Christa Wolf, 2004, Foto: Ekko von Schwichow

Christa Wolf
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Stadt ohne Engel oder The Overcoat of Dr. Freud von Christa Wolf, 2010, Suhrkamp1.) - 3.)

Christa Wolf schrieb Geschichte von innen
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 1.12.2011:

Sie schrieb dem Osten wie dem Westen aus der Seele und ergründete, wie sie wurde, was sie war: Christa Wolf starb mit 82 Jahren in Berlin. Da Geschichte von unten nicht zu machen war, probierten wir es mit Geschichte von innen, schrieb Christa Wolf. Ihre „Kassandra“ wurde zu einer Ikone der Frauenbewegung.

Vielleicht hat die am heutigen Donnerstag gestorbene Christa Wolf geahnt, wie nahe sie dem Tod schon war, vielleicht hat sie sich deshalb in ihrem letzten, wie so oft ganz offen über das eigene Lebensgestrüpp brütende Roman „Stadt der Engel“ doch einmal ironische Passagen erlaubt. So viel heitere Selbstdistanz war nie die Sache der Christa Wolf. Im Gegenteil: Sie ging der gesellschaftskritischen Ergründung des eigenen Ichs und seiner Geschichte mit einer oft grimmigen Sorgfalt nach, die sonst kaum jemand erreichte. Weder in der DDR noch im Westen.

Um die Frage „Bleiben oder gehen?“ kreiste schon ihr zweites Prosawerk „Der geteilte Himmel“ (1963). Was sie darin von ihren Erfahrungen mit der Arbeit in einem Waggonwerk berichtete, in das sie der „Bitterfelder Weg“ der DDR-Literatur verschlagen hatte, war mehr Realismus als Sozialismus. Ein mutiges Stück Literatur kurz nach der Errichtung der Mauer, und überhaupt überschritt Christa Wolf auch, gerade im Festhalten an einer sozialistischen Utopie, wieder und wieder die Grenzen des Erlaubten in der SED-Diktatur.

Geist und Seele wundgescheuert

Am 4. November 1989 hatte sie als Kundgebungsrednerin auf dem Berliner Alexanderplatz noch ein letztes Plädoyer für einen „Dritten Weg“ gehalten, für ein paar Tage war sie sogar als Nachfolgerin von Erich Honecker im Gespräch – kurz bevor ihr westliche Kritiker wie Frank Schirrmacher vorwarfen, sie habe ihre Stimme nicht laut und offen genug gegen das kunstferne Regime erhoben. In Wahrheit ging es nicht um Christa Wolf: Mit ihren Werken sollte gleich die ganze engagierte Literatur entsorgt werden.

Dabei war das Faszinierende an Christa Wolfs Romanen, dass sie Nöte, Zwänge und Widersprüche von Menschen, von Frauen zumal beschrieben, die man im Osten wie im Westen kannte: Im Heinrich von Kleist und der Günderrode der Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ fanden sich hier wie dort all jene wieder, die sich Geist und Seelen wundgescheuert hatten – an Verhältnissen, die sich nicht umkrempeln ließen, sondern bestenfalls aufhübschen, was sie am Ende nur stabiler machte. Christa Wolf hat in dieser 1977 geschriebenen Erzählung auch ihre Erfahrungen mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann verarbeitet – und erst später erfahren, dass es die Stasi war, die das Gerücht verbreitete, sie habe ihre Unterschrift bei der Protestresolution wieder zurückgezogen.

„Kassandra“ - Ikone der Frauenbewegung

Es waren die Jahre, in denen alle spürten, dass Geschichte von unten nicht zu machen war und es mit Geschichte von innen probierten, schrieb Christa Wolf die Wege des Scheiterns auf, in den ungehaltenen inneren Reden der „Kassandra“, die zu einer Ikone der Frauenbewegung wurde, wie später im „Sommerstück“.

Aus den vielen großen und den wenigen misslungenen Erzählungen Christa Wolfs aber ragt der Roman „Kindheitsmuster“ heraus, in dem sie dem Werden des eigenen Ichs in der Nazi-Zeit nachgeht, das Ent- und Fortbestehen von autoritären Verhaltensmustern ergründet, wie es ähnlich gründlich vielleicht nur Uwe Johnson in seinen „Jahrestagen“ betrieben hat – auch er ja ein Autor, der Erfahrungen mit beiden totalitären Gesellschaften Deutschlands im 20. Jahrhundert gemacht hatte.

Stasi-Mitarbeit „vergessen“?

Ein Roman wie „Kindheitsmuster“ oder auch ihr „Nachdenken über Christa T.“ macht es denn auch völlig unverständlich, warum sie „vergessen“ haben sollte, dass es neben 42 dicken Aktenordnern über das Stasi-Opfer Christa Wolf auch noch einen dünnen grünen Aktendeckel über die Stasi-Mitarbeiterin gleichen Namens gab. Sie wird es so vergessen haben wie Günter Grass seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS. Denn je später das Hadern mit derlei biografischen Schandflecken einsetzt, desto mehr wächst sich das Überwundene, Bewältigte in der Retrospektive zum Skandal aus.

Als sie 75 wurde, ließ Christa Wolf „Ein Tag im Jahr“ erscheinen, eine Jahrzehnt-Chronik, die an jedem 27. September eines Jahres festhielt, was der Stand der Dinge war. Im Alltag einer Schriftsteller-Karriere verdichtet sich hier die Geschichte eines Landes, in Zweifeln und Skrupeln, in den Privilegien einer ZK-Kandidatin der SED und einer Frau, die mit jeder Faser aus der Geschichte in die Gegenwart hineinsprach, weil es ihr um eine Zukunft ging, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht mehr der Regelfall ist, sondern die Ausnahme.

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Christa Wolf, 2004, Foto: Ekko von Schwichow

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2.)

Nachruf auf Christa Wolf: Die Deutsche
Von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur, 1.12.2011:

Stadt ohne Engel oder The Overcoat of Dr. Freud von Christa Wolf, 2010, Suhrkamp„Stadt der Engel“ – das war der letzte große Roman, den Christa Wolf sich und uns im Sommer 2010 schenkte. Ein Erzähl-Drahtseilakt zwischen Authentizität und Erfundenem, den die Künstlerin schwebeleicht vollführte. Auch wenn der Körper schon seit langem von Krankheit und Schmerz geplagt wurde. Und so erlaubte sich die Glaubens-Skeptikerin, die doch himmelstürmenden Utopien treu blieb, die Engel nicht nur im Namen des Buch-Schauplatzes Los Angeles flattern zu lassen. Die Engel bedeuteten ihr mehr: Man kann nur wünschen, dass die Autorin genau in dieser so weisen wie kindlich vertrauenden Haltung verstorben ist. Ihr Tod trat gestern ein; sie wurde 82 Jahre alt. Eine lange Krankheit hatte sie gequält. Im Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus war ihr Mann Gerhard Wolf an ihrer Seite, als sie verschied.

Christa Wolf, Mädchenname Ihlenfeld, wurde am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe (heute Polen) geboren. Bei Kriegsende floh die Familie gen Westen und ließ sich in Mecklenburg nieder. In Mecklenburg-Vorpommern lebte die Schriftstellerin auch jetzt noch – neben ihrem Berlin. In „Nuancen in Grün“ (2002) erwies sie sich als in vollen Zügen Genießende – Landschaft, Pflanzen und Wetterstimmungen – und als Gartlerin. Diese Sinnlichkeit, dieses Erd-verhaftet-Sein war ein bedeutender, oft übersehener Teil der Persönlichkeit Christa Wolf. Sie wurde zu oft als Intellektuelle, politische Denkerin, Feministin, Kult-Figur auf dem Moralpodest und später als Buh-Frau (Stasi-Mitarbeit) abgestempelt. Das alles stimmt und stimmt nicht. Wird weder dem Menschen gerecht, noch dem Schaffen. Das musste in der DDR natürlich politisch werden, weil die Autorin genau hinsah, präzise analysierte und all das in bewegende Bilder fassen konnte.

Das machte Christa Wolf nach und nach zur Symbolfigur Deutschlands: in Teilung und Wiedervereinigung, die sie, als kapitalistische Übernahme, gar nicht gern sah. Schon die Geschichte „Der geteilte Himmel“ (1963) legte die Wunde des Zerrissen-seins bloß. Obwohl die Künstlerin in jenem Jahr noch den Nationalpreis der DDR bekam, schwärte hier wohl schon die Enttäuschung der überzeugten Sozialistin. Sie kämpfte zwar bis zuletzt dagegen an und suchte fast verzweifelt nach einer positiven Evolution des Systems. Berühmt wurde ihre Rede vom 4. November 1989, „Sprache der Wende“. Erst da trat sie aus der SED aus, der sie seit 1949 angehört hatte.

Die Nazi-Verbrechen hatten Christa Wolf, die Germanistik studierte und dann Lektorin war, tief geprägt („Kindheitsmuster“, 1976). Deswegen rückte sie immer wieder die Außenseiter, Versehrten einer übermächtigen Struktur in den Mittelpunkt. Ob das in der Gegenwart der Tod einer Frau war („Nachdenken über Christa T.“, 1968), ob im 19. Jahrhundert Kleist und Günderode („Kein Ort. Nirgends“, 1979) oder in der Antike „Kassandra“ (1983) und Medea („Medea. Stimmen“, 1996). Immer verkörpern sich Analyse und Anschaulichkeit, Menschlichkeit und Unbestechlichkeit in einer kraftvoll modellierten, nie verkünstelten Sprache. Auch wenn der Schmerz das große Thema des Œuvres ist, so geht doch nie dieser ruhig schwingende, sehr geerdete Wolf’sche Humor verloren. Er und die spezifische Sprachbeherrschung geben dem Leser Halt, um Schweres und Verzwicktes aufnehmen zu können. Die Sprache war auch Christa Wolfs eigener Halt. Gegen die DDR-Herrscher und später, als ihre IM-Akte bekannt wurde und eine Art mediale Hetzjagd losbrach.

Mit „Akteneinsicht Christa Wolf“ ging sie selbst in die Offensive und formulierte: „Den Prozess, den ich gegen mich eröffnet habe, muss ich ohne Beistand führen.“ Noch in „Stadt der Engel oder The Overcoat of Mr. Freud“, dem letzten Buch, seziert sie ihr Verhalten, stochert in der Wunde, sucht nach dem Grund ihrer Stasi-Verdrängung. In diesem Deutschland-Buch, durchflutet vom sonnigen Flair von Santa Monica, zieht die Dichterin einen Bogen von der einen zur anderen deutschen Diktatur, von Tätern zu Opfern, von der Komödie zur Tragödie, von der Skurrilität bis zur Depression. Nun erweist sich der Roman als wunderbares Abschiedsgeschenk an uns. Darin ist für jeden etwas – von Liebesgeschichten über Reisebericht bis zur Autobiografie – enthalten, ohne dass ein Mischmasch entstanden wäre. Und am Ende kümmert sich der freche Engel Angelina um die Dichterin aus Deutschland...

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Christa Wolf, 2004, Foto: Ekko von Schwichow

Christa Wolf
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3.)

Zum Abschied von Christa Wolf
In der Akademie der Künste würdigten Kollegen und Weggefährten die kürzlich verstorbene Jahrhundertschriftstellerin. Dabei wurde auch die Hexenjagd gegen sie beklagt
V
on Ulrike Baureithel in freitag vom 14.12.2011:

Die Steilvorlage für den Abschied hat sie selbst geliefert: „Gut, dass ich hier gewesen bin“, heißt es im letzten Satz des Romans „Sommerstück“. Und „was bleibt?“, hinterließ sie programmatisch mit einem ihrer Bücher.

An diesen beiden Leitplanken hielten sich am gestrigen Abend in der überfüllten Akademie der Künste in Berlin die Würdigungen für die vergangene Woche verstorbene Christa Wolf fest. Am Vormittag war die Schriftstellerin unter weinendem Himmel auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, eingerahmt von den Gräbern Stephan Hermlins, Günter Gaus’ und Thomas Braschs, beigesetzt worden. Am Abend ließ es sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit dann nicht nehmen, an seine gymnasialen Lektüreerfahrungen zu erinnern, während der eigens aus Gorzów, dem ehemaligen Landsberg an der Warthe, wo Christa Wolf am 18. März 1929 geboren und aufgewachsen ist, angereiste Bürgermeister Tadeusz Jedrzejczak ganz staatsmännisch und etwas steif die Schicksalsverbundenheit zwischen Deutschen und Polen beschwor.

„Ich hab’ allmählich meine Waffen abgelegt, das war’s, was an Veränderung mir möglich war“, spricht anschließend die tote Dichterin in den Raum, die Worte, die sie vor über 25 Jahren einmal ihrer Kassandra, der Seherin, in den Mund gelegt hatte, und die so einfach auf die Erfinderin umzumünzen sind. Denn diese „Waffenlosigkeit“ war es wohl, die sie so aussetzte, als die „Staatsdichterin“ nicht mehr als Mediatorin zwischen beiden Deutschländern benötigt und hofiert, sondern in geradezu antiker Manier verfolgt wurde von den Erynnien des westdeutschen Feuilletons, die so „ohn’ Ermatten jagten“, wie Schiller dichtete, „bis sie zu Boden fallen muss“.

Was deshalb auch bleibt, so Günter Grass, der seine Kollegin als einer der wenigen aus der Zone privater Anverwandlung ins Kraftzentrum der Politik rückte, ist die „Schäbigkeit“, mit der es 1990, im Jahr der Einheit, zuging, als die Begriffe „Gesinnungsästhetik“ und „Gutmenschen“ in das Vokabular der Gebildeten aufgenommen wurde, um ihresgleichen zu lynchen. Die „Hexenjagd, die auf Christa Wolf gemacht wurde“, so Daniela Dahn als Vertreterin der Wolfschen „Weiberrunde“, zielte auf ihre „störende Gegenwart“, darauf, dass sie hinter die scheinbar alternativlos erscheinende Einheit ein Fragezeichen setzte, den Zweifel, den die einst „gläubige“ Christa Wolf sich im Leben erarbeitet hatte.

Gabe zur Freundschaft

Ansonsten wurden die Erinnerungsredner und -rednerinnen nicht müde, die privaten Vorzüge der Verstorbenen zu würdigen, insbesondere ihre Gabe zur Freundschaft, die der Fähigkeit zur Anteilnahme entsprang. Ulla Unseld-Berkéwicz, die Verlegerin, erklomm poetische Höhen, Christoph Hein rühmte ihre Zuneigung im Alltäglichen, während Ingo Schulze aus der Distanz des viel Jüngeren immer noch verblüfft ist über das umständelose „Kollegen-Du“, das Christa Wolf denen, die sie für ihresgleichen hielt, anbot.

Ansonsten „bleiben“ Wolfs Bücher, der „neue Ton“ (Hein), der mit ihnen in die DDR-Literatur einzog. Der Gang zum „Wolf-Regal“, den nun so mancher Kollege, manche Kollegin unternahm, hat sich bei Katja Lange-Müller am ehesten gelohnt: Sie las die wirklich komische Marienkäfer-Szene aus ihrem Lieblingsroman Kindheitsmuster, die bescheinigt, dass auch das Bestgewollte manchmal Unheil zeitigt. Volker Braun, der in seiner Trauerrede am Vormittag prophezeite, Christa Wolf würde nach ihrem Tod nun selbst in den Mythos eingehen, der sie einst so umtrieb, beließ es bei einer kurzen lyrisch-verschlüsselten Signatur.

Wahrscheinlich hat er Recht, wenn er die Wiedereinverleibung Christa Wolfs in den gesamtdeutschen Literaturkörper voraussagt. Dass das gedenkende und trauernde Publikum gestern meist ergraute oder hübsch gefärbte Häupter wiegte und manch eine Träne über gelebte Gesichter floss, lässt ahnen, dass die Jüngeren sich Christa Wolf erst wieder und sicher ganz neu werden aneignen müssen. „Sie schleppte die ganze DDR auf dem Buckel mit“, erinnerte sich der Übersetzer Alain Lance an seine Begegnungen mit der Autorin in Frankreich. Sie hat getan, was getan werden musste, sekundierte die alte Dame und Weggefährtin Maria Sommer, die es sich nicht nehmen ließ, das verabredete Zeitkontingent weit zu überschreiten.

Was bleibt, ist, was du geschrieben hast, zitiert, sichtlich mitgenommen, Gerhard Wolf seine Frau, mit der er 60 Jahre lang verbunden war. Was sie im Kopf hatte, hat sie mitgenommen, hinterlassen hat sie ein Archiv über ein Land, an dem, wie sie glaubte, die Welt am Ende zu wenig Anteil nahm. Eben dies groß geschriebene A war ihr Verpflichtung.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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