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Foto: Doris Poklekowski |
Längst
in der Literatur angekommen.
Feridun
Zaimoglu lacht: Seit zwanzig Jahren wird
der Adelbert-von-Chamisso-Preis
an Autoren nichtdeutscher Muttersprache verliehen
Von Jörg Plath
in der Frankfurter
Rundschau, 17.2.2005:
Als Libuse
Monikova, die perfekt Deutsch sprechende Tschechoslowakin, 1991 den
Chamisso-Preis erhielt, war sie auch ein wenig befremdet. Denn die Auszeichnung,
die nur an deutsch schreibende "Autoren nichtdeutscher Muttersprache"
verliehen wird, erinnerte sie "daran, dass ich Ausländerin bin".
Ehrung und Stigmatisierung gingen Hand in Hand. Monikova nahm den
Chamisso-Preis
als Aktualisierung eben jener Problematik wahr, der er mit Aufgeschlossenheit
und Toleranz begegnen will.
Deutlich entspannter dürfte Feridun Zaimoglu (Kanak Attack,
Zwölf
Gramm Glück) heute abend in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
auf den Scheck über 15 000 Euro blicken, nicht anders als der aus Rumänien
stammende Dimitre Dinev (Engelszungen) auf seinen mit 7 000 Euro
dotierten Förderpreis. Denn das literarische Umfeld und die Literatur haben
sich verändert. Inzwischen erinnert die Auszeichnung eher die Leser daran, dass
Schriftsteller wie Ilma
Rakusa, Zsuzsa Bánk,
Terézia Mora oder Radek
Knapp keine Deutschen oder nicht hier aufgewachsen sind - nicht anders übrigens
als seinerzeit Franz Kafka,
Elias Canetti oder Paul
Celan. Oder als der Franzose Chamisso, der mit seinen Eltern vor der
Revolution über den Rhein floh und als Verfasser von Peter Schlemihls
wundersamer Geschichte zum deutschen Nationaldichter wurde.
Wer hätte das zu hoffen gewagt, als der "Werkkreis Literatur der
Arbeitswelt" Reportagen der Kollegen Gastarbeiter druckte? Aus der ersten
großen Einwanderergruppe nach Deutschland, den Italienern, traten damals
Autoren hervor, Gino
Chiellino oder Franco Biondi etwa, die
Chamisso-Preisträger von 1987. Sie
hatten 1980 in Frankfurt am Main den "Polynationalen Literatur- und
Kunstverein" gegründet und gaben gemeinsam mit Yusuf
Naoum (Libanon, Rafik
Schami und Suleman
Taufiq (beide Syrien) die Reihe "Südwind gastarbeiterdeutsch"
heraus. An wen immer Harald
Weinrich 1983 appellierte, als er im Merkur den Aufsatz "Um eine
deutsche Literatur von außen bittend" veröffentlichte - er war schon längst
erhört worden.
Inzwischen beherrschen die Kinder und Enkel der türkischen Arbeiter die Szene:
Zaimoglu, Zehra Cirak, Zafer
Senocak, Yadé Kara
und Imran Ayata sind Döner in Walhalla, wie Ilija
Trojanow seine Anthologie der "anderen deutschen Literatur" nannte
(Kiepenheuer & Witsch). Nicht selten handelt es sich auch um Sushi,
Lammcurry oder Gulasch. Das Handbuch Interkulturelle Literatur in Deutschland
(Metzler Verlag) verzeichnet Vertreter beinahe jeder Nation. Längst erzählen
sie alle nicht mehr nur von den Erfahrungen in der Fremde, in Deutschland. Das
Interkulturelle ist zugunsten der Literatur zurückgetreten.
Bereits 1989 hatte die Literaturwissenschaftlerin
Sigrid Weigel befremdet bemerkt, dass sich die Autoren der interkulturellen
Literatur zunehmend als Künstler verstünden. In Hansers Sozialgeschichte
der deutschen Literatur warnte sie vor der paternalistischen Eingemeindung
von Minderheiten in eine deutsche Nationalliteratur durch den Chamisso-Preis,
den Harald Weinrich
1985 gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung ins Leben gerufen hatte: Deutsche
Akademiker träten an die Stelle einer selbstorganisierten Gegenöffentlichkeit.
Doch die Autoren "nichtdeutscher Muttersprache" verspürten wenig
Neigung, ein Korrektiv der deutschen Hegemonialkultur zu sein. Die "identity
politics", wie sie in den USA von Künstlern aus Minderheiten propagiert
wird, schlug hierzulande keine Wurzeln. Passenderweise geht der Chamisso-Preis
erst jetzt an den Mann, der immerhin schon 1999 durch das Manifest Kanak
Attack bekannt wurde. Ausgezeichnet wird weniger der Agent von
Minderheiteninteressen als der Schriftsteller Feridun Zaimoglu.
Im zwanzigsten Jahr ist der Adelbert-von-Chamisso-Preis
etabliert und längst kein Sprungbrett für Autoren mehr, sondern eine Ehrung
unter vielen. Das könnte ebenso problematisch werden wie die wachsende Zahl von
Autoren aus Einwandererfamilien, deren Muttersprache Deutsch ist: Zsuzsa
Bánk etwa spricht kaum Ungarisch. Zuallererst aber ist es ein Erfolg - für
den Chamisso-Preis ebenso wie für die Schriftsteller und ihre Literatur.
Mögen die Deutschen die "lieben ausländischen Mitbürger" ansonsten
doch eher auf Distanz halten - als Preisstifter, Verleger, Buchhändler und
Leser haben sie längst begonnen, ihren Teil zur Integration beizutragen.
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