39,39 von Frédéric Beigbeder, 2001, Rowohlt39,30.
Roman von Frédéric Beigbeder (2001, Rowohlt).
Besprechung von Susanne Gießen in der Frankfurter Rundschau, 7.6.2001:

Manchmal geraten auch Joghurts ins Zweifeln
Frédéric Beigbeder stellt im ausverkauften Literaturhaus seinen Roman "39,90" vor

Frédéric Beigbeder (sprich: Bägbeedee) sieht aus wie ein Schwabing-Schnösel, der sich heute mal ei n bisschen locker gemacht hat. In Jeans mit Jeanshemd, Ledermokassins und Hornbrille klemmt sich der große Mann zwischen Tisch und Stuhl, nur die protzige Uhr zeugt von seiner Vergangenheit als Spitzenverdiener in der Werbung. Bcbg - bon chic bon genre heißen die Schickis in Frankreich. Oder Nap, weil sie in den noblen Pariser Vororten Neuilly, Auteuil und Passy wohnen; tatsächlich wurde Frédéric Beigbeder 1965 in Neuilly sur Seine geboren und hat später zehn Jahre als bcbg-Kreativer in der Werbung gekokst und getextet.

Über die Werbewelt hat er jetzt einen Roman geschrieben. Er heißt 39,90 (erschienen im Rowohlt Verlag) - der Titel ist der Preis ist der Slogan ist die Botschaft des Buches: "Alles ist vorläufig, alles ist käuflich. Der Mensch ist eine Ware wie alle anderen, er hat ein Verfallsdatum. Deshalb bin ich entschlossen, mit 33 abzutreten." Im Gegensatz zu seinem Ich-Erzähler Octave Parango - den soll man ja nicht mit dem Autor verwechseln - ist Frédéric Beigbeder nun schon 35 Jahre auf der Welt, die er so sehr verachtet; nach seinem Rausschmiss bei der Agentur Young & Rubicam hat er das Metier gewechselt und ist jetzt Spitzenverdiener im Literaturbetrieb.

Octave Parango ist ein hoch bezahlter Kreativer, der kokst, hurt und von Geld und Luxus völlig verdorben ist; Markenklamotten und ein BMW Z3 können solange Ordnung in seine Welt bringen bis er in Miami, beim Dreh für einen Joghurt-Werbespot, American-Psycho-mäßig eine alte Frau umbringt. Wie schlimm's um die Geld-, Sex- und Markenwelt tatsächlich steht, ob die Werbung schuld an der Misere ist und wie die Literatur Widerstand leisten kann, darum geht's in einer Diskussion nach der deutsch-französischen Lesung. Bloß sitzen auf dem Podium eindeutig zu viele Leute, die was zu verkaufen haben: Der Moderator sein Französisch, ein Werber die Werbung, Beigbeder seine Idee und Florian Illies die Generation Golf (Titel seines Buches) der zwischen 1965 und 1982 Geborenen, die gerne mit Ikea, Playmobil und dem Golf groß geworden ist.

"Wir leben doch alle sehr gut", sagt Florian Illies und nennt den "Wallraff-Impetus" Beigbeders nicht besonders originell. Beigbeder heißt Illies einen "garçon", will selbst auf gar keinen Fall zur "génération golfe" gehören und findet "sympathisch, dass er Couplands Idee der Generation X aufnimmt". Aus dem Publikum kommt Gepöbel: Eine Lachfront fordert mehr Humor, eine Meckerfront will mehr Mut. Heraus kommt nichts, außer: Beigbeder ist ein Joghurt, der zweifelt, und Illies ein Golf, der nicht nachdenkt.

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