Die Kinder der Tohtschildallee von Stefanie Zweig, 2009, LangenMüllerLiterarisches Denkmal für eine jüdische Familie
Stefanie Zweig über ihren neuen Roman «Die Kinder der Rothschildallee«
Interview von Alexander Altmann aus den Nürnberger Nachrichten vom 2.9.2009:

Mit ihrem autobiografischen Roman «Nirgendwo in Afrika« gelang Stefanie Zweig ein internationaler Bestseller. Die Verfilmung des Buches durch Caroline Link wurde sogar mit einem Oscar ausgezeichnet. Jetzt hat die 76-jährige Schriftstellerin einen neuen Roman vorgelegt. In «Die Kinder der Rothschildallee« beschreibt die in Frankfurt/Main lebende Autorin, deren jüdische Familie im Dritten Reich selbst vor den Nationalsozialisten nach Kenia flüchtete, die Verfolgung einer jüdischen Bürger-Familie während der ersten Jahre der NS-Herrschaft.

Frau Zweig, nimmt einen so ein Thema wie das der Juden-Verfolgung nicht sehr mit beim Schreiben und Recherchieren?

Stefanie Zweig: Doch, es hat mich sehr mitgenommen. Denn auch wenn es diesmal nicht meine eigene Geschichte ist, so ist sie doch sehr typisch für die Zeit damals.

Haben Sie darüber viel recherchiert? Sie mussten Deutschland ja 1938 als Fünfjährige mit Ihren Eltern verlassen.

Zweig: Über die Verfolgung und Bedrängung der Juden musste ich nicht recherchieren, denn ich habe so viele Menschen kennengelernt, die das erlebt haben. Als Kind habe ich da stets sehr genau zugehört. Ich brauchte nur aus den Schicksalen, die ich im Kopf hatte, zu schöpfen. Das war bei mir immer noch alles sehr gegenwärtig.

Ihr Buch endet vor der Pogromnacht 1938...

Zweig: Ja, ganz bewusst. Ich hatte eine Scheu davor, aus den noch furchtbareren Ereignissen, die danach kamen, einen Roman zu machen. Wenn ich eine Fortsetzung der Geschichte schreibe, was stark zur Debatte steht, dann werde ich die Jahre nach dem Krieg schildern, die ich selbst wieder in Deutschland erlebte.

Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Zweig: Es gab nicht nur Hungersnot und Wohnungsnot, sondern auch die Scheinheiligkeit vieler Deutscher, die behaupteten, sie wüssten gar nicht, wo ihre früheren jüdischen Bekannten hingekommen sind.

Die Geschichte Ihres neuen Romans spielt in dem Haus in der Frankfurter Rothschildallee, in dem Sie selbst wohnen.

Zweig: Als wir nach dem Krieg zurückkamen, hat mein Vater dieses Haus gekauft. Wir wussten, dass die einstigen Besitzer auch Juden waren - die man «abgeholt« hatte. Isenberg hießen sie. Ich hatte irgendwie das Bedürfnis, an diese Menschen zu denken, die hier gewohnt haben. Ich empfinde den Roman ein wenig als Denkmal für die Familie, der mein Haus einst gehörte, auch wenn die Familie im Buch natürlich fiktiv und eine andere ist.

Waren Sie überrascht über den Erfolg Ihres Romans «Nirgendwo in Afrika«?

Zweig: Ich war äußerst überrascht. Damit hatte ich im Leben nicht gerechnet. Ich habe mir den Erfolg damit erklärt, dass die Leute ganz wild auf Afrika sind. Es hat mich aber auch ein bisschen betroffen gemacht, denn ich wollte ja keine romantische Afrika-Geschichte schreiben, sondern über die Entwurzelung und die Tragödie der Emigration. Das haben aber die Wenigsten aus dem Buch rausgelesen.

Hat die Verfilmung dann Ihre Ab-sichten angemessen verwirklicht?

Zweig: Kein bisschen! Der Film hat sich in einer Ehegeschichte verloren, die so nicht im Buch war. Ich war nicht völlig einverstanden mit dem Film, aber ich habe nie darüber gesprochen, denn in dem Moment, wo er einen Oscar kriegt, sind einem ja die Hände gebunden, da kann ich schlecht sagen, mir hat er nicht gefallen. Ich habe mich aber natürlich für die Filmleute gefreut über den Oscar.

Was bedeuten Ihnen Ihr Ruhm und Erfolg?

Zweig: Während meiner Kindheit in Afrika brachte ich ein hervorragendes Zeugnis nach Hause, ich war die Beste in der Klasse. Aber mein Vater sagte nur, «Na, unter den Blinden ist der Einäugige König«. Das hat mich geprägt und bescheiden gemacht. Ich freue mich über jeden Bucherfolg, aber ich überschätze mich nicht.

Das vollständige Gespräch mit Abb. von Alexander Altmann finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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