100.000 verkaufte Exemplare von Martin Amanshauser, 2002, Deuticke100.000 verkaufte Exemplare.
Gedichte von Martin Amanshauser (2002, Deuticke).
Besprechung von Alexander von Bormann aus Rezensionen-online *LuK*:

Von der Sonettkunst der Würmer
Martin Amanshausers Gedichte

Ein kesser Titel: wie ein Aufkleber steht auf dem Cover vorn "100.000 verkaufte Exemplare" und auf der Rückseite entsprechend: "Wir danken für Ihren Einkauf." So nimmt der Autor die Warenform auch des Gedichts hoch, verrät zugleich einen nicht ungewöhnlichen Wunschtraum. Da Amanshauser so etwas wie Szenenlyrik schreibt, könnte ihm sogar ein Schritt in diese Richtung gelingen. Das Inhaltsverzeichnis verdeutlicht den Titel anders. Die Gruppen werden mit 100.000/200.000/300.000 usw. benannt, was die modisch gewordene Wittgenstein-Einteilung ("Tractatus") persifliert. Viel ist hier auch nicht einzuteilen, es geht eher um AbTeilungen für die Gemütlichkeit des Lesers.

Amanshauser steht für einen Typus von Vortragslyrik, der in den neunziger Jahren neu zur Geltung gekommen ist. Man kann an die Poetry-Slam-Veranstaltungen denken, wo es darauf ankommt, schnelle Punkte zu sammeln, also das Publikum geschwind zu beeindrucken und zu amüsieren. Entsprechend sind es oft rhetorisch erprobte Muster der Wiederholung, Steigerung, Häufung und Pointierung, welche die Texte aufbauen. Doch zentral bleibt die (volkstümliche) Liedform: gereimte Strophen, auch Rezitative oder locker gefügte Chansons.

"Mir fehlt die Freude zum Tanzen / mir fehlt der Wein zum Gebrüll / helft mir bitte mit drei, vier Dissonanzen / sonst werf ich mich allzu früh auf den Müll."

Das erinnert an den Schlager "Mir fehlen keine Millionen / mir fehlt kein Pfennig zum Glück", und das halbe Bewußtsein, dem Ohrwurm anheimgefallen zu sein, produziert konsequent den Wunsch nach Dissonanzen. Die aber sind offensichtlich nicht leicht zu haben. Flüssige, oft daktylische Verse überwiegen, in die, wenn es paßt, eine kleine Abweichung eindringt. Es ist die Tradition der Tucholsky und Kästner, wie sie von Artmann und den Seinen, neuerdings von Gernhardt, Harig und den anderen weitergeführt wird, freilich mit dem strikten Vorsatz, jeden Biß zu vermeiden. Das läßt die Texte auch Amanshausers oft zahnlos mümmeln, "Zahngespinste" sagt er dazu. Es gibt Annäherungen ans Groteske, aber das bös Makabre, das schwarze Licht der österreichischen Dichtung, wird nicht gesucht, nicht getroffen. Das Artmann-remake "mur" ist als Ausnahme anzumerken; drei Strophen daraus:

"die schwester sagt: der tag ist schön / der bruder: willst net schwimmen gehn? (…)

die schwester geht entsetzlich unter / der bruder holt sich einen runter (…)

bald ist die schwester nirgends mehr zu sehn / der bruder denkt: lang wart i nimmer, i wü gehn."

Der Humor von Amanshausers Gedichten stützt sich eher aufs DaDa-Konzept. Das aber ist nach wenigen Gedichten schon erschöpft, man könnte auch sagen: demokratisiert, denn jeder kann hier mitspielen. Das Gedicht "Tag der finalen Blumenrückgabe" beginnt z. B.:

"Sie machten den Bandwurm besoffen. Verkauften erst 2 Pensionisten / bekamen Wein dafür, Gumminasen und Trompeten für die Kinder.

Das Hauskarnickel kam in den Ofen. Man schlug ihm den Kopf ab. / Das Fest wurde laut. Der Ventilator propellerte freundlich. / ›Onkel Franz soll Blumen bringen, eine Blume pro Titte!‹ / Diesmal waren Seidenküsse nötig…"

Amanshauser hat - direkter als es sich die fünfziger Jahre zutrauten - die frühen Modernen beerbt und auf ihre Mittel geschaut: die asyndetisch gereihten Hauptsätze (van Hoddis), den scheinbar gleichgültigen Blick aufs Ausgegrenzte (Heym, Trakl), überraschende Wortzusammenstellungen: "vom himmel fällt schwarzer wind / … ein verbotener onkel streichelt ein kind." Vermutlich auch dem Vortrag, der Szene, dem Wunsch nach schnellem Erfolg ist die Freude am Ordinären verbunden.

"Die Dunkelheit ist praktisch, weil ich dir selt- und langsam an die Brüste fasse / ich drücke, bis ein warmer Schwall / mir in der Mitte rauskommt, Laurenzgasse."

Mitteilungen wie "mein Schwanz ist hart und drückt an den Nabel" oder der häufige Gang zum Pissoir wegen der schwachen Blase, das "verführerische" Angebot an Magda für einen "Frühfick", solche O-Töne negieren jegliche Form als Verfremdung. Im Vergleich ist die Metonymie "Mein Darm stellt Sachertorten her" schon eine poetische Leistung, oder, aus demselben Ambiente, die Behauptung, daß "die würmer in meinen fäkalien sonette auswendig lernen", was wegen der Peristaltik dieser Form nicht ohne Witz ist. Amanshauser möchte die Lacher auf seine Seite bringen, und ich bin sicher, daß ihm dies regelmäßig gelingt. Es ist vor allem der Effekt des Wiedererkennens von Kleinigkeiten, die der Hörer vorher nie poesiefähig glaubte. Nach einem feurigen Kuß heißt es: "mein zahnfleisch brennt rot / labello tropft aufs butterbrot." Das Alleinsein wird plastisch-drastisch gesteigert: "dann war ich ganz allein. sogar meine fäkalien hatten mich stinkend verlassen", was ein nicht geruchsneutraler Seitenhieb auf Frauen und Freunde sein könnte. Hübsche kleine Verfremdungen und Ironien ergeben sich aus passend-unpassenden Schein-Anschlüssen. Diese Technik wird bis zu einem vorsichtigen Expressionismus weitergeführt (etwa: "schon wieder kommt ein brief ohne liebe"). Formale Anleihen sind stets erlaubt, wenn Eigenes weniger leicht zur Hand ist, und man könnte Amanshauser die barocke Lyrik als reichgedeckten Tisch für witzige Muster empfehlen.

Es gibt einige Texte, die Amanshausers lyrische Kraft belegen, sie finden sich eher gegen Ende des Bandes. Er stilisiert sich darin ein wenig zum poète maudit: "Wir bleiben absonderlich / und schütteln das Tageslicht ab." Ein guter, fast jandlscher Fund ist die Ausreizung der Sprachgeste "kein" (in: "Sag einfach, du bist kein Mensch"). Hochpoetisch und auch den griesgrämigsten Kritiker versöhnend ist das Gedicht "Blumen pflücken", und der Ton dieser Besprechung meint ja nur: Wenn wir doch ein paar mehr davon hätten.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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