31 Songs von Nick Hornby, 2003, KiWi

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31 Songs.
Buch von Nick Hornby (2003, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Clara Drechsler und Harald Hellmann).
Besprechung von Frank Schäfer in Neue Zürcher Zeitung vom 20.03.2003:

Das Wissen um die Begrenztheit
«31 Songs» - Nick Hornbys Aufsätze über die Ästhetik der Popmusik

Nick Hornby, der Autor von Bestsellern wie «High Fidelity» oder «About A Boy», setzt sich in «31 Songs» mit seiner Schwäche für die Popmusik auseinander. In ihrer Vergänglichkeit sieht er ein Zeichen ästhetischer Reife.

Es gibt einen latenten Widerspruch in «31 Songs», diesem klugen, neuen Buch von Nick Hornby, das sich als Sammlung von Aufsätzen über seine Lieblingssongs tarnt, aber sehr viel mehr ist: «Ich wollte in erster Linie darüber schreiben, was in diesen Stücken steckt, das mich dazu gebracht hat, sie zu lieben, nicht darüber, was ich in diese Songs hineingehört habe», heisst es im einleitenden, programmatischen Text. Neunzig Seiten später, in den Assoziationen zu Van Morrisons «Caravan», muss er dann jedoch einräumen: «Dieses Buch setzt nicht voraus, dass Sie und ich exakt dasselbe heraushören; mit anderen Worten, es geht nicht um Musikkritik.» Durch die abschwächenden Attribute wird die Aporie ein bisschen verkleistert. Aber eigentlich gibt Hornby hier zu, dass man ohne ein «Hineinhören» nicht auskommt und die Suggestivität eines Popsongs nicht wirklich objektiv erklären kann: dass man folglich, um die Qualität eines Popsongs zu beschreiben, stets gezwungen ist, auch über sich selbst zu schreiben.

Nun könnte man vermuten, dass Hornby im Verlauf des Schreibens einsehen musste, dass seine Beschreibungskompetenz nicht ausreichte (weil sie niemals ausreichen kann), um die Transzendenz des gelungenen Songs ohne individuelle Teilhabe anschaulich zu machen. Wahrscheinlicher aber ist, dass er sich dessen gar nicht bewusst war. Denn obschon er zunächst etwas anderes avisiert, macht er dann intuitiv das Richtige und protokolliert, was seine musikalischen Favoriten mit ihm anstellen - und das heisst ja auch immer: was er mit ihnen anstellt. Und indem Hornby sein Leben mit Musik beschreibt - also Rezeptionssituationen, soziale Konditionierungen, ästhetische Prämissen -, setzen sich seine Illuminationen nach und nach zu etwas Grösserem zusammen: nicht nur zu einer charmanten Apologie des Pop wider seine Verächter, sondern auch zu einer eigenen Ästhetik. - Natürlich ist ein Popsong ein ephemeres Phänomen, «ein Wegwerfprodukt», das weiss auch Hornby, aber er weiss auch, dass seine mitunter selig machende Wirkung von diesem Wissen überhaupt nicht berührt wird. Ausserdem gibt es genügend Gegenbeispiele, Stücke, die in unserem Kollektivbewusstsein immer noch nachhallen. Aber Hornby dreht den Spiess um: Dass Popmusik es zunächst gar nicht auf Unvergänglichkeit abgesehen habe, scheint ihm kein Defizit, sondern «ein Zeichen für ihre Reife, für das Wissen um die eigene Begrenztheit» zu sein.

Und vielleicht sogar eine Art barockes Demuts-Exerzitium? Das schreibt Hornby zwar nicht, aber es fehlt nicht viel dazu. Und derlei metaphysische Spekulationen sind ihm auch keineswegs fremd. Anhand zweier Balladen von Aimee Mann und Ani DiFranco bedenkt er die Qualitätsunterschiede von Melodie und Text und kommt schliesslich zu dem Schluss, dass Musik als die reine Form der Kunst den Text immer als Ballast mit sich herumschleppe und dadurch verunreinigt, sozusagen hybrid werde, gleichermassen «göttlich inspiriert und menschlich unzulänglich». Weiter: «Vielleicht können nur Songwriter ungefähr ermessen, wie Jesus sich an einem miesen Tag gefühlt hat.»

Liebesliedern gelinge es noch am ehesten, die Erdenschwere vergessen zu machen, weil Romanzen «von Natur aus als Metapher für Musik selbst geeignet sind. Songs, die von komplizierten Dingen handeln - sagen wir von kanadischen Gerichtsbeschlüssen oder dem Mindestalter für sexuelle Kontakte zwischen Homosexuellen -, lenken die Aufmerksamkeit auf die inhärente Künstlichkeit des Mediums. (. . .) Aber da es Brauch ist, über Herzensdinge zu schreiben, scheint die Sprache ihre Unbeholfenheit zu verlieren, transparent zu werden, so dass man durch die Worte hindurch ungehindert die Musik sehen kann.» Mit anderen Worten, Liebe ist eine anthropologische Konstante und folglich wie die Musik selbst fast voraussetzungslos und unmittelbar sinnfällig, während die anderen von ihm genannten Themen in viel stärkerem Masse kulturell vermittelt sind.

Ebenso luzid ist aber auch Hornbys Auseinandersetzung mit Pop-immanenten Problemen, etwa dem, dass Nachgeborene sich bei den Klassikern stets mit einem irreversiblen Verlust an Authentizität herumplagen müssen. Ein guter Song bleibt ein guter Song, aber die Aura, die er bei der ersten Chart-Placierung besass, verliert sich mit den Jahren. «Wie mag es gewesen sein, ‹Like A Rolling Stone› 1966 im Alter von neunzehn oder zwanzig zu hören?» Dass diese Frage nicht zu beantworten ist, gehört zur Tragik jedes Pop-Archäologen. Und Hornby vermutet, dass die «Versessenheit auf B-Seiten, alternative Versionen und unveröffentlichtes Material» nur als eine Art Kompensationszwang zu verstehen sei, als Versuch, diese Erbschuld für einen Moment vergessen zu machen: «Wenn man heute Dylan oder die Beatles in ihrem unverwechselbar eigenen Sound und auf dem Höhepunkt ihres Schaffens hört (. . .), dann erlebt man ein kurzes, aber elektrisierendes Aufblitzen ihres Genies.» Und näher kommen «wir Spätgeborenen» der verlorenen Unschuld nicht mehr....Fortsetzung

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31 Songs von Nick Hornby, 2003, KiWi2.)

31 Songs.
Buch von Nick Hornby (2003, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Clara Drechsler und Harald Hellmann).
Besprechung von Elke Buhr in der Frankfurter Rundschau, 8.4.2003:

Weltwissen eines Popfans
In "31 Songs" enthüllt Nick Hornby, der Meister der Liste, seine Privatcharts

Den echten Popfan erkennt man daran, dass er die Welt nach dem Modell der Charts organisiert. Zum Jahreswechsel schickt er an Stelle von Neujahrsgrüßen die Liste seiner zehn Lieblingssongs der vergangenen zwölf Monate herum, sein Gemütszustand bemisst sich nach der Anzahl des täglichen Inputs von Leonard-Cohen-Songs, und auch seine realisierten und erträumten Liebschaften wird er mit hoher Wahrscheinlich auf einer imaginären In- und Out-Liste abtragen.

In der Literatur der Neunziger ist, wie der Germanist Moritz Baßler in seiner Studie über den deutschen Pop-Roman so überzeugend dargelegt hat, die Liebe zur Liste die eigentliche Innovation: Die "neuen Archivisten" à la Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht ersetzen psychologisierendes Tiefengeschürfe durch präzise Aufzählungen von Vorlieben, Accessoires oder Produkten und treffen gerade dadurch den Punkt.

Der Meister der Liste aber ist Nick Hornby: Der Mann, der in seinem Roman High Fidelity als erster die These gewagt hat, dass die gesamte Lebensgeschichte eines Menschen anhand der verschiedenen Ordnungen erzählbar ist, die er seiner Plattensammlung gibt. Insofern ist es nur konsequent, dass das jüngste Buch von Hornby nicht Roman, nicht Erzählung, sondern nur noch Liste ist: 31 Songs heißt es, eine Best-of-Compilation von Texten in Single-Länge, die jeweils einen von Hornby geliebten oder - seltener - gehassten Song zum Thema haben.

Nun sind persönliche Best-Of-Rankings in den meisten Fällen vor allem für die fleißigen Aufzähler von Belang, und so könnte einen die Frage, welche Titel es eigentlich in Herrn Hornbys Liste der am häufigsten gespielten Platten geschafft haben, ungefähr so brennend interessieren wie das Schicksal Juliettes angesichts der zweiten Staffel Superstars - wenn nicht, und das ist das Schöne an dem erfahrenen Popfan Nick Hornby, selbst die enthusiastischste Fanpose hier das nötige Maß an selbstironischer Reflexion mittransportierte. Hornbys Listen waren immer schon gleichzeitig die Parodie ihrer selbst, und die britische Lakonie des Autors wird ihn auf ewig davor bewahren, komplett in die wichtigtuerische Pose eines Reich-Ranicki des Pop zu verfallen. Und so wird gleich sein erstes Bekenntnis - für Statistiker: Es dauert genau sechs Seiten, bis er den Platz eins seiner zwanzig meistgespielten Platten enthüllt - gleichzeitig zu einer genauen Analyse dessen, wie solche Lieben zu Songs eigentlich funktionieren.

Dass Nick Hornby das Stück "Thunder Road" von Bruce Springsteen ungefähr tausendfünfhundertmal in seinem Leben aufgelegt hat, liegt nämlich, so die Erkenntnis, nicht an dessen überragender Qualität: Hornby findet es vielmehr überfrachtet und humorlos, seine romantische Untergangsstimmung abgeschmackt. Aber für ihn ist "Thunder Road" das Stück, das ihm einmal gesagt hat, wer er war und was er werden wollte. In "Thunder Road" träumt Springsteen vom Ruhm, und so wurde es Hornbys trotziger Soundtrack zu jedem Ablehnungsschreiben als junger Schriftsteller, in späteren Jahren fand Hornby dort seine eigene Angst vor dem Älterwerden aufgehoben. Eine akustische Version lässt ihn verlorene Lieben und verpasste Gelegenheiten aufleben, und selbst heute, als erfolgreicher und gleichzeitig wieder von ganz avancierten Kreisen angefeindeter Chart-Autor, erkennt er sich selbst im Bild des ewig verspotteten Bosses, der sich selbst treu zu bleiben versucht.

Guter Pop ist also einer, der einem etwas über sich selbst erzählt und der einem hilft, in allen Lebenslagen. Ein Popsong ist wahlweise das weiche Taschentuch, das einem den Rotz der Lebenskrise abwischt, er ist der Panzer, der ein weinerliches Jüngelchen zum starken Ritter macht, er ist das Gleitmittel für die Liebe und der kühlende Eiswürfel im Drink danach. Und weil Nick Hornby um dieses absolute Eingebundensein des Pop in funktionale Zusammenhänge weiß, versucht er sich gar nicht erst in zweifelhaften Beweisketten zum Thema "Die Beatles sind doch besser als die Stones" oder: "Warum Bob Dylan immer der größte sein wird".

Stattdessen preist er den "wohltuenden Schwachsinn", in den ihn ein Träller-Song von Nelly Furtado versetzt - für den ernsten Pop-Experten gefährlichste Mainstream-Ware. Er raisonniert über die Schwierigkeiten, gute Songs zu schreiben und kommt zu der Erkenntnis, dass die Heutigen gar nicht schlechter sind als "Hey Jude" oder "Yesterday", nur werden sie zufällig nicht gleich als Essenz eines ganzen Jahrzehnts gesehen. Und es gelingen ihm genaue Fallstudien zu den Strategien stilistischer und sozialer Abgrenzung mit Popmitteln, wenn er beschreibt, wie ihm ein Song der norwegischen Elektro-Popper Royksopp gerade so lange gefiel, bis er ihn zweimal bei Starbuck's gehört hatte.

Kein Wunder also, so Hornby, wenn die Jüngeren auf möglichst obszöne Rapper ausweichen; für die ältere Generation, die ihrer Musik nicht im nächsten Einkaufszentrum begegnen wollen, empfiehlt der freundliche Poponkel Country.

Kurz, Nick Hornbys Fantum ist denkbar undogmatisch und deshalb symphatisch. Wahrscheinlich werden seine eigenen Fans die Gelegenheit trotzdem nicht auslassen, aus 31 Songs eine Bibel für mindestens das nächste Jahr zu machen. Im Anhang finden auch sie das nötige Material dazu: Die Liste aller erwähnten Songs in Reinform, mit Erscheinungsort und Tipps, wo es sie zu kaufen ist. Kann man gleich in die nächste mail kopieren und an all die anderen notorischen Auflister weiterschicken.

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31 Songs von Nick Hornby, 2003, KiWi3.)

31 Songs.
Buch von Nick Hornby (2003, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Clara Drechsler und Harald Hellmann).
Besprechung von Gülcin Wilhelm in freitag vom 25.4.2003:

Seele zeigen
In »31 Songs» zeigt sich Nick Hornby als Sprachrohr einer lautlosen Generation

In dem neuen Buch des britischen Autors Nick Hornby, bekannt durch seine Kultbücher Fever Pitch und High Fidelity geht es um Popmusik, nach Fußball Hornbys zweite Passion. Er benutzt 31 Songs, um seine Ansichten zur Popmusik in 31 kleinen Essays zu präsentieren. Auf den ersten Blick erscheint es, dass dieser Liste seine Erinnerungen zugrunde liegen und er das eine Lied mit dem ersten Kuss und das andere mit den Sommerferien 1973 assoziiert. Das Auswahlkriterium dieser dennoch subjektiven Liste ist aber, dass er diese Songs immer wieder gern hört; sie erinnern ihn einfach an ebendiese Songs und weisen selbst beim tausendsten Auflegen keine Abnutzungserscheinungen auf. Von den 31 Künstlern kennt man Aimee Mann, Santana, Van Morrison, Patti Smith, The Velvelettes, aber nicht The Bible, Butch Hancock and Marce La Couture. Das spielt aber auch keine Rolle.

Hornby betont gleich am Anfang, dass die Bezeichnung »Pop« in dem Buch auch Rock, Soul und Reggae umfasst. Diese Vielfalt zeigen auch die besagten Songs. Dass wiederum die Lieblingsstücke eines 46-jährigen Popfans nicht nur Bob Dylans Can You Please Crawl Out Your Window oder Led Zeppelins Heartbreaker sind, sondern in 31 Songs auch ganz neue Künstler - wie D´Angelo oder Nelly Furtado - Beachtung finden, macht das Buch alles andere als nostalgisch. Hornby kritisiert die statische Sicht von nicht wenigen Ignoranten, die die Dialektik, die der Musik innewohnt, nicht erkennen und immerwährend der goldenen alten Zeit nachtrauern. Sie warten - so Hornby - auf weitere Lennon/McCartneys, die der Popmusik die nächste Revolution verpassen sollen. Man gebe dadurch den besten Songwritern zu verstehen, es sei wertlos, was sie momentan tun und marginalisiere sie. Ein richtiger Fan brauche neue Impulse.

Über Bob Dylan schreibt er, dass er es bedauere, dessen bedeutende Stücke nicht im richtigen Alter und im richtigen Jahr gehört zu haben. Und überhaupt sei ihm der Wirbel um Dylan unverständlich; nach seiner Auffassung spricht die beste Musik nämlich die Seele und nicht den Verstand an. In der ganzen Dylan-Verehrung erkennt er den Versuch, genau das Gegenteil zu suggerieren. Hier scheut Hornby sich nicht, auf Rod Stewart oder Bruce Springsteen zu setzen, was in der Pop-Szene sehr wahrscheinlich als peinlich gelten würde. Beeindruckend ist seine souveräne Urteilskraft, was Geschmack betrifft.

Hornby findet, die Songtexte zu Liebe nutzen sich nie ab, die Liebesgeschichten seien einfach als Metapher für Musik geeignet. Dagegen klingen die Songs, die zum Beispiel die missliche Lage der Eskimos thematisieren, wie Zeitungsartikel. Sie können nicht so oft gehört werden wie die über romantische Gefühle und leben daher nicht lange. Er schreibt: »Musik ist wie Farbe oder eine Wolke - weder intelligent noch unintelligent - sie ist einfach.« Wenn ein Song das Geheimnisvolle, Ironische und Nachdenkliche in sich birgt, lasse ihn sagen: »das bin ich«, genauso wie dies einige Schriftsteller über ihre Figuren erreichen. Dieses unerklärliche Phänomen charakterisiert er als eine der tröstlichen Eigenschaften der Kunst. Hier setzt er sich mit jenen Feuilletonisten auseinander, für die nur die Kunstwerke zählen, die »provozierend«, »verstörend« oder »bedrohlich« sind. Wer schon einmal in Hornbys ganz und gar nicht unintellektuelles Universum eingetaucht ist, dem wird die Courage klar, die in dieser souveränen Kritik steckt.

Nick Hornby ist ein versierter Kritiker, der für eine Reihe von Zeitschriften über Popmusik schreibt. Dennoch ist damit zu rechnen, dass einige seiner Kollegen auch im Falle von 31 Songs »die Welt, die er porträtiert, so furchtbar gewöhnlich« finden, wie er sie in seinem Buch zitiert. Genau dieser prunklose angelsächsische Stil entspricht jedoch seiner Generation, nämlich der »78er«, die im Gegensatz zu ihrer Vorgänger- und Nachfolgergeneration etwas weniger marktschreierisch daherkommt.

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