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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Der Mann als Kunstwerk
Ein Feuerwerk aus Sprache, Esprit
und Einfällen:
Heute vor 150 Jahren wurde in Dublin Oscar
Wilde geboren.
Von Hendrik Bebber aus der NRZ,
15.10.2004:
"Erfolgreich, berühmt und berüchtigt", antwortete der 21-jährige Oxford-Absolvent auf die Frage nach seinem Lebensziel. Er wurde alles: erfolgreicher Autor, berühmter Gesellschaftslöwe, berüchtigter "Knabenschänder".
Der materielle und geistige Reichtum, mit dem sich Oscar Fingal OFlahertie Wills Wilde bis zu seinem furchtbaren Fall umgab, wurde ihm am 16. Oktober 1854 bei seiner Geburt in Dublin in die Wiege gelegt. Sein Vater Sir William Wilde, war ein berühmter Arzt, die Mutter Francesca eine in Irland gefeierte Dichterin. Oscar bekam die beste Erziehung am Trinity-College in Dublin und später am Magdalen-College in Oxford, das er mit einem glänzenden Zeugnissen und Preisen für erste dichterische Versuche verließ.
Als staatlichen Schulinspektor wollte man ihn nicht haben, als Chefredakteur einer Frauenzeitschrift hielt ers nicht lange aus. Wilde fand schnell seine wahre Berufung, er wurde "VIP". Wegen der nicht abreißenden Flut seiner geistreichen Bonmots und seines exzentrischen Auftretens machte ihn die Londoner Schickeria zu ihrem Idol.
Der dicke Dichter mit der Lilie
Als Gilbert und Sullivan ihn sogar in ihrer Operette "Patience" persiflieren, kennt jeder den "dicken Dichter, der mit einer Lilie in seiner mittelalterlichen Hand herumspaziert". Als Werbung für die amerikanische Tournee der Operette bekommt Wilde sogar eine Vortragsreise in den USA gezahlt. "Ich habe nichts zu deklarieren außer meiner Genialität", antwortet er bei der Einreise den verblüfften Zöllnern. In seinem Samtanzug spricht er auch vor Cowboys und Trappern und hält begeisterten Bergarbeitern Vorträge über Ästhetik.Zurück in England, finanziert er seinen aufwändigen Lebensstil und seine homosexuellen Affären weiter durch Vortragsreisen sowie durch Gedicht- und Essaybände. 1884 heiratet er zum allgemeinen Getuschel seine Verehrerin Constance Lloyd, die zwei Söhne gebar. Sie lobten ihn als liebevollen Vater und glänzenden Erzähler. Die phantasievollen und hübschen Märchen, die Wilde später veröffentlicht, gehören immer noch zu Spitzenklasse der Kinderliteratur.
Nach 111 idealen Gatten war Schluss
Im Frühjahr 1894 ist Wilde auf dem Gipfel seines Ruhmes. Einhundertelf Aufführungen seines Stücks "Ein idealer Gatte" sind gelaufen, als es wegen seiner Verhaftung am 5. April abgesetzt wird. Ähnliche Dauerbrenner sind "Lady Windermeres Fächer" und "Eine Frau ohne Bedeutung". Die neueste Komödie "Bunbury oder Ernst muss man sein" wird von W. H. Auden wegen des brillanten Feuerwerks geistreicher Pointen und geschliffener Dialoge gar als "reinste Sprachoper" gepriesen. Diese "triviale Komödie für ernsthafte Leute"- so Wilde - verspottet vordergründig ebenso amüsant wie arrogant die bürgerliche Moral des viktorianischen Zeitalters. Wilde sah "natürliches Verhalten" als einen innerlichen individuellen Impuls an und nicht als den Ausdruck gesellschaftlicher Normen.In seiner Verteidigungsrede gegen die ihm angelastete "Sodomie" beruft sich Wilde auf reine klassische Ideale. Die "Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt," sei die edelste Form selbstloser Zuwendung. Der Prozess war eine unnötige Herausforderung von Wilde. Ausgelöst wurde er durch eine Beleidigung von Lord Queensberry. Der jähzornige, vulgäre Vater von Lord Alfred Douglas ("Bosie"), hatte den Liebhaber seines Sohns als "Sodomit" bezeichnet und Wilde strengte eine Klage an. Auf die Frage des Staatsanwalts, "ob er jemals einen Mann glühend geliebt hätte", antwortete er unter Gelächter des Publikums: "Ich habe immer nur einen einzigen Mann angebetet: mich selbst".
Die heißen Liebesbriefe an "Bosie" und Zeugenaussagen aus Londoner Männerbordellen führten jedoch zu seiner Verurteilung. Der Dandy musste den Samtanzug gegen Sträflingskleidung eintauschen und flanierte hinfort in der Gefängnis-Tretmühle Reading. Ebenso demütigend war sein finanzieller Bankrott und der Verlust der Kinder nach der Trennung. Doch die Brieferzählung "de profundis", die er dort schrieb, spricht die Sprache eines Schauspielers, der immer noch an seine Rolle glaubt.
Falsche Legenden
Trotz der schonungslosen Abrechnung mit seinem Liebhaber trafen sich die beiden sofort wieder in Frankreich, wohin Wilde nach seiner Entlassung reiste. Geächtet vom Publikum, lebte er von Spenden alter Bewunderer, die Unterhaltszahlungen seiner Frau reichten nicht. Bildungs- und Erholungsreisen nach Italien und die Schweiz sowie enorme Ausgaben für Essen und käuflichen Sex widersprechen aber den Legenden von einer ärmlichen, elenden Existenz.Neue Forschungen dementieren auch den Mythos einer tödlichen Syphilis. Wilde erlag einer verschleppten Ohreninfektion, bis zuletzt an das Image glaubend, das er von sich für sein Nachleben schuf: "Ich war ein Mann, der Kunst und Kultur seiner Zeit symbolisierte. Ich besaß Genie, einen angesehenen Namen, eine Stellung in der Gesellschaft, Witz, intellektuellen Mut: ich machte aus der Kunst eine Philosophie und aus der Philosophie eine Kunst. Ich änderte das Denken der Menschen und die Farbe der Dinge: was immer ich tat oder sagte, wirkte erstaunlich." (NRZ)
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]
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