1.)
- 2.)
1Q84.
Roman von
Haruki Murakami, (2010,
DuMont - Übertragung Ursula Gräfe
).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 8.10.2010:
Bei allen bösen Typen, die nachts
aus dem Maul einer blinden Ziege steigen und Ähnliches im Sinn haben wie es der
Große Bruder in Orwells "1984" getan hat: Das ist eine Liebesgeschichte.
Es haben zwei Kinder, als sie zehn waren, in der Schule "an einem wunderschönen
klaren Nachmittag" Händchen gehalten und sind verliebt geblieben, obwohl sie
einander verloren haben. Aber wenn man sich durch mehr als 1000 Seiten kämpft
und "Er" am Ende sagt "Ich werde Aomame finden" (Aomame, das ist "sie") - so
darf man schon fragen, ob da jemand wo ang'rennt ist. Der - nur vermutlich -
letzte Band von Haruki Murakamis "IQ84" ist zwar kürzlich in
Japan erschienen. Aber die deutsche Übersetzung wird vom DuMont- Verlag
erst für Herbst 2011 angekündigt.
Wird man dann überhaupt die Fortsetzung dieser Künstlichkeit
weiter lesen wollen? Man wird. Denn Murakamis Roman-Monster hat was. Nämlich
derart viel Nebel, dass man die Herausforderung annimmt und und die
Nebelscheinwerfer einschaltet. Eine Langatmigkeit hat er mitunter auch. Aber
nach solchen Stellen greift Murakami sofort zum Sex.
Dann
lässt er "sie" (also Aomame") zum Beispiel in einer Bar einen verdutzten
Geschäftsmann fragen, ob er einen großen Schwanz hat. "Es ist nicht so, dass ich
nichts fühle oder so, wenn er nicht groß ist. Nur dass mir größere eben
gefühlsmäßig ziemlich gut gefallen ..." Ein bisschen Klarheit kann man schon
verschaffen.
Tokio, 1984
Aomane (das heißt "Erbse") ist 29, hat ein größeres linkes Ohr, kennt zehn
Arten, einen Mann in die Hoden zu treten und, noch interessanter: Im Auftrag
einer alten Dame, die Schmetterlinge sehr gern hat, bringt sie
Männer um, die ihre Frauen oder Kinder misshandelt haben.
"Er" heißt Tengo, ist ebenfalls 29, Mathematiker, Schriftsteller und hat
"Blumenkohlohren". Er schreibt, mit ihrer Erlaubnis, den Debütroman
einer wortkargen 17-Jährigen um, damit dieser zum Bestseller werden kann. Der
Stil des Mädchens ist noch nicht so gut, aber die Geschichte von den Little
People und der Ziege haut einen um.
Die Little People gibt's wirklich Ganz, ganz böse. Ihre Zentrale haben sie in
den Bergen bei der Sekte der "Vorreiter". Weil der Chef dort Kinder
vergewaltigt, will ihn Aomame töten. Wieso will er selbst getötet werden? Bis
jetzt war's ja harmlos.
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2.)
1Q84.
Roman von
Haruki Murakami, (2010,
DuMont - Übertragung Ursula Gräfe
).
Besprechung von Isabella Pohl aus Der Standard, Wien vom
9.11.2010:
Wien - Man merkt es kaum, wenn man die Welt verlässt: Im Stau auf einer japanischen Stadtautobahn weist ein mystischer Taxifahrer der Heldin Aomame einen geheimen und geheimnisvollen Schleichweg. Über eine Treppe klettert sie, die Blechlawine fliehend, zurück in die Stadt - und betritt damit eine neue Welt. Eine Parallelwelt. Erst später wird sie sich an die Worte des Taxifahrers erinnern, der ihr veränderte Wahrnehmungen ankündigte und vor einem Schritt warnte, der nicht rückgängig zu machen sei.
Das Jahr 1984 (sic!) nimmt fortan für Aomame einen anderen Verlauf: Ein zweiter Mond am Himmel ist das nur ihr sichtbare Zeichen, dass die Welt von einer unbekannten Dimension überlappt wird. Nach knapp 200 Seiten erklärt sich dem Leser der Titel des neuen Romans von Haruki Murakami: Ein "Q" für "Question" in der Jahreszahl zeigt diesen Weltenwechsel an. Im Japanischen Original entspricht diese Änderung einem fonetischen Synonym. Murakamis mit Spannung erwarteter Roman 1Q84 ist diesen Herbst zeitgleich in zahlreichen Übersetzungen erschienen - auch im Deutschen ist man von der Unart, Murakamis Texte ob ihres sprachlich weniger anspruchsvollen Stils rasch aus dem Englischen zu übersetzen, abgekommen. Ursula Gräfe zeigt mit ihrer stilsicheren Übersetzung, dass sich das lohnt: Schmucklos, unaufgeregt, dabei mit glasklaren Untertönen und treffsicheren Pointen kommt die lakonische, kühle Sprache Murakamis hervor.
1Q84, das in seiner gut tausendseitigen deutschen Ausgabe (DuMont) die ersten zwei von drei, laut Gerüchten aus Japan möglicherweise sogar vier Teilen enthält, ist ein präzise konstruiertes erzählerisches Meisterwerk: Murakami überlässt nichts dem Zufall und fesselt den Leser mit seinen fantastischen Plots, atemraubenden Spannungskurven und kunstvoll verknüpften Erzählebenen. Der Roman schildert in wechselnden Kapiteln die Perspektiven der beiden Hauptfiguren: Aomame, eine junge Fitnesstrainerin, und Tengo, ein Schriftsteller, der als Mathe-Lehrer arbeitet.
Mit zehn Jahren (ein Alter, das noch tiefere Bedeutung bekommt) verlieben sich die beiden ineinander, als Erwachsene haben sie sich aus den Augen verloren und zehren von dieser Liebe. Aomame beseitigt als Auftragskillerin im Nebenjob (und in der Überzeugung, damit der Allgemeinheit zu dienen) Männer, die Frauen und Mädchen körperliche und sexuelle Gewalt angetan haben.
Sex-Rituale einer Sekte
Tengo überarbeitet als Ghostwriter das Romanmanuskript der siebzehnjährigen Fukaeri, das zum Bestseller wird. Die geheimnisumwitterte Fukaeri ist in einer Sekte aufgewachsen, die sich "die Vorreiter" nennt und dubiose sexuelle Rituale mit Minderjährigen praktiziert - hier treffen die beiden Erzählstränge aufeinander, denn Aomame tritt an, um den Sektenführer zu eliminieren. Über allem schwebt die Bedrohung der surrealen "Little People", die als eine Art bösartiger Heinzelmännchen über die Sekte ein Tor zur Welt gefunden haben.
Es geht ums Ganze in 1Q84, um große Themen; zum Ende des zweiten Teils (Teil drei erscheint in Japan nächstes Jahr) bahnt sich ein großer Kampf um das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse an. Und auch erzählerisch ist 1Q84 ganz auf Suspence und Superlative ausgerichtet: Das Ausloten der Möglichkeiten, nicht zuletzt jener der Literatur, die auf einer Metaebene durchleuchtet werden, das Spiel mit der Realität, mit der Individualität von Wahrnehmung, die vielen Querverweise und Bezüge zur japanischen Kultur und Mythologie, zur Literatur- und Musikgeschichte (etwa zu Bachs Wohltemperiertem Klavier) verdichten sich in 1Q84 zu einem überwältigenden Erzählkosmos - lange hat kein Roman sich derart eigengesetzlich gezeigt.
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