Das Buch als Hilfe für die kranke Seele
Über die Arbeit des Schriftstellers
Reinhart Zuschlag.
Reportage von Elisabeth Höving aus der
WAZ im
November 1997:
Reinhart Zuschlag vertritt die Bibliotherapie
Der Kranke zuckt zusammen. Noch ein neues Heilverfahren! Die „Bibliotherapie“ hatt ihm der Krankenhaus-Seelsorger empfohlen. Was zunächst wie Hokuspokus klingt, wird als „Lebenshilfe durch Literatur“ zunehmend von Medizinern, Psychologen und Geistlichen zur Heilung kranker Seelen eingesetzt.
Schon in der Antike wusste man um die Kraft des geschriebenen Wortes. In die wissenschaftliche Literatur ging der Begriff der „Bibliotherapie“ aber erst Anfang dieses Jahrhunderts in Amerika ein. Das gedruckte Therapeutikum einer breiteren Masse bekannt zu machen, das hat sich der Dorstener Autor und pensionierte Bibliothekar Reinhard Zuschlag zur Aufgabe gemacht.
Ein Zufall brachte den 58-Jährigen vor einigen Jahren auf die Spur des ungewöhnlichen Heilverfahrens: „Ein Mann suchte in meiner Bücherei passende Literatur für seine Tochter, die sich in einer Entziehungskur befand.“ Seitdem sammelt er alles an Material über die Bibliotherapie und vermittelt sein Wissen in Vorträgen und Seminaren. Allerdings: Der Autor therapiert nicht selbst. „Das gehört ausschließlich in die Hand von Fachleuten.“
Und die bieten das Buch als Sanatorium für Seelen in Not an, arbeiten mit Menschen, die krank oder alt und einsam sind, die trauern, die von Ängsten geplagt werden, oder denen einfach die Freude am Leben verloren gegangen ist. Das Motto für die Auswahl des Stoffes heißt nach dem Wiener Neurologen Viktor E. Frankl: Das rechte Buch zur rechten Zeit.
Der Therapeut geht auf die individuellen Bedürfnisse des Menschen in, holt ihn in seiner jeweiligen Situation ab. Autor Zuschlag: „Materialien mit hoffnungslosem Inhalt scheiden aus, denn das Buch soll Perspektiven und Ideen für Lösungswege anbieten.“
Das bibliotherapeutische Buch schlechthin ist die Bibel mit ihrem unendlichen Reichtum an Geschichten, Gleichnissen und Bildern. Weitere Klassiker der Bibliotherapie sind Saint-Exupèrys „Der kleine Prinz“, Hermann Hesses „Siddharta“ und die Abenteuererzählungen von Karl May. Wichtig ist zudem das Gespräch über das Gelesene.
Die Klinik für Tumorbiologie in Freiburg hat bereits eine Poesie- und Bibliotherapeutin engagiert, eingesetzt wird die Therapie auch in der Uni-Kinderklinik in München, in einer psychiatrischen Klinik in Schmallenberg.
Die Fachliteratur zum Thema „Therapeutikum Literatur“ wächst. Zwei Diplom-Pädagogen der Universität Dortmund, Udo Kittler und Friedhelm Munzel, arbeiten seit Jahren schwerpunktmäßig zur Bibliotherapie und veröffentlichten 1989 im Herder Verlag das Buch „Lesen ist wie Wasser in der Wüste“. Reinhart Zuschlag, der gerne auf langen Spaziergängen Gedichte schreibt, die therapeutisch nutzbar sind, weiß: „Lesen ist kein Allheilmittel, es kann aber ein Geländer sein, an dem man sich entlanghangelt.“
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.waz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1108 LYRIKwelt © E.H./Westdeutsche Allgemeine Zeitung