1979 von Christian Kracht, 2001, Kiepenheuer & Witsch1.) - 3.)

1979.
Roman von Christian Kracht (2001, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 16.10.2001:

Guck mal, wer da lacht
Zwei aus der Pop-Ecke: Christian Kracht stellt seinen zweiten, Rebecca Casati ihren ersten Roman in der Batschkapp vor

Jetzt hat er es ihnen aber gegeben. Dem Publikum in der gut gefüllten Batschkapp. Seinen Lesern und den Fans der Popliteratur, denen Christian Kracht ansonsten, hauptsächlich über den Umweg von Büchern anderer Popliteraten, nur als zynisches, koksendes Arschloch mit Dandy-Attitüden bekannt gemacht wurde. Die von ihm erwarten, dass Kracht auf der Bühne eine eitle One-Man-Show abzieht wie sein Kumpel Stuckrad-Barre. Dass er sich lustig macht über Alltagsphänomene, dämliche Angewohnheiten und modische Stilbrüche. Und dann das: Eine Strafkolonie im chinesischen Niemandsland, Folter und Misshandlung, politische Umerziehungsmaßnahmen, Hunger, Durst und Schmerzen, auf menschlichem Kot gezüchtete, zerstampfte Maden, die die Gefangenen als Proteinspender heimlich in die dünne Lagersuppe mischen.

"Ich war ein guter Gefangener. Ich habe niemals Menschenfleisch gegessen." So endet Christian Krachts neuer Roman 1979, sein zweiter nach Faserland, der stilbildend war. Der Ich-Erzähler in 1979 könnte eine Figur aus Faserland sein, ein kreuzdummer Innenarchitekt, Kokser und Jet-Set-Partygänger. Auf dubiosen Wegen verschlägt es ihn nach Tibet, wo er von chinesischen Soldaten als russischer Spion verhaftet und in einem Umerziehungslager interniert wird. Das Erstaunliche: er fühlt sich halbwegs wohl, denn auf eine merkwürdige Weise kommt er sich selbst dort so nahe wie nie zuvor - das Lager als Reinigung von Dekadenz und sinnentleerter Lebenshohlheit.

Eine Erlösungs-, eine Auslöschungsphantasie? Ein Abgesang des Autors auf eine literarische Bewegung, die er selbst mitinitiiert hat? Oder nur ein großer Spaß? Christian Kracht selbst erzählte in der Harald-Schmidt-Show, er habe beim Schreiben sehr lachen müssen, weil er den eigenen Kitsch sonst nicht habe ertragen können. In der Batschkapp wurde recht wenig gelacht über Christian Kracht, dem während seiner in monotonem Tonfall gehaltenen Lesung krankheitsbedingt hin und wieder die Stimme versagte, was seinem Text eine spezielle Färbung gab.

Wenig zu lachen, nur aus anderen Gründen, gab es auch bei Glamour-Kolumnistin Rebecca Casati, die zuvor aus ihrem ersten Roman Hey, Hey, Hey vorgelesen hatte. Ganz davon abgesehen, dass Casatis säuselnde Telefon-Erotik-Stimme nach spätestens drei Minuten auf die Nerven ging, und dass es nun einmal problematisch ist, als Autorin aus der Perspektive eines männlichen Ich-Erzählers zu erzählen und umgekehrt (hier geht es gründlich daneben), offenbarte der Auszug aus Hey, Hey, Hey das größte Dilemma der Popfraktion: Ein paar nette Ideen und ebensolche Beobachtungen aus dem Alltag rechtfertigen noch lange keinen Roman. Und als Beweis von Belesenheit als Zugabe ein Benn-Gedicht vorzutragen, war auch nicht gerade ein guter Einfall. Das kann jeder.

Casati hat das Publikum gestreichelt. Dann kam Kracht und packte den Dampfhammer aus. Gut so.

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1979 von Christian Kracht, 2001, Kiepenheuer & Witsch2.)

1979.
Roman von Christian Kracht (2001, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Michaela Ernst aus Kurier, Wien, vom 14.12.2001:

Aus entwicklungstechnischer Sicht agiert Christian Kracht völlig logisch: Vor sechs Jahren schrieb der intelligente, junge Mann aus wohlhabendem Haus einen Roman über einen Schnösel, der durch ein Deutschland der Reichen und Schönen zieht. Mit „Faserland“ wurde Kracht einer der Begründer der „Popliteratur“. Bejubelt ob der gelungenen Momentaufnahme, gehasst für seine überhebliche Attitüde, die Teil des Spiels war. Doch irgendwann erzeugt die blank polierte Oberfläche Überdruss; es wächst die Sehnsucht nach dem Gebrochenen.

Die Leere

Krachts jüngstes Buch, „1979“, bricht mit allem, was vorher wichtig war: Mit Berluti-Schuhen, den besten Schuhen der Welt mit Champagner-Orgien. Was kommt, ist allerdings nicht das, was man erwarten würde. Es folgt eben nicht die Rückbesinnung auf wahre Werte, wie Ernsthaftigkeit oder Menschlichkeit. Im Gegenteil: Krachts Elementar-Erlebnis findet sich im blanken Überleben in einem chinesischen Umerziehungs-, später Arbeitslager, wieder. Der homosexuelle Held, der zu Beginn mit seinem gebildeten Freund eine dekadente Party in Teheran besuchte, endet damit, Maden in den eigenen Exkremente zu züchten, um seine kargen Mahlzeiten mit Eiweiß anzureichern. Legte er anfänglich seinen exquisiten Geschmack auf den Präsentierteller, ist er am Ende stolz: „Ich habe nie Menschenfleisch gegessen.“

In „Faserland“ tänzelte Kracht um die ästhetizierte Leere herum, in „1979“ ist er bei der kulturellen Leere angelangt: Es herrscht (fast) völlige Entmenschlichung. Ein packendes, verstörendes Buch, das über die Personengeschichte hinaus Denkstoff liefert. 1979 war das Jahr des Umsturzes im Iran, Khomeini übernahm die Macht. Doch die Revolution läuft wie in einem Parallelfilm ab. Der Ich-Erzähler interessiert sich nicht für den Islam. Vielleicht weil es wirklich nur um eines geht: Den tiefsten Punkt.

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1979 von Christian Kracht, 2001, Kiepenheuer & Witsch3.)

1979.
Roman von Christian Kracht (2001, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Gerhard Zeillinger aus diePresse, Wien, vom 15.12.2001:

Ertrinken im Meer von Cornflakes und Coca Cola
Christian Krachts Abgesang auf den Westen

Autor und Verlag hätte eigentlich kein besserer Erscheinungstermin "widerfahren" können. Denn der Hintergrund in Christian Krachts Roman "1979", die islamische Revolution im Iran, erhält nunmehr seine schmerzliche Gegenwärtigkeit auch in der Motivation. "Wir haben uns alle verschuldet, weil wir Amerika zugelassen haben. Wir müssen alle Buße tun. Wir werden Opfer erbringen müssen, jeder für uns."

Damals wie heute geht es "um den großen Satan, um Amerika", um die vermeintliche Ursache alles "Bösen". Fortan soll es nur eine Sache geben, die "stark" ist: den Islam. "Alle anderen werden in einem schaumigen Meer aus Cornflakes und Pepsi-Cola und aufgesetzter Höflichkeit ertrinken." Doch nein, um einen erneuten Untergang des Abendlandes will es hier nicht gehen, auch wenn uns der Autor, und zwar sehr überzeugend, eine dekadente westliche Welt unmittelbar vor ihrem Ende in Teheran vor Augen führt. Während der Umsturz schon im Gang ist, sind der Held und dessen Freund Christopher, die einmal ein Paar waren, Gäste auf einer Drogenparty, auf der mindestens so merkwürdige Gestalten herumlaufen wie sie selbst: albern, dekadent, leer.

Im Untergang einer Gesellschaft scheint auch das Ich geradezu folgerichtig zu verschwinden, folgerichtig, weil seine Identität auch vorher ja kaum definiert war: ein wenig gebildeter Schweizer Designer, vom Styling seiner Existenz angeekelt, weil er weiß, daß er keinen Stil hat. Aber zuerst verschwindet der Freund; schon krank während der gesamten Reise, stirbt er am Drogenkonsum in einem Teheraner Krankenhaus. Als der Protagonist vor der Frage steht, wie er das Land wieder verlassen kann, taucht ein obskurer Partygast noch einmal auf und macht sich mit einem Dollarbündel erbötig. Nicht in den Westen zurück solle der Protagonist, sondern in die andere Richtung, nach Tibet, einen heiligen Berg finden und ihn umwandern.

Hier nun fängt es an, metaphysisch zu werden. Der heilige Berg, "in vielen Religionen als das Zentrum des Universums angesehen, als Welt-Lotos", soll "das aus den Fugen geratene Gleichgewicht" im Leben des Ich-Erzählers wiederherstellen. "Eine einzige Umrundung wäscht die Sünden eines ganzen Lebens rein." Der politische Hintergrund - an ihm ist der Autor offenbar nicht interessiert - tritt nun zurück, statt dessen müssen wir Informationen wie jene über uns ergehen lassen, wie es sich in Berluti-Schuhen auf steinigen Pilgerwegen gehen läßt. Das kann wohl nicht das "Opfer" sein, das erbracht werden muß, das bleibt auch dem Ich-Erzähler anfänglich unverständlich - und dann passiert es ihm irgendwie doch und erscheint ihm so selbstverständlich wie das Befremdliche in Kafkas "Strafkolonie".

Am heiligen Berg gerät der Protagonist in chinesische Gefangenschaft, und ein wenig, als hätte er sie fast herbeigesehnt, sieht er darin sogar seine Befreiung: Im chinesischen Straflager, in der Entwürdigung der menschlichen Existenz, in der von den Behörden auferzwungenen regelmäßigen "Selbstkritik" erfährt der Ich-Erzähler seine Selbstreinigung - nur, was hat das mit der politischen Folie am Anfang noch zu tun?

Der Schweizer Kracht, Jahrgang 1966, gilt als Popliterat. Man muß aber sagen, hier handelt es sich doch um einen sehr erwachsenen Roman, der freilich weniger Roman als vielmehr Fabel sein mag, die Fabel vom Ekel vor dem eigenen Leben, das sich hinter hohlem Ästhetizismus und dekadentem Zynismus verbirgt. Dem gegenüber steht die radikale Idee vom Gottesstaat als letztem Mittel gegen den westlichen Lebensstil. Diese Polarität sichtbar zu machen ist Kracht gelungen, der Weg daraus, den der Protagonist nimmt, ist jedoch fragwürdig, weil er noch zynischer wirken muß.

Da will einer seine Individualität weglegen wie ein wertloses Stück Papier, auf dem seine bürgerliche Existenz vermerkt ist, und sein Heil im Kollektiv einer Lagerhölle, in täglich exerzierter systematischer Selbsterniedrigung finden, als wäre der allgemeinen moralischen Verrottung nur durch Auslöschung des einzelnen zu begegnen. Soll das nun ernst gemeint, ein zynischer Reflex oder doch nur Persiflage sein? Ich habe die Befürchtung, daß es ersteres ist.

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