11 Uhr morgens von Florian Günther, 2007, Lükk Nösens11 Uhr morgens.
Gedichte von Florian Günther (2007,
Edition Lükk Nösens).
Besprechung von Alexander Krohn für die Rezensionen-Welt, 10/2008:

Tage wie geriebener Pamesan
Ein neues Buch des sterblichen Geheimtipps Florian Günther

Die Gedichte in Florian Günthers neuem Band "11 Uhr morgens" sind jetzige Zuckungen eines sozialistischen Schriftstellers in der bald 20 Jahre alten Neuen Deutschen Welt. Der überzeugte Outsider Günther fächert das gesamte Daseinsspektrum auf, das einem das Leben heute, wenn man Pech hat, bietet: Arbeitsamt, Fernsehen, Einkaufen, Einsamkeit, Alkohol, Überdruß; und an Glücklichem abgeklärter Humor und das Zusammensein mit zwein oder drein in den eignen Viern.

Der Schnupfen / hörte einfach / nicht mehr auf. // Also schlug die / Ärztin einen / Allergietest vor. // Dieser Tropfen / hier, erklärte / mir die junge / Schwester, ist / für Katzenhaar, / der hier ist für / Gräser, der / für Blüten und / der für Pollen ... // Und welcher, / fragte ich sie, / ist für Menschen?

Florian Günther ist der Meinung, daß er recht hat, wenn er sagt, seine Mitteilungen hätten eine breitere Interessentenschaft, würden potentielle Kunden wissen, daß es seine Texte gäbe; und da hat er recht. Streift die klare Verständlichkeit seiner Texte gelegentlich ein Klischee, überzeugt sein Stil wiederum durch Prägnanz und Authentizität. Er weiß, wovon er schreibt und nimmt kein Blatt vor den Füller.

"Sieh ihn dir an", ruft er in seinem Gedicht "Sisyphus" und beschreibt einen Mann, der penibel sein Auto wäscht und am Ende einen letzten Fliegenschiß entfernt – "während eine fette Taube über ihm am Himmel kreist."

Ein Problem des Güntherschen Anspruchs besteht möglicherweise darin, sog. Politisches bewußt außen vor zu lassen, ohne sich einzugestehen, daß es einem Schreibenden seiner Kragenweite unmöglich ist. Sein instinktives Mißtrauen allem Führenden gegenüber und die andererseits bestehende Abwendung von organisierten Widerstandstendenzen führt ihn gelegentlich in die intellektuelle Einbahnstraße. Koketterie ist Zeitverschwendung; Ironie so eine Sache. Wer nichts gegen sein Los unternimmt, hat sich des Rechts beraubt, zu lamentieren.

Florian Günther jammert nicht, seine Gedichte sind wichtig und forcieren mürrisch Mut zur Lebensfreude. Der Dichter Johannes Jansen bezeichnet ihn im Nachwort als Bedeutungsträger. Da Kunst eine Form von intensiviertem Leben darstellt und als solches immer Steigerungsform ist, gilt es herauszuarbeiten, was aus dem Träger noch werden kann. Wegen seiner Nähe zu den Unterbutterten im Friedrichshainer Kiez meinen einige zurecht, Florian Günther sei der weit bessere Bukowski.

Intensität ist oft überzeugender als das Gesagte – wobei man hübsch achtgeben muß. Die Frage nach Erfolg und Aussichtslosigkeit utopischen Denkens ist eine nicht selten mißverstandene. In dem Moment wo 20, 50 oder 500 Personen von einer Möglichkeit, anders zu leben, ergriffen sind und bereit sind, was dafür zu tun, ändert sich unser Denken sofort. Da, wo dies nicht der Fall ist, bleibt die Einschätzung der allgemeinen Lage immer einsam-trübe. Motivation und Perspektive sind wie der "Sinn des Lebens" reine Tautologie. Du machst was – es passiert was. Also gilt es, Enthusiasmus anzukurbeln, der sich oft auf irrationalem, verständlich-dünnem Eis bewegt. Die Schreibe Florian Günthers hätte den Mumm, dies in Gang zu bringen. Die hiermit empfohlenen Texte von "11 Uhr morgens" haben es vorerst nicht.

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