Ein Herumtreiber
Die Bayerische Akademie der Schönen
Künste ehrt Ror Wolf
Ein Gespräch mit Ror
Wolf von Christine
Diller aus der Münchner
Merkur, 11.5.2003:
Raoul Tranchirer zerlegt die Welt, die Ror Wolf sich für ihn ausdenkt - in wundersamen, tragikomischen Geschichten, in denen die Existenz des gerade Erzählten am Ende schon wieder in Frage gestellt ist. Raoul Tranchirer ist das Pseudonym von Ror Wolf, der mit Bildcollagen und Hörspielen, unter anderem zum Thema Fußball, berühmt wurde und für seine "Raoul-Tranchirer-Ratschläger" geliebt wird (zuletzt "Raoul Tranchirers Enzyklopädie für unerschrockene Leser & ihre überschaubaren Folgen", Frankfurter Verlagsanstalt, 29,90 Euro). Der 71-Jährige erhält morgen den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Ihre Geschichten, in denen Sie die Welt
erfinden, um sie wieder verschwinden zu lassen, knüpfen an der alltäglichen
Wirklichkeit an. Nehmen Sie diese als Aneinanderreihung solcher Geschichten
wahr?
Wolf: Die Wirklichkeit besteht sicher nicht aus solchen
Vorgängen, selbst in meiner Wahrnehmung nicht. Diese Geschichten entstehen
unter Verwendung der Realität an meinem Schreibtisch. Von Zeit zu Zeit
bedrängt mich die Wirklichkeit, aber das muss ich aushalten.
Ihre Raoul-Tranchirer-Ratgeber parodieren den aufklärerischen Gestus von
Enzyklopädien. Haben Sie eine Leidenschaft für Lexika?
Wolf: Lexika haben mich schon als Kind fasziniert. Ich habe
einen alten Brockhaus geliebt. Besonders das Zusammenspiel von Text und Bild. Es
ist aber nicht allein Parodie. Es sind tragikomische Welterklärungsversuche
eines eigens dafür erfundenen Herrn: Raoul Tranchirer. Er darf alles behaupten
und von allem auch das Gegenteil. Er ist mächtig. Dichter sind es in der Regel
nicht.
In Ihren Texten spielen Sie mit scheinbaren Gewissheiten. Wie gehen Sie mit
dem "Verschwinden" und mit realen Verlusten um?
Wolf: Das Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, zu
verschwinden und Verluste wenigstens vorübergehend zu vergessen. Das Lesen
übrigens auch.
Sie sind angeblich 34 Mal umgezogen. Stehen diese Ortswechsel im
Zusammenhang mit Ihren Schaffensprozessen?
Wolf: Es sind tatsächlich 34 Umzüge. Der erste war der von
Saalfeld nach Berlin: 1953. Damals habe ich die DDR verlassen, allein, also ohne
Familie, um ein völlig anderes Leben zu beginnen. So richtig geklappt hat das
nicht. Ortswechsel haben mir allerdings niemals Schwierigkeiten gemacht. Ich bin
ein Herumtreiber. Ein regelrechtes Heimatgefühl hat sich nicht entwickelt;
obwohl es Orte gibt, die ich anderen vorziehe. Allerdings bin ich sicher, dass
meine Art zu schreiben auch durch die Häufigkeit der Ortswechsel beeinflusst
worden ist.
Warum haben Sie sich vom Fußball als Thema abgewandt?
Wolf: Das Thema Fußball ist von mir bis 1982 derart
ausführlich behandelt worden, dass man mich für einen Fußballdichter gehalten
hat. Dagegen ist nichts zu sagen, aber es genügt mir nicht. Ich habe in diesem
Bereich alles gemacht, was ich machen wollte: Sonette, Stanzen, Balladen,
Prosatexte, Dialoge, Zitatmontagen, Radio-Collagen, sogar einen Film. Das Thema
ist für mich abgehakt.
Muss man befürchten, dass Sie bald auch Ihre Weltzerschreibungs-Geschichten
abhaken?
Wolf: Im Herbst erscheint "Zwei oder drei Jahre
später. 47 Ausschweifungen". 2004 soll eine um unveröffentlichte Stücke
erweiterte Zusammenfassung sämtlicher Stichworte der Enzyklopädie
herauskommen. Dann etwas Romanähnliches und auch etwas Autobiografisches. Sie
sehen, ich bin noch lange nicht am Schluss.
Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © Münchner Merkur