1857. Flaubert, Baudelaire, Stifter.
Monografie von Wolfgang Matz (2007, S. Fischer).
Besprechung von aky in Rheinischer Merkur, 14.2.2008:

Sternstunde der Moderne

"Warum Klassiker?", heißt eine beliebte Frage, die nicht nur Oberstudienräte und Literaturkanon-Verfechter immer wieder in argumentative Bedrängnis bringt. Woran macht man deren Status überhaupt fest? An ihrer Existenz als langweiliger Staubfänger im Regal? Oder schlicht an ihrem Alter, zum Beispiel an 150 Jahren? Wie etwa Flauberts abgründige "Madame Bovary", Baudelaires düstere "Blumen des Bösen" und Stifters "Der Nachsommer", die im April, Juni und Dezember 1857 erschienen - einem editorischen Superjahr?

Wolfgang Matz, Lektor in einem großen Literaturverlag in München, Biograf Adalbert Stifters und Übersetzer aus dem Französischen, nimmt diese philologische Gretchenfrage nur als taktischen Aufhänger. Gegenstand seines brillanten Buches "sind nicht einfach drei einzelne Figuren und drei einzelne Bücher, sein Gegenstand ist eine einzige, einmalige historische Konstellation, in der sich drei Figuren und ihre Bücher finden". Diese Konstellation ist die ungeheure Modernität, die analytische und erzählerische Schärfe dieser drei so unterschiedlichen Autoren, die den "ennui moderne", den Substanzverlust einer Gesellschaft, die sich den ökonomischen Gesetzen unterwarf, ebenso decouvrierten wie die aufgeschminkte egozentrische Romantik hohler Bürgerlichkeit. In eleganter Prosa geschrieben, mit einem Anspruch, der meilenweit das derzeit beliebte oberflächliche Parlando scheinkritischer Plaudertaschen in den Medien überragt. Fernab jeglichen Wälzens schwerfälliger akademischer Problemstellungen ist dies eine so beglückende wie aufklärerische Monografie.

Am Ende erübrigt sch die Frage "Warm eigentlich noch Klassiker lesen?" und wird zum Imperativ. Wolfgang Matz verfügt nicht, er verführt zum Entdecken. 1857 war ein Glücksjahr für die moderne Literatur. Es wirkt auch noch heute.

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