24 Stunden
offen.
Gedichte von Jürgen
Theobaldy (2006, Verlag Peter Engstler).
Besprechung von
ve
in Neue
Zürcher Zeitung vom 20.01.2007:
Gedichte von Jürgen Theobaldy
ve. Jürgen Theobaldy legt mit «24 Stunden offen» einen neuen Gedichtband vor, der einerseits aus alten, seit den siebziger Jahren verstreut erschienenen und anderseits aus neueren Texten besteht; der Band spannt damit einen weiten Bogen, welchen der Autor in einer Nachbemerkung glättet: «Gedichte sind immer hier und heute, sind ihre jeweils eigene Klangfarbe, Nuance der Weltsprache Poesie und radikal gegenwärtig.» Es ist die am Fluss der natürlichen, alltäglichen Rede orientierte und dennoch lyrische Sprache, welche die Leserinnen und Leser in Atem hält; sie scheut weder das Unverblümte noch die symbolische Anspielung. «Unreine Reime / sind feiner als reine», endet das dem US-amerikanischen Beat-Poeten Richard Brautigan gewidmete Eröffnungsgedicht «Hallo Richard!». Feinsinn aus dem Unreinen zu gewinnen, dem von der traditionellen Lyrik gemeinhin Verpönten, Geringgeschätzten, das ist eine der Stärken von Jürgen Theobaldy. Nicht selten schaffen Situationen und Stimmungen, wie sie vielen schon begegnet sind, die Atmosphäre, aus der Theobaldy die Verse entstehen lässt, Momente wie: Man liest einen Roman, man liegt auf dem Bett und hört Musik, man sitzt in einer Bar, einem Café, einer Trattoria, man hat Feierabend, geht in ein altes Kino usw. Dabei führen diese Gedichte durchaus an viele Orte, zum Beispiel ins alte Rom, ins Hitler-Deutschland, zu Billie Holiday, Sappho oder Kolumbus. Doch es ist der scharfe Blick für das Einzelne – diesen eingefangenen einen Abend, diese Stunde –, der Theobaldys Gedichten die lyrische Durchschlagskraft gibt.
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