Deutsche Sprachheimat
Literaturpreis aus Franken für Natascha Wodin
Besprechung von Inge Rauh aus den Nürnberger
Nachrichten vom 19.10.2005:
Die in Berlin lebende
Schriftstellerin Natascha Wodin, die 1945 in Fürth geboren wurde und in
Forchheim aufwuchs, erhält morgen den diesjährigen Wolfram-von-Eschenbach-Preis
des Bezirks Mittelfranken. Die Auszeichnung, die mit 10 000 Euro dotiert
ist, wird bei einer Feierstunde in Wolframs-Eschenbach überreicht. Wodins
schriftstellerisches Werk ist eng mit frühen Erfahrungen in Franken verbunden.
In einem Buch des Erlanger Fotografen Georg Pöhlein, das der
Literaturlandschaft Frankens gewidmet ist, schreibt Natascha Wodin nüchtern und
sensibel zugleich über ihren Vater. Wie er die letzten Jahre schweigend im
Altersheim verbringt, wie er sich „in einer anderen, russischen Welt“
aufhielt, des Deutschen noch immer nicht mächtig.
Die Entwurzelung führte ihn in die Isolation, die Tochter hingegen in die Welt
der Wörter. So hielt sie der Ausgrenzung stand, die sie als Kind ukrainischer
Eltern erlebte, die während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland geflohen
waren. Hier lernte Natascha schnell, dass sie für die einheimische
Nachbarschaft und die Mitschüler einfach „das Russla“ war. So etwas prägt:
„Wer wird schon seine Kindheit los“, bemerkt sie rückblickend und stellt
fest, dass sich nun ein Kreis geschlossen hat.
„Ich kenne viele Russen in Berlin“, erzählt sie , „und lebe hier mit
einer Ukrainerin in einer Wohngemeinschaft“. Natürlich gebe es noch immer
diese Vorurteile gegen das Fremde, aber nicht mehr in der Schärfe wie in ihrer
Kindheit: „Uns hat man ja noch fast mit Steinen beworfen“. Lange Jahre habe
sie nicht mehr russsisch gesprochen, sagt Wodin, „meine Sprachheimat ist
deutsch“.
Momentan schreibt sie an einem neuen Roman über die frühe Nachwendezeit in
Berlin, der fast fertig ist. Zur Arbeit hat sich die Autorin ins Mecklenburger
Land zurückgezogen, dort genießt sie die Natur ganz trendig beim Nordic
Walking. Die schriftstellerische Existenz jedoch muss ständig neu erkämpft
werden im „Sprachverlies“ - so hieß ein Gedichtband Wodins, die mit Romanen
wie „Erfindung einer Liebe“ (1993), „Die Ehe“ (1997) und zuletzt mit
einem Text über Sri Lanka („Das Singen der Fische“) Beachtung fand.
Immer im Zwiespalt
Sie beneide, sagt Wodin im Gespräch, jene Schriftsteller-Kollegen, „die sich
hinsetzen und etwas ausdenken können“. Für sie bleibt immer der Zwiespalt,
mit dem sie aufwuchs, die Ausgeschlossenheit der Eltern, der verbitterte Vater
und die suizidgefährdete Mutter, die sich das Leben nahm, als Wodin noch ein
Kind war. Sie hat versucht, „Leben zu gewinnen durch das Schreiben“, wie es
der Autor Hanns-Josef
Ortheil formulierte.
Aber dazu braucht man beständige Kampfkraft, und die gehe ihr jetzt manchmal
aus, meint die 60-jährige Autorin. Doch auch da findet sich wieder ein Anknüpfungspunkt
zur Bewältigung des Problems. Ihr nächstes Thema sei das Alter, es biete ja
wirklich jede Menge Stoff. Womöglich hat die Zukunft - nach schwieriger Zeit -
erst begonnen.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 1005 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten