1600 Bäuche von Luc Lang, 1999, Kunstmann1600 Bäuche.
Roman von Luc Lang (1999, Kunstmann).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 18.01.2000:

Hass geht durch den Magen

Die zugespitzte Hinwendung Henry Blains zu William Shakespeare konnte nicht folgenlos bleiben. 43 Gesamtausgaben seines Giganten hat er gesammelt und nichts anderes liest er. So einer ist zu Höherem berufen und benimmt sich um die bewusste Nuance anders. So einer muss von der besonderen Inszenierung träumen - und, falls sie gelingt, davon erzählen. In einer respektlos gut kalkulierten Schneeballkomödie lässt Luc Lang die Geschichte des Henry Blain abrollen - und auf jeden Anlass eine größere Wirkung folgen. Der Mittvierziger lehrt in Paris Ästhetik und weiss sehr genau, wie man mit Versatzstücken der Kulturgeschichte jonglieren kann. Während die oft hölzerne deutsche Übersetzung etwas schwer im Magen liegt, wurde sein dritter Roman in Frankreich als gut zu verdauender Bestseller verschlungen. Und die Gymnasiasten des Landes haben ihm ihren Leserpreis zuerkannt, den Prix Goncourt des Lycéens. Weiß der Teufel, warum die höheren Töchter und die Söhne die Geschichte einer Gefängnismeuterei favorisiert haben . . . Die läuft jedenfalls ungefähr so ab: Henry Blain berichtet aus dem Herzen Thatcher-Englands nach der Falkland-Krise. Er ist stolz darauf, dem Königreich eine weitere Misere beschert zu haben. Die Geschichte muss entscheiden, welche die heiklere war. Die Geschichte von Henry Blain jedenfalls ist ganz schön gut. Noch ein wenig Geduld, und alles endet schlecht, lautet der Schlüsselsatz seiner Dramaturgie. Also: Großbritannien hat pro Kopf die meisten Strafgefangenen. Knapp jeder Tausendste Brite sitzt ein. Und Henry Blain kann sich auf die Fahne schreiben, unter ihnen eine landesweite Meuterei ausgelöst zu haben. Wir sind in einer Reihenhaussiedlung in Manchester. Gepflegte Vorgärten, neugierige Nachbarn und vereinzelte Spaziergänger prägen die Szenerie. Nun aber nimmt die Zahl der Spaziergänger zu und ihre Indiskretion übertrifft bald die der Nachbarn. Nur eine Mauer nämlich trennt die Siedlung vom Gefängnis. Hier war der 60-jährige Henry Blain Chefkoch und Herr über 1600 Bäuche. Jetzt ist er aus technischen Gründen arbeitslos, die Häftlinge mussten abtransportiert werden und nur noch ein Fähnlein Aufrechter hat sich auf dem Anstaltsdach verbarrikadiert. Henry Blain ist schuld, denn er hat sein Spiel mit den Bäuchen überzogen: Auch der Hass geht durch den Magen. Henry Blain hat ihn gern geschürt. Weil sein Garten den besten Blick aufs Gefängnis bietet, vermietet er dort Logenplätze für 20 Pfund. Die Show ist immer ausverkauft. Weil sie weitergehen muss, schwingt Henry sich als Naiver, der es faustdick hinter den Ohren hat, selbst auf die Bretter. Und weil zum Crime nun einmal Sex gehört, wird eine nichtsahnende Provinzjournalistin zur Tragödie neben der Farce hochgekocht. Das Leben geht am Ende ja doch weiter, zumindest für die meisten. 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1202 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung