124 Live-Gedichte von der Schnellendlichkeit des Lebensverwesens im Weltenleuchten vn Walther von der Klausens, 2010, KUUUK-Verlag124 LIVE-Gedichte von der Schnellendlichkeit des Lebensverwesens im Weltenleuchten.
Gedichte von Walther von der Klausens (2010, KUUUK-Verlag).
Besprechung von Marcus Neuert für die Rezensionen-Welt, November 2010:

Kann man im Zeitalter von SMS und facebook, von Megaevents und ständigem Unterwegssein noch in aller Stille an einem Schreibtisch sitzen und stunden-, ja tagelang am letzten Schliff eines langsam entstehenden Textes arbeiten?
Natürlich kann man. Diese Form der schöpferischen Auseinandersetzung mit Lyrik wird wohl immer ihre Gültigkeit behalten.

Die meisten Autoren werden auch weiterhin genau so und nicht anders vorgehen. Es geht ja auch immer um Genauigkeit, Wahrhaftigkeit. Doch das vorliegende Werk von Walter von der Klausens bemüht sich offenbar um einen ganz anderen Zugang. Es setzt auf die Intuition des Moments. Mit seinen 124 LIVE-Gedichten, die spontan bei allen möglichen sportlichen, kulturellen und soziopolitischen Veranstaltungen oder auch unterwegs auf Reisen entstehen, übers Knie gekrümmt notiert oder gleich ins Netz getwittert werden, dokumentiert der in Königswinter bei Bonn lebende Autor eine dem traditionellen Entstehungsprozess von Lyrik entgegengesetzte Art zu arbeiten, die die Schnelllebigkeit unserer Epoche aufnimmt und sich programmatisch zu eigen macht.

Das LIVE-Dichten erscheint andersherum aber auch als Kontrapunkt zum Schaffen der Bühnenperformer, quasi als slam poetry der Innerlichkeit – spontan entstanden, aber (zunächst einmal) nicht für die unmittelbare Aufführung gedacht. Oder doch? So richtig schlau aus seinem Konzept wird man auch nach Besuch der klausenschen Website nicht, und das scheint auch gewollt zu sein, hält es den Rezipienten doch offen für alle möglichen Unmöglichkeiten, mit denen Klausens im Laufe seines Buches noch aufwartet. Er wird nicht müde, auf seine Kunstworte und -griffe hinzuweisen und changiert damit irritierend zwischen zur Schau gestelltem Größenwahn und abgrundtiefer Eigenironie, die gleichzeitig den gesamten Literaturbetrieb auf originelle Weise karikiert.

Nie weiß man so ganz genau, wie er’s nun tatsächlich meint. Schade nur, dass die eigentlichen Perlen dieses Gedichtbandes zwischen solchen Gimmicks fast ein wenig verloren gehen, wie beispielsweise der faszinierende Text „Stadtkörper Mensch“: „Meine Beine/ Hängen wie die/ Türen aus den/ Scharnieren/ Meiner rechten/ Hirnklappe die/ Zugemacht dir/ Als Aufzugsknopf/ Ähneln könnte“ (S.131). Natürlich kann, was dergestalt live entsteht, nicht unbedingt bis ins Letzte ausgefeilt sein, weder inhaltlich noch sprachlich. Folgerichtig relativiert Klausens augenzwinkernd die eigene Lyrikproduktion, wenn er notiert: „Ich denke wenn/ Ich denke dass/ Meine Gedanken/ Undenkbar wären/ Wenn sie hier/ Nicht stünden als/ Seien sie richtig/ Durchdacht“ („Verdenken“, S.110). Auf- und gleichermaßen schwerfällig sind die zahlreichen Anmerkungen, die jedem seiner Gedichte folgen. Nur: was der eigentliche Text gegebenenfalls nicht sagt, wird auch durch eine voluminöse Fußnote nicht unbedingt ausgeglichen. Zwar illustriert sie den Entstehungsprozess, konterkariert jedoch nicht selten gerade die vom Leser zu leistende Erschließung der Verse. Das stetig wiederkehrende Wechselspiel aus Lyrik und Kommentar ermüdet rasch und trägt zur Rezeption meist wenig bei. Die Anmerkungen  führen mitunter sogar in die Irre, indem sie dem Gedicht etwas von seiner schwebenden Offenheit nehmen und stattdessen interpretatorische Richtungsvorgaben betreiben. Klausens skizziert Augenblicke, Momentaufnahmen im Großformat, Ausschnitte aus einem unverständlich gewordenen Ganzen. Damit steht er wiederum in der Tradition der modernen Lyrik. Seine mitunter etwas angestrengt wirkende entfant-terrible-Attitüde kann nicht kaschieren, dass hier im Grunde ein enttäuschter Bildungsbürgerlicher zum Stift gegriffen hat, der sowohl die bestehende Gesellschaft als Ganzes wie auch jeden einzelnen ihrer Protagonisten auf’s Korn zu nehmen bemüht ist. Doch die größte Authentizität besitzen diejenigen der Klausenschen Wortgebilde, in denen er sich selbst auf die Schippe nimmt, von sich als „große[m] Dichter“ spricht („Tübingengedicht“, S.101) oder über Probleme bei der Reimfindung raisonniert: „Über den muss ich noch bruten/ Angesichts der Hitzegluten“ („Erpeler Ansammlung“, S.90).

Ein schrilltönender Paradiesvogel der aktuellen Literaturszene ist dieser Walther von der Klausens, der sich auf seiner Website vollmundig zum Weltkulturerbe erklärt und in dessen Pseudonym doch auch gleichzeitig so viel von dichterischer Tradition mitschwingt. Bei aller Kritik, die man an Konzept und Durchführung seines lyrischen Credos auch üben kann – Figuren wie Klausens braucht es, sie sind die wohltuenden Gegenpole zu emotionaler Erstarrung und drohender Verkopfung im deutschen Bücherbetrieb.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

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