1948.
Brechts Zürcher Schicksalsjahr (2006,
Chronos-Verlag, von Werner Wüthrich).
Besprechung von Martin Krumbholz in Neue Zürcher Zeitung, 13.12.2006:

Lebensdramen
Zwei Bücher über Bertolt Brecht in Zürich

Am 5. November 1947 betrat ein kleiner Mann den Boden der gottesfürchtigen Schweiz, der sich eine knappe Woche zuvor, am 30. Oktober, vor einem sogenannten Ausschuss zur Verfolgung unamerikanischer Umtriebe gegen den Vorwurf hatte verteidigen müssen, ein Kommunist zu sein, und wahrheitsgemäss ausgesagt hatte, er sei nie Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen. Bereits am nächsten Tag hatte der staatenlose Dramatiker Bertolt Brecht die Vereinigten Staaten für immer verlassen, obwohl eben in New York die Premiere des «Galileo Galilei» mit Charles Laughton in der Titelrolle anstand, und suchte nun, vorübergehend, eine «residence ausserhalb Deutschlands».

Schicksalsjahr

Diese Wahlheimat sollte Zürich sein, damals so etwas wie die heimliche «Kulturhauptstadt Europas»; hier, im Pfauentheater, waren während des Krieges Brecht-Stücke von einem hochkarätigen Ensemble aufgeführt worden, und der exilierte Schriftsteller hoffte auf ein günstiges Klima, um seine experimentelle Theaterarbeit fortsetzen zu können: in Chur, wo er seine Bearbeitung der «Antigone des Sophokles» inszenierte, und eben in Zürich, wo seine «Puntila»-Komödie zur Uraufführung kam.

Werner Wüthrich beschreibt in seinem Buch «1948 - Brechts Zürcher Schicksalsjahr» in allen Einzelheiten die Chancen und Risiken, die der Aufenthalt des berühmten Theatermannes in der Schweiz barg. Es begann mit der Wohnungssuche, denn in Zürich herrschte Wohnungsnot, und Brecht kam nicht allein und nicht nur mit seiner Familie, sondern auch mit seiner Mitarbeiterin und Geliebten Ruth Berlau. Brecht fand für sich und sine Frau schliesslich Unterschlupf bei der Familie Mertens-Bertozzi in Feldmeilen; Berlau kam in Zürich unter. Die Theaterleitung, namentlich der Vizechef Kurt Hirschfeld, war dem Dramatiker wohlgesinnt, man hoffte auf eine lange und fruchtbare Zusammenarbeit. Mit von der Partie war auch Brechts Augsburger Jugendfreund, der Bühnenbildner Caspar Neher. Brecht sei dicker geworden, notierte der in sein Tagebuch, «männlicher, zurückhaltender, und seine Zartheit war mehr nach aussen gekehrt».

Wüthrich verschweigt nicht, dass auch in Zürich, der «Stadt des Lichtes, der Weltoffenheit», der lange Arm der amerikanischen Geheimdienste stets seine Finger im Spiel hatte. Brecht bekam weder eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung noch einen Pass, er konnte also im Grunde weder bleiben noch gehen. Immer wieder machten die amerikanischen Experten ihre Schweizer Kollegen darauf aufmerksam, mit was für einem gefährlichen Hund man es zu tun habe. Die Option Deutschland stellte sich für Brecht als eine «deutsch-deutsche Falle» dar; denn wie auch immer seine Parteinahme ausfallen würde, prowestlich oder proöstlich, er wäre für den anderen Teil gewissermassen gestorben. Diese Prognose sollte sich in seinen letzten Lebensjahren bestätigen.

Wüthrichs Buch ist nicht nur ein zeithistorisches Dokument, sondern auch ein spannendes Lehrstück. Sabine Kebirs umfangreicher Band mit dem blühenden Titel «Mein Herz liegt neben der Schreibmaschine» rückt jene Person in den Mittelpunkt, die auch im Zürcher Schicksalsjahr eine wesentliche Rolle spielt: die dänische Schauspielerin, Regisseurin, Schriftstellerin, Fotografin Ruth Berlau. Sie ist jahrelang Brechts Geliebte, ohne sich wirklich mit dieser Stellung begnügen zu können; Brecht liebt sie, benutzt sie, hält sie auf Distanz, befiehlt sie zu sich - letztlich aber, und das hat Berlau selbst erkannt, gibt es für diesen Menschen schlechterdings nichts «Privates». Alles gehört zu seiner Arbeit und wird dieser einverleibt.

Therapie-Beziehung

Der interessanteste Aspekt an Kebirs verdienstvoller Darstellung des Verhältnisses der beiden ist der Umstand, dass es sich dabei auch um eine Art Therapie-Beziehung handelte. Brecht, im Behaviorismus zu Hause, sah sich tatsächlich nicht nur als Geliebten, sondern als Therapeuten der labilen Ruth Berlau, der sie durch gezielte Interventionen - nicht immer erfolgreich - vor akuter Verzweiflung und vor dem Alkoholismus bewahrte. Der Kern seiner Botschaft war wohl die These, das Verhältnis zweier Menschen sei gut, wenn es eine dritte Sache gebe, der beider Interesse gelte. Dass Berlau sich daran orientiert hat, war, vielleicht, ihre Rettung.

Was die Stadt Zürich betrifft, so hat sie den Aufenthalt des kommunistischen Schriftstellers Bertolt Brecht in ihren Mauern weitgehend ungeschoren überstanden. Als Brecht im Mai 1949 die Schweiz in Richtung Ostberlin verliess, notierte ein Beamter im Zürcher Kriminal-Kommissariat zufrieden in seine Akte: «Abgereist, Aufenthalt unbekannt.»

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