Ostfriesenschwur von Klaus-Peter Wolf, 2016, S. FischerKlaus-Peter Wolf, 2008, ©Foto m(A): www.klauspeterwolf.de (hf0608)Klaus-Peter Wolf über das Revier, das Meer und das Böse
Eine frische Meeresbrise durchweht die Ostfriesen-Krimis von Klaus-Peter Wolf – und verschafft ihm zum dritten Mal einen Höhenflug: Auch der aktuelle Roman des gebürtigen Gelsenkircheners, „Ostfriesenschwur“, stieg auf Platz 1 der Taschenbuch-Bestellerliste ein. Mit
Britta Heidemann telefonierte der 62-Jährige kurz vor einer weiteren Himmelserstürmung – am Flughafen Frankfurt.
In der WAZ vom 20.2.2012:

Es geht heim nach Ostfriesland. Wie fühlt sich der Erfolg an?
Gestern Abend im Verlag, da haben wir natürlich gefeiert. Ich habe das schon auf meinen Tourneen gespürt. Die Reihe hat einfach viele Fans, die bestellen den neuen Roman vor. „Ostfriesenschwur“ hatte 145 000 Vorbestellungen – da ist man einfach auf Platz 1. Aber dafür habe ich ja auch ein Schriftstellerleben lang gekämpft.

Seit Sie Schüler waren, richtig?

Ich bin in Gelsenkirchen aufgewachsen und die WAZ hat meine ersten Kurzgeschichten gedruckt, als ich 14 Jahre alt war. Damals gab es in der Wochenend-Beilage noch Seiten nur für Kurzgeschichten. Das war ein unglaublicher Ansporn. Ich habe da Unterstützung gespürt, schon als ganz junger Autor. Es war ein gigantisches Gefühl, einem so großen Publikum eine Geschichte erzählen zu können. Ich schrieb über die Dinge meiner direkten Umgebung: Schule, Lehrer, die erste Liebe. Im Ruhrgebiet hatte ich ganz viel Unterstützung vom Kreis der Arbeiterschriftsteller, Max von der Grün, Josef Büscher, Richard Limpert. Die haben mich jungen Kerl ernst genommen, mit mir an den Texten gearbeitet. Das waren meine Helden. Heute gibt es in meinen Krimis einen Handwerker, den Maurer Peter Grendel, als Verbeugung vor ihnen.

Peter Grendel gibt es, wie so viele Figuren in Ihren Romanen, ja auch im echten Leben.

Er heißt so, er sieht so aus, er redet so – genau. Im Roman ist er der Nachbar von meiner Kommissarin Ann Kathrin Klaasen.

Fragen Sie die Leute, ob sie vorkommen wollen?

Natürlich, die müssen ja damit leben können. Ich schicke ihnen den Text und sage ihnen, wenn ihr nicht einverstanden seid, dann ändere ich den Namen – nicht die Figur, ich lasse mir ja nicht reinreden. Aber meistens finden die das toll. Und die Figuren, die immer drin sind, etwa der Bochumer Künstler Horst Dieter Gölzenleuchter, die wollen das vorher nicht mehr lesen.

Die Kommissarin Ann Kathrin Klaasen ist eine erfundene Figur, aber sie ging aufs gleiche Gelsenkirchener Gymnasium wie Sie und lebt heute in der gleichen Straße im ostfriesischen Städtchen Norden. Welche Parallelen gibt es noch?

Abends liest sie gerne Kinderbücher, die sie sammelt. Und ihr Mann Frank Weller liebt Krimis. Beides sind auch Leidenschaften von mir. Frank kocht gerne, das mache ich auch. Wenn ich über ihn schreibe, trinke ich gerne eine guten Rotwein. Mit jeder Figur ändert sich ja mein Geschmack: Wenn ich aus der Perspektive des ehemaligen Kripo-Chefs Ubbo Heide die Welt sehe, dann trinke ich gerne schwarzen Tee mit einem Pfefferminzblatt. Und esse dazu Marzipan. Ich glaube, dass ist ein Teil der Kunst. Bevor ich eine Szene schreibe, gehe ich in jede Rolle und sehe aus ihrer Perspektive die Szene. Und dann wähle ich die spannendste, interessanteste Perspektive aus.

Sie schreiben auch viel fürs Fernsehen, Tatort, Polizeiruf – kommt daher das Denken in Rollen, Szenen?

Ich habe ungefähr 150 Stunden Fernsehen produziert, auch ganze Serien geschrieben. Natürlich habe ich dabei viel gelernt: Dialoge auf den Punkt zu bringen, in Bildern zu denken. Aber seit etwa zehn Jahren konzentriere ich mich aufs Romaneschreiben. Übrigens noch mit einem Füller in eine Kladde, die ich immer bei mir trage. Das Schreiben ist wirklich ein Glücksmoment. Man nennt das dann Arbeit, natürlich... (lacht)

Wie viel trägt Ostfriesland zu diesem Glück bei? Vermissen Sie das Ruhrgebiet nicht?

Naja, in meiner Straße wohnt noch ein Ostfriese mit seiner Frau und seinem Kind – das ist eben Peter Grendel. Alle anderen aus meiner Straße kommen aus dem Ruhrgebiet. Ostfriesland ist für viele Reviermenschen ein Sehnsuchtsort. Diese gewaltige Natur, das war auch für mich immer so. In bestimmten Lebenssituationen, wenn ich Ruhe brauchte, bin ich nach Ostfriesland gefahren. Als Kind habe ich schlecht Luft gekriegt, und in Ostfriesland habe ich so richtig durchatmen können. Ich glaube, meine Seele hat sich das gemerkt.

Und die alte Heimat?

Ich habe nie den Kontakt zum Ruhrgebiet verloren. Auch meine Kommissarin kehrt immer wieder ins Ruhrgebiet zurück. Ganz massiv natürlich in „Ostfriesensünde“, weil ihr Vater in Gelsenkirchen erschossen wurde. Auch in „Ostfriesenschwur“ spielen entscheidende Szenen in Gelsenkirchen, zum Beispiel in der Volkshochschule. Die nannte man damals Bildungsbunker. Jetzt stellt dort Ubbo Heide sein Buch über ungelöste Kriminalfälle vor. Die dann Anlass für die Mordserie wird.

Können Sie sich bei Ihren Rollenspielen auch in Menschen versetzen, die ein Verbrechen begehen?

Es wird keiner als Serienkiller oder Mörder geboren. Die meisten wollen kurz vor der Pubertät noch Tierarzt werden oder die Welt retten. Ich versuche, das Verbrechen zu erzählen als intellektuellen Irrtum. Viele Terroristen, die wir als böse Menschen erleben, empfinden ihr Tun ja als richtig und gut. In meinen Romanen verschwimmen die Unterschiede auch. Spannend finde ich, wenn jemand eigentlich etwas Gutes will – aber etwas Böses tut.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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