Christa Wolf, 2003, Foto: Doris Poklekowski

Christa Wolf
Foto: Doris Poklekowski

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Was bleibt: Kassandra
Achtung, Erfolge, aber keine Gesellschaft. Heute wird Christa Wolf 75 Jahre alt.
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 17.3.2004:

"Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen": Der schöne, skeptische Titel jener Ausstellung, mit der die Berliner Akademie der Künste Christa Wolf den Geburtstag rahmt, gilt ja auch für ihre heute nun 75 Lebensjahre. Erzählen bedeutet weglassen, bedeutet: so ist es nicht gewesen, aber anders weiß ich es nicht, und so war es, so ist es. Literatur, würde Christa Wolf sagen, ist Erzählen im vollen Bewusstsein, dass es anders war - vor allem aber anders als es hätte sein sollen. Sie kann sich immer noch nicht einreden, in der besten aller denkbaren Welten zu leben.

So ist sie, deren großes literarisches Vermögen sich seit anderthalb Jahrzehnten darin erschöpft, Liegengebliebenes hervorzuziehen, erfolgreiche Schreibweisen zu wiederholen, mehr und mehr eine Autorin von gestern geworden. Ihr ist, trotz aller Achtung und Erfolge, die Gesellschaft für ihre Bücher abhanden gekommen.

Der geteilte Himmel

Genau genommen, und das machte sie zur überragenden Autorin, waren es von Anfang an zwei Gesellschaften. Es waren stets beide Deutschländer, die sich seit dem spektakulären Debüt mit dem "Geteilten Himmel" (1963) in ihren Büchern erkennen konnten.

Wie viele Kindheitsmuster des Jahrgangs ´29 waren nicht auch schrecklich verwoben, verstrickt in Naziträume und BdM-Kleider. Das genaue Nachdenken über Leser X. ergab ja wirklich, dass ein Ich nur störte im Getriebe der Getriebenen. "Kein Ort. Nirgends" (1979) war der richtige Platz, wie in dieser radikalromantischen Episode einer Begegnung zwischen zweien, die eins hätten sein können und nie zueinander fanden. Christa Wolf suchte folgerichtig das Utopische in der Geschichte. Die aber lässt sich mit ihrer unerreichten, bis heute gültigen Erzählung "Kassandra" nur noch als Verhängniszusammenhang lesen, in Sätzen, die aus dem tiefsten Innern einer Person emporsteigen, hinter der gar kein Autor mehr zu stehen scheint.

Christa Wolf, die stets so sehr um Distanz zu ihren Figuren ringt, ist ihnen doch immer so nahe, dass ihre Wärme bis zum Leser vordringt. Selbst Kassandra, die schwarze Seherin, spricht noch - während Heiner Müllers Untote auf der Bühne schon wortreich verstummten.

Die einstige SED-Politbüro-Kandidatin war nie die böse Wolf, nie das Rotkäppchen, das wildgewordene Feuilletonisten nach der Wende aus ihr machen wollten; wer etwas über ihre moralische Integrität erfahren will, kann das bei Manfred Krug ("Abgehaun") und Stefan Heym ("Der Winter unseres Missvergnügens") nachlesen, die sich beide genau und nur zu gut an Christa Wolfs Verhalten nach der Biermann-Ausweisung erinnern konnten.

Dass sie auch einen Literaturstreit ausgelöst hat, bei dem es nicht um Christa Wolf, sondern um eine Abrechnung mit engagierter Literatur überhaupt ging, geht freilich auf einen ihrer schwächeren Texte zurück: "Was bleibt", ein zehn Jahre lang unveröffentlichtes Prosastück über die Bespitzelung durch die Stasi, wird nur bleiben als Auslöser einer Feuilleton-Debatte: Die bereitete einer Konjunktur des fröhlichen Jasagens den Boden, was dann unter einem Label wie Pop-Literatur auch gar nicht mehr so negativ klang.

Was die einen zum Tanz um das Bestehende treibt, lähmt die anderen, und Christa Wolf hat auch diesen Befund schon mitgeteilt; in "Medea. Stimmen" legte sie die Worte dem Astronomielehrling Leukon in den Mund: "Alles ist so durchsichtig, alles liegt so klar auf der Hand, es kann einen verrückt machen." (NRZ)

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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