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Zum 60. Geburtstag des Romanciers Gernot
Wolfgruber
Besprechung von Peter
Landerl in der Wiener
Zeitung, 10.12.2004:
Im Dezember 1999 erschien in den "Salzburger Nachrichten" ein kurzer Artikel: "Er hat lange nichts mehr geschrieben, deshalb fehlt uns etwas in der österreichischen Gegenwartsliteratur. Er ist der Mann gegen den Zeitgeist, ein kritischer Beobachter unserer Verhältnisse, ein gnadenloser Kommentator mediokrer Zustände: Gernot Wolfgruber, Autor der Romane "Herrenjahre" und "Die Nähe der Sonne". Heute, Montag, feiert er seinen 55. Geburtstag."
Seitdem sind fünf Jahre vergangen und es ist
nicht lauter um Gernot Wolfgruber geworden, im Gegenteil: Er hat seither keine
Zeile mehr veröffentlicht. Seinen 60. Geburtstag am 20. Dezember wird er wohl
in medialer Stille feiern.
Dabei war Wolfgruber von der Mitte der 1970er Jahre bis zur Mitte der 1980er Jahre einer der meistgelesenen und -geschätzten Autoren, nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland und in der Schweiz. Nach seinem 1975 erschienenen Debütroman "Auf freiem Fuß", in dem er von einem Lehrling in der Provinz erzählt, der aufbegehrt und im Gefängnis landet, kommt ein Jahr später der Roman "Herrenjahre" heraus. Dessen Held Melzer will kein Kleinbürgerleben führen, leidet aber ebenfalls an den Entfremdungsprozessen der Arbeitswelt und gerät auf die Verliererstraße.
Authentische Darstellung
Wolfgruber erhält für seine beiden Romane hymnische Kritiken, wird besonders für die authentische
Darstellung der Figuren gelobt.
Innerhalb kürzester Zeit wird er zum neuen Star der österreichischen Literatur, zum Hauptvertreter eines "österreichischen Realismus" und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 1978 erscheint sein dritter Roman, "Niemandsland". Wieder ist das Thema die Arbeitswelt: Georg Klein, ein Arbeiter, schafft den Aufstieg zum Angestellten, kommt aber mit den veränderten Verhältnissen, den neuen Normen und Erwartungen, nicht zurecht.
Ende der 1970er Jahre ist Wolfgruber am Höhepunkt seiner Popularität, er wird zu vielen gut besuchten Lesungen eingeladen. Peter Keglevic, Dieter Berner und Axel Corti verfilmen seine ersten drei Romane, zu denen er selbst die Drehbücher verfasst. Zusammen mit Helmut Zenker schreibt er drei Hörspiele, "Mutter, Vater, Kind", "Der Vertreter" und "High Noon". Wolfgrubers Literatur wird gelesen, gesehen und gehört.
1981 publiziert er wieder einen Roman, "Verlauf eines Sommers". Darin erzählt er die Geschichte Martin Lenaus, der nach einem abgebrochenen Medizinstudium als Vertreter für medizinische Produkte Zahnarztpraxen abklappert, aber - wie alle anderen Wolfgruberschen Figuren auch - mit seinem Leben nicht zufrieden ist und sich nach "mehr" sehnt.
Schon im "Verlauf eines Sommers", mehr noch im 1985 erschienenen Roman "Die Nähe der Sonne" wendet sich Wolfgruber von der Beschreibung der Arbeitswelt ab und dem inneren psychologischen Ausleuchten seiner Figuren zu. Auch in "Die Nähe der Sonne" erzählt er von einem beschädigten männlichen Protagonisten. Der Architekt Stefan Zell ist eben auf Urlaub im Süden, als er vom Tod seiner Eltern erfährt. Er hetzt nach Hause, um am Begräbnis teilnehmen zu können, gerät in eine wilde Party, dann folgt der psychische Zusammenbruch: "Und innen, innen Hiroshima."
Ulrich Greiner lobte das Buch in seiner in der "Zeit" erschienenen Rezension: "Von seinem ersten Roman, "Auf freiem Fuß" (1975), bis zu diesem fünften Roman hat er einen weiten Weg zurückgelegt, von einem engagierten, autobiographisch begründeten Realismus bis zu diesem riskanten Buch, das alles auf eine Karte setzt. Die Karte ist ein Trumpf."
Im Alter von 41 Jahren, in dem viele Schriftstellerkarrieren erst beginnen, tritt Wolfgruber von der Bühne der publizierenden Schreibenden ab, der "Nähe der Sonne" ist bis heute kein weiteres Buch mehr gefolgt, die literarische Stimme Wolfgruber verstummt.
"Roman in Arbeit"
"Ich bin ab einem bestimmten Zeitpunkt von der Situation abgewichen, die für mich vorbestimmt war", meinte Wolfgruber 1984 in einem Interview mit Donna Hofmeister auf die Frage nach dem Einfluss des Elternhauses auf sein Bild des Lebens. Doch könnte diese Antwort auch die Situation nach dem Erscheinen der "Nähe der Sonne" illustrieren. Warum hat Wolfgruber kein Buch mehr veröffentlicht? Hat er überhaupt nichts mehr publiziert, nichts mehr geschrieben?
Nicht ganz. In der Grazer Literaturzeitschrift "manuskripte" veröffentlichte Wolfgruber im September 1997 einen langen Text mit dem Titel "Wie warten. Immer" - versehen mit dem Hinweis, dass es sich um einen Ausschnitt "aus einem Roman in Arbeit" handle. Der Text, den man sich als Anfang eines Romans vorstellen kann, setzt in der unmittelbaren Nachkriegszeit, und zwar in einer kleinen Stadt in der russischen Besatzungszone ein. Nils Adensam, die Hauptfigur, wächst mit seinem älteren Bruder Siegi und seiner Mutter bei den Großeltern in ärmlichen Verhältnissen auf: "Nichts erkannten sie so schnell als vertraut wieder wie das Nichts-haben, das Sich-einschränken und Den-leeren-Speichel-schlucken, auch wenn sie über Jahre geglaubt hatten, es käme nicht mehr." Die Mutter findet sich ohne ihren im Krieg gefallenen Mann nicht zurecht: "Wenn euer Vater da wäre, wäre alles anders", lautet der den Kindern oft vorgehaltene Satz. Weil ihr Ehemann SS-Hauptscharführer war, bekommt die Mutter keine Witwen- und Waisenrente, muss sich und die Kinder mit Heimarbeit, Improvisation und eisernem Sparen durchbringen. Wolfgruber wechselt im Text die Perspektiven, erzählt aus der Sicht der Mutter und des kindlichen Nils, der die Sorgen und Nöte der Mutter zwar bemerkt, dem aber die Kindheit in der Nachkriegsgesellschaft, wie eine Art Idylle erscheint.
1998 veröffentlichte Wolfgruber in der zweiten Nummer der Wiener Literaturzeitschrift "Kolik" den Text "Mit weit weggestreckter Hand", der ebenfalls als Ausschnitt "aus einem in Arbeit befindlichen Roman" gekennzeichnet ist. Wolfgruber zeigt in diesem kurzen Romanauszug Adensam als Erwachsenen, der an einem Sonntagabend von seinem Freund Ismael gebeten wird, ihn ins Krankenhaus, und zwar in die Psychiatrie zu bringen. Ismaels Mutter sei vor wenigen Tagen gestorben, er deswegen völlig am Ende, habe eben mit dem Kopf eine Glastür eingeschlagen. Adensam fährt zu Ismael und bringt ihn tatsächlich ins Krankenhaus, wo es ihm gelingt, den Oberarzt davon zu überzeugen, Ismael stationär aufzunehmen. Mit der Heimfahrt Adensams endet der kurze, in sich abgeschlossen wirkende Ausschnitt.
Beide Romanauszüge sind von überzeugender Genauigkeit und von beeindruckender Sprachmacht. Vor allem der erste, in den "manuskripten" veröffentlichte Ausschnitt zeigt eine erstaunliche epische Kraft und entwirft innerhalb weniger Seiten ein plastisches Panorama der Nachkriegswelt.
Mag Wolfgruber auch seit fast 20 Jahren kein Buch veröffentlicht haben, das Schreibhandwerk hat er nicht verlernt. Warum erschien also sein angekündigter Roman nie? Ist er nicht fertig gestellt worden?
Gustav Ernst, Herausgeber von "Kolik", kennt Wolfgruber seit den 1970er Jahren. Er erzählt, dass Wolfgruber eines Tages bei einer Redaktionssitzung der Zeitschrift "Wespennest" aufgetaucht sei (Ernst war damals dort Redakteur) und danach mehrere Texte im "Wespennest" veröffentlicht habe. Aber auch Gustav Ernst hat schon lange nichts mehr von Wolfgruber gehört und weiß auch nicht, was aus dem angefangenen Roman geworden ist. Er erklärt aber, dass es die "realistische Literatur", wie sie in den 1970er Jahren geschrieben worden sei, heute nicht mehr gäbe, und dass viele Autorenkollegen von damals in den 80ern in die Krise geraten seien und sich danach umorientiert hätten. Vielleicht habe Wolfgruber das nicht gewollt oder gekonnt?
Festlegungen
Tatsächlich hatte es die realistische Literatur in den späten 1980ern Jahren schwer. Neue Themen waren gefragt. Gernot Wolfgruber, aber auch Franz Innerhofer, der mit Wolfgruber immer wieder verglichen wurde, wurden von der Kritik auf Attribute wie "autobiografisch, sozialkritisch, realistisch" festgelegt.
Damit waren Grenzen gesetzt, deren Überschreiten von manchen Kritikern nicht toleriert wurde. Das mag eine Rezension andeuten, die in der "Presse" zu "Die Nähe der Sonne" erschien. Hans Haider, der Wolfgrubers frühere Bücher überaus gelobt hatte, meinte nun: "Gernot Wolfgruber, der mit Arbeitswelt- und Aufsteigerbüchern der sozialen Feldforschung, Erlebtem und Erfahrenem voraus war, scheint nun in seinem neuesten Werk gegenüber der Psychologie ins Hintertreffen geraten zu sein. Und 'kompensiert' mit Wortdrechselei, der man den Anspruch auf Genauigkeit ebenso ablesen darf wie den nötigen Fleiß."
Alfred Kolleritsch, der Herausgeber der "manuskripte", ist am Telefon freundlich und hilfsbereit. Ja, er könne sich an den sehr guten Text erinnern, der in seiner Zeitschrift erschienen sei, habe zu dieser Zeit auch regen Kontakt zu Wolfgruber gepflegt, ihn nach dem Roman gefragt, nach weiteren Auszügen, die er veröffentlichen wollte - aber Wolfgruber habe von Schreibproblemen berichtet, das Finale des Romans noch nicht gefunden. Er habe später, so Kolleritsch, aus Scheu nicht mehr nachgefragt, und Wolfgruber in den letzten Jahren lediglich zwei-, dreimal bei Begräbnissen von Schriftstellerkollegen gesehen.
Auch ein Anruf beim Residenz-Verlag, der seinerzeit alle Bücher Wolfgrubers publiziert hatte, ergab wenig: Kontakt zu Wolfgruber gäbe es nicht, auch sei nicht geplant, zum 60. Geburtstag einige Bücher neu herauszugeben. Jochen Jung, der ihn in den 70er Jahren als Lektor des Residenz-Verlags entdeckt hat und nun seinen eigenen Verlag führt, schreibt, dass er die Romanauszüge gelesen und ausgezeichnet gefunden habe, dass er sich mit Wolfgruber zu Residenz-Zeiten nie zerstritten, aber seit einem Jahr nichts mehr von ihm gehört habe: "Am besten, Sie fragen ihn direkt, vielleicht bekommen sie ja eine befriedigende Antwort."
Spärliche Auskünfte
Gernot Wolfgruber hat den Ruf, ein "schwieriger", ein unzugänglicher Mensch zu sein. Um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, schreibe ich ihm einen Brief, der unbeantwortet bleibt. Ich rufe ihn an, stelle mich vor, erkläre, dass ich gerne etwas über die beiden Romanauszüge wissen wolle. Seine Stimme klingt alt und müde, trotzdem kämpferisch, passt nicht zu den Bildern, die ich in der Zeitung gesehen habe, aber die sind auch 20, 30 Jahre alt. Ich komme kaum dazu, Fragen zu stellen, weil er mich immer wieder unterbricht: "Warum wollen Sie über mich schreiben?"; "Warum interessieren Sie sich für mich?"; "Schreiben sie lieber über etwas, von dem sie etwas verstehen!"; "Man kann schreiben, ohne zu publizieren."; "Vom Schreiben kann in Österreich niemand leben." Das Gespräch gleicht einem Hin- und Her von halb gestellten Fragen und verstümmelten Antworten, Wolfgruber fällt mir ins Wort, wehrt die Fragen ab oder weicht ihnen aus. Befriedigende Auskunft erhalte ich nicht.
Vor 20 Jahren meinte Wolfgruber in einem Interview: "Ich bin der Meinung, dass es den Leuten, die heute anfangen zu schreiben, nicht möglich sein wird, ein ganzes Leben lang Schriftsteller zu sein. Das hat mit der Marktsituation zu tun. Man muss in kurzen Abständen immer wieder ein neues Buch herauslassen, sonst ist man weg vom Fenster, man existiert nicht mehr. Wenn jemand fünf Jahre kein Buch geschrieben hat, ist er sozusagen ein toter Hund." Damit mag er weitgehend Recht haben, aber doch nicht ganz.
Zweifellos ist der Literaturbetrieb in den letzten 20 Jahren schneller, greller, schriller geworden. Einige wenige Autoren werden "gehypt" und mit großen Marketingbudgets beworben und daher rezensiert und gelesen, während der immer größer werdende Rest der Schriftsteller nur mehr in kleinen, geschlossenen Rezeptionszirkeln wahrgenommen wird.
Trotzdem: Vergessen ist Wolfgruber nicht. Dazu ist sein Werk zu umfangreich und zu originell, seine literaturhistorische Bedeutung zu groß. Und wer die beiden Romanauszüge gelesen hat, wird wünschen, irgendwann den gesamten Roman in Händen halten zu können.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie in der Wiener Zeitung]
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