist als in den voran gegangenen Büchern, keine potenziell Anstoß erregenden Szenen mehr, keine Frauenfiguren, die sich vor sich selbst schützen müssen, um nicht endgültig unterzugehen, "ängstlich vor Übergriffen, versessen auf Halt", wie es in Agnes Sobierajski einmal heißt. Es scheint, als habe Silvia Szymanski eine demonstrative Kehrtwende vollzogen, als habe sie sich "von einer Mode emanzipiert, die als Fräuleinwunder firmierte", so der Schriftsteller Jamal Tuschick in der Einführung.
So sitzt Szymanski auf ihrem unbequemen Barhocker und sieht aus wie ein verspätetes Hippiemädchen mit leicht entrücktem Blick und einer großen roten Gitarre um den Hals. In den Lesepausen spielt und singt Szymanski, die auch Sängerin der Band Tortuga Jazz ist, Lieder von Hildegard Knef und Johnny Cash, singt von Liebe und von feigen Menschen, die sich für ihre Gefühle schämen, um dann wieder in die Welt von Sophia und Amir zu führen.
Von der Räumung des Hauses von Herrn Kulessa erfährt man, der nicht nur in geistiger Verwirrung Selbstmord beging, sondern ganz offensichtlich auch am Messie-Syndrom litt, ein Sammler, der sein Haus mit unnützem Krempel vollgestopft hatte. Von skurrilen Begegnungen mit Passanten und vor allem von Sophias Erinnerungen an ihre Kindheit, an die Großmutter oder an eine Pilgerfahrt nach Kevelaer.
652 km nach Berlin ist eben nicht nur weit weg von der Hauptstadt, sondern auch von allem anderen. Die großen Ereignisse findet man hier nicht. Aber für die kleinen Dinge findet Silvia Szymanski ab und zu erstaunlich schöne Sätze.
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