36,9° von Nora Bossong, 2015, Hanser36,9°.
Roman von Nora Bossong (2015, Hanser).
Besprechung von Marcus Neuert für die Rezensionen-Welt, Januar 2016:

Die Temperatur der Liebe

Wenn ein Roman, der uns eine historische Persönlichkeit nahezubringen gedenkt, von seiner Autorin mit der regulären Betriebstemperatur des menschlichen Organismus betitelt wird, so kann das zweierlei bedeuten: Erstens, dass es in diesem Buch nicht primär um die historische Leistung der zugrundeliegenden Persönlichkeit geht, sondern eher um den Versuch einer Darstellung seines privaten (Er-)lebens, seiner Gefühls- und Gedankenwelt. Zweitens, dass dieses Buch eine Parallele in der Gegenwart sucht, eine Form von Spiegelung, die das aus der geschichtlichen Überlieferung Beschriebene durch das Beispiel eines (frei erfundenen) Protagonisten ins Allgemeingültige zu heben bestrebt ist.

Beides scheint bei Nora Bossongs nunmehr viertem Roman “36,9°” der Fall zu sein. Das Buch ist ein Liebes- und Beziehungsroman, in welchem uns neben dem nicht nur für den italienischen Kommunismus wegweisenden Philosophen und Journalisten Antonio Gramsci und seiner Beziehung zu der russischen Genossin Julia Schucht, die er während eines Sanatoriumsaufenthaltes in Moskau kennenlernt, auch ein Ausschnitt aus dem Leben des fiktiven deutschen Gramsci-Forschers Anton Stöver erzählt wird, dessen Ehe gerade endgültig in die Brüche zu gehen droht, und der im Rom des 21. Jahrhunderts nach verschollenen Aufzeichungen Gramscis aus dessen Haftzeit unter den Faschisten suchen soll, sich aber mehr erotischen Tagträumen hingibt.

Beide Handlungsstränge nehmen in etwa gleich viel Raum ein. Bossong verwebt sie formal dadurch geschickt miteinander, dass die Gramsci-Perspektive im Präsens erzählt wird und die Stövers im Präterritum, was die Zeiten für den Leser zusammenrücken lässt. Doch während die Darstellung Gramscis durch die Autorin, seine Liebes-, Krankheits- und Haftgeschichte, vor allem aus seinen Gefängnisaufzeichnungen und den Briefen an seine Frau Julia interpoliert wird und Bossong ihn zunehmend zu einer tragischen Figur werden lässt, wirkt die Sicht der Autorin auf ihr literarisches Geschöpf Anton Stöver trotz der gewählten Ich-Perspektive ironisch-distanziert. Er wird uns als Inbegriff des sich selbst überschätzenden, in Wahrheit aber menschlich wie beruflich gescheiterten Intellektuellen des deutschen Kulturbetriebes vorgeführt.      

So ist ein gut lesbares Verhältnis aus “schweren” und “leichten” Passagen entstanden: den Gramsci-Kapiteln allein würde vielleicht ein Hauch zuviel Pathos anhaften, die Stöver-Geschichte isoliert wäre kaum mehr als ein unterhaltsamer Seitenhieb auf eine literarisch immergrüne Beziehungskistenthematik. Ineinander verschlungen ergibt sich ein über weite Strecken mit der poetischen Leichtigkeit der Könnerin erzählter Roman, der auf unterschiedlichen Ebenen vom Scheitern der Liebe handelt, vielleicht von ihrem Scheitern-Müssen.  

Natürlich bleibt bei all dem weder im Gramsci- noch im Stöver-Strang die Politik außen vor. Im Falle des Italieners beschränkt sie sich jedoch weitgehend auf die Beschreibung der äußeren Vorkommnisse im Italien und der Sowjetunion der Zwanziger und Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Bezug auf die Handlung. Der umfangreiche Ideenkanon Gramcis findet kaum Widerhall, was einige Kritiker des Romans offenbar als verpasste Chance empfunden haben. Daran wäre sich auch allerdings leicht zu verheben gewesen. Doch Bossong wollte augenscheinlich eben gerade keinen biografischen Roman über Gramsci schreiben, sondern an Hand seiner Person das Zusammenspiel der Aspekte von Krankheit und Haft, Liebe und Vergeblichkeit ausloten. Die Stöver-Handlung steuert hierzu eine augenzwinkernde Abrechnung mit Altachtundsechzigertum und den hormongesteuerten Fantasien eines nicht mehr ganz taufrischen Durchschnittsakademikers bei. Während Gramsci immer klarer wird, dass es ihm nicht gelingen kann, sich rein auf das Geistige zurückzuziehen, stellt sich für Stöver diese Frage gar nicht erst wirklich. Und doch lässt Bossong letztendlich auch ihn als tragische Figur zurück, als clownesken Abklatsch des großen (körperlich freilich winzigen) Gramsci. Stöver scheitert, weil er keinen konsequenten Weg für sich findet und in Abhängigkeiten zwischen Mutter, Ehefrau, Liebschaften und Universitätsbetrieb stets Ausreden findet, nicht für sich selbst geradestehen zu müssen. Dieses Scheitern bleibt privat und ist ohne unmittelbare Wirkung für die Gesellschaft. Gramsci hingegen scheitert zwar durch seine angegriffene Gesundheit, die harten Haftbedingungen und die Trennung von seiner Frau, hinterlässt mit seinen Gefängnisaufzeichnungen aber bleibende Erkenntnisse: “Der gesellschaftlichen Liebe geht stets die bedingungslose Liebe zu einem einzigen Menschen voraus […] Denn was genau ist diese Liebe? Ein Irrtum, bedroht durch Verlust. Man kann, so scheint mir, keinen Staat aufrechterhalten, der auf einer solchen Liebe basiert. Jeden anderen Staat aber werden wir nicht ertragen.” (S.318).

So bleibt als Quintessenz vielleicht der Hinweis, den wir ganz zu Anfang durch den Titel des Buches bekommen haben: die Liebe ist und bleibt, auf welcher Ebene und aus welcher Perspektive wir sie auch immer betrachten, an den lebendigen Menschen gebunden. Sie wird nur im Ausnahmefall wärmer als jene 36,9 Grad, auch wenn es sich mitunter so anfühlt. 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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