Feridun Zaimoglu, 2006, www.foto-poklekowski.de

Feridun Zaimoglu
Foto: Doris Poklekowski

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Längst in der Literatur angekommen.
Feridun Zaimoglu lacht: Seit zwanzig Jahren wird der Adelbert-von-Chamisso-Preis an Autoren nichtdeutscher Muttersprache verliehen
Von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 17.2.2005:

Als Libuse Monikova, die perfekt Deutsch sprechende Tschechoslowakin, 1991 den Chamisso-Preis erhielt, war sie auch ein wenig befremdet. Denn die Auszeichnung, die nur an deutsch schreibende "Autoren nichtdeutscher Muttersprache" verliehen wird, erinnerte sie "daran, dass ich Ausländerin bin". Ehrung und Stigmatisierung gingen Hand in Hand. Monikova nahm den Chamisso-Preis als Aktualisierung eben jener Problematik wahr, der er mit Aufgeschlossenheit und Toleranz begegnen will.

Zwölf Gramm Glück von Feridum Zaimoglu, 2004, KiWiDeutlich entspannter dürfte Feridun Zaimoglu (Kanak Attack, Zwölf Gramm Glück) heute abend in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste auf den Scheck über 15 000 Euro blicken, nicht anders als der aus Rumänien stammende Dimitre Dinev (Engelszungen) auf seinen mit 7 000 Euro dotierten Förderpreis. Denn das literarische Umfeld und die Literatur haben sich verändert. Inzwischen erinnert die Auszeichnung eher die Leser daran, dass Schriftsteller wie Ilma Rakusa, Zsuzsa Bánk, Terézia Mora oder Radek Knapp keine Deutschen oder nicht hier aufgewachsen sind - nicht anders übrigens als seinerzeit Franz Kafka, Elias Canetti oder Paul Celan. Oder als der Franzose Chamisso, der mit seinen Eltern vor der Revolution über den Rhein floh und als Verfasser von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte zum deutschen Nationaldichter wurde.

Wer hätte das zu hoffen gewagt, als der "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" Reportagen der Kollegen Gastarbeiter druckte? Aus der ersten großen Einwanderergruppe nach Deutschland, den Italienern, traten damals Autoren hervor, Gino Chiellino oder Franco Biondi etwa, die Chamisso-Preisträger von 1987. Sie hatten 1980 in Frankfurt am Main den "Polynationalen Literatur- und Kunstverein" gegründet und gaben gemeinsam mit Yusuf Naoum (Libanon, Rafik Schami und Suleman Taufiq (beide Syrien) die Reihe "Südwind gastarbeiterdeutsch" heraus. An wen immer Harald Weinrich 1983 appellierte, als er im Merkur den Aufsatz "Um eine deutsche Literatur von außen bittend" veröffentlichte - er war schon längst erhört worden.

Inzwischen beherrschen die Kinder und Enkel der türkischen Arbeiter die Szene: Zaimoglu, Zehra Cirak, Zafer Senocak, Yadé Kara und Imran Ayata sind Döner in Walhalla, wie Ilija Trojanow seine Anthologie der "anderen deutschen Literatur" nannte (Kiepenheuer & Witsch). Nicht selten handelt es sich auch um Sushi, Lammcurry oder Gulasch. Das Handbuch Interkulturelle Literatur in Deutschland (Metzler Verlag) verzeichnet Vertreter beinahe jeder Nation. Längst erzählen sie alle nicht mehr nur von den Erfahrungen in der Fremde, in Deutschland. Das Interkulturelle ist zugunsten der Literatur zurückgetreten.

Keine Lust, ein Korrektiv zu sein

Bereits 1989 hatte die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel befremdet bemerkt, dass sich die Autoren der interkulturellen Literatur zunehmend als Künstler verstünden. In Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur warnte sie vor der paternalistischen Eingemeindung von Minderheiten in eine deutsche Nationalliteratur durch den Chamisso-Preis, den Harald Weinrich 1985 gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung ins Leben gerufen hatte: Deutsche Akademiker träten an die Stelle einer selbstorganisierten Gegenöffentlichkeit. Doch die Autoren "nichtdeutscher Muttersprache" verspürten wenig Neigung, ein Korrektiv der deutschen Hegemonialkultur zu sein. Die "identity politics", wie sie in den USA von Künstlern aus Minderheiten propagiert wird, schlug hierzulande keine Wurzeln. Passenderweise geht der Chamisso-Preis erst jetzt an den Mann, der immerhin schon 1999 durch das Manifest Kanak Attack bekannt wurde. Ausgezeichnet wird weniger der Agent von Minderheiteninteressen als der Schriftsteller Feridun Zaimoglu.

Im zwanzigsten Jahr ist der Adelbert-von-Chamisso-Preis etabliert und längst kein Sprungbrett für Autoren mehr, sondern eine Ehrung unter vielen. Das könnte ebenso problematisch werden wie die wachsende Zahl von Autoren aus Einwandererfamilien, deren Muttersprache Deutsch ist: Zsuzsa Bánk etwa spricht kaum Ungarisch. Zuallererst aber ist es ein Erfolg - für den Chamisso-Preis ebenso wie für die Schriftsteller und ihre Literatur.

Mögen die Deutschen die "lieben ausländischen Mitbürger" ansonsten doch eher auf Distanz halten - als Preisstifter, Verleger, Buchhändler und Leser haben sie längst begonnen, ihren Teil zur Integration beizutragen.

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