365.
Roman von Doris Mayer (2010, Picus).
Besprechung von Helmut Schönauer -
schoenauer-literatur.com, 2010:

Manchmal baut sich das Ungeheuerliche deshalb vor unseren Augen auf, weil es gar nicht beschrieben ist. Wir sehen, dass alles aus den Fugen geraten ist und machen uns als Leser daran, das Verfremdete irgendwie auf die Reihe zu kriegen.

Doris Mayer nennt ihren Post-Katastrophen-Roman schlicht "365". Diese Zahl suggeriert natürlich sofort einen Jahresablauf, in dem die Tage zu durchnummerierten Sequenzen zusammengeschrumpft sind.

Tatsächlich geht es um unendlich viele Einzelheiten und eine großangelegte Stimmung. Etwas Gigantisches muss passiert sein, denn die einzelnen Partikel liegen wie ausgerissene Gliedmaßen eines höheren Gebildes im Alltag verstreut. Die meisten Menschen sind stumm, tot, bewusstlos oder sonst wie eingefroren. Es kann aber auch sein, dass bloß der Beschreibungszustand ein falscher ist und deshalb die Figuren leblos wirken, wie ja auch manchmal Figuren ihr totes Pokerface durch die Gegend tragen und eine eingefrorene Persönlichkeit spielen.

Wahrscheinlich ist, dass eine Katastrophe stattgefunden hat, ein Ereignis, das einen Großteil der Bevölkerung leblos gemacht hat. Vielleicht sind auch bloß innere Komponenten des Gesellschaftssystems explodiert und haben es aus den Angeln gehoben.

Als Hauptfigur stellt sich ein junger Mann in den Vordergrund, er durchstreift seine Privatzone, den öffentlichen Bereich, die Bars, und überall der gleiche Vorgang, die Figuren sind tot oder stehen wie Schachfiguren auf dem Feld einer ehemaligen Bedeutsamkeit.

"Sie schlief, was sonst. Er umfasste ihre Schultern, hob ihren Oberkörper an. Ganz starr. Er umarmte sie sacht, wollte mit seiner Wärme ihren schrecklichen Schlaf beenden. Ihre Stirn. Kalt. Eisig. Eine Höhle öffnete sich. Stalaktiten hingen von der Decke. Sein verzweifelter Schrei erschütterte die Tropfsteingebilde." (32)

Aber quasi wie ein Schatten folgt dem Beobachter der so genannte Bärtige, der gewalttätig auf alles los geht, was sich ihm in den Weg stellt. In diesem klassischen Verfolger-Verfolgten-Szenario versucht der junge Mann so etwas wie Sinn zu finden und sucht wie in einem Märchen das rothaarige Mädchen.

Wie in einer gewöhnlichen Fünf-Tage-Woche durchstreifen die Helden die tote Szenerie in fünf Kapiteln. Die eigentlichen Darsteller dieser seltsamen Welt freilich sind die Begebenheiten, die wie Horror-Fragmente aus einem schlechten Traum sich in unlösbare Aufgabenstellungen verlieren. So wirkt auf den ersten Blick scheinbar alles wie immer, nur dass nie ein Ende auftaucht und alle Kleinigkeiten in einen großen Schrecken überschwappen.

Doris Mayer erzählt in einem sachlichen, lakonischen Protokollstil von einer Welt, die beim Erzählen zusammenbricht in totes Material. Die Figuren sind entkernt und meist auf einer einzigen Eigenschaft aufgebaut (der Bärtige, das Au-Pair-Mädchen, die Rothaarige).

Am Schluss wird alles aufgeräumt, indem die Geschehnisse protokolliert werden. Dann ist der Spuk vorbei. 365 ist ein eigenartig kalter, utopischer und dennoch gegenwärtig naher Roman über eine Katastrophe, die jederzeit ausbrechen kann oder vielleicht schon während der Lektüre probehalber ausbricht.

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