Literatur stellt alles in Frage und setzt das
kritische Sehen durch.
Unempfänglich für Kollektiv-Ideen nach
den Kriegserfahrungen: Gespräch mit dem Schriftsteller Dieter
Wellershoff, der 80 Jahre alt wird
Interview: Wolf Scheller aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 01.11.2005:
Herr Wellershoff, Sie sind als junger Mann aus
dem Krieg ins Rheinland zurückgekehrt. Was bedeutet für Sie Heimat?
Dieter Wellershoff: Zunächst einmal das, was es wahrscheinlich für alle
Menschen bedeutet: Ein Ort der Geborgenheit, des Vertrautseins und natürlich
auch ein Ort, der in Erinnerung bestehen kann.
Für Heinrich Heine war
Deutschland schlechthin die Heimat, nach der er sich sehnte. Ist Heimat aber
nicht viel mehr, etwa die Geborgenheit im persönlichen, privaten Bereich?
Wellershoff: Ich nehme an, dass das bei Heine auch eine Rolle gespielt hat, auch
wenn er das vielleicht nicht so ausgedrückt hat. Der Ursprung des Heimatgefühls
ist der Lebensbeginn im Uterus des Mutterleibs. Dann die Fortsetzung des
Geborgenseins im Heranwachsen des kleinen Kindes, in der man total verschmilzt
mit der freundlichen Umgebung, in die man eingebettet ist und allmählich
Vertrauen gewinnt, sich im Raum zu bewegen und lernt, dass man eine eigene
Position einnehmen kann. Man lernt dabei aber auch die Widerstände der Welt
kennen.
In Ihren autobiografischen Aufzeichnungen „Die Arbeit des Lebens“ berichten
Sie, wie die Begegnung mit Wolfgang
Borcherts „Draußen vor der Tür“ Ihren Impuls, Schriftsteller zu
werden, verstärkt hat. Welche Empfindungen kamen da zusammen?
Wellershoff: Mein Lebensgefühl war ganz anders als das von Borchert. Ich hatte
ein geradezu euphorisches Gefühl: Ich hatte den Krieg überstanden. Den Schrei
der Hauptfigur Beckmann „Gibt denn niemand Antwort?“ habe ich damals schon
als eine Pathetisierung empfunden, und ich hätte antworten können: Das ist
doch klar, dass niemand antwortet, weil niemand da ist, der dafür zuständig
ist.
Was war Ihre entscheidende Erfahrung, die Sie im Krieg gemacht haben?
Wellershoff: Der Übergang von einer Kollektivfantasie, die der kleine Junge mit
den Sondermeldungen des Krieges, den Beispielen von Heldenmut und Orden und so
weiter mitbekommen hatte, hin zur Vereinzelung, die ich in mir spürte, als ich
dann Soldat wurde und heimlich schon bei der BBC gehört hatte: Nun hat das
Afrika-Korps kapituliert, davor schon Stalingrad, nun werden unsere Städte
bombardiert - ich hatte das Gefühl, in eine Katastrophe zu kommen. Aber immer
noch mit dem Bewusstsein: Das ist Krieg, Krieg hat es immer schon gegeben, jetzt
bin ich in einem Krieg. Es gab viele Gelegenheiten, bei denen ich hätte
umkommen können, vor allem an dem Tag meiner Verwundung. Da lagen so viele Tote
auf dem Feld, dass ich das Gefühl habe: Das Ende des Krieges war meine zweite
Geburt. Das Chaos der letzten Wochen habe ich als ein anschauliches historisches
Ende von einem Zustand erlebt, und seitdem habe ich auch das Gefühl in mir: Das
Kollektive ist der Wahnsinn. Und wenn ich an meine Literatur denke, dann ist das
eine Einstellung auf die Nahprobleme der Menschen: Was machen die Menschen
konkret miteinander? Ich bin unempfänglich geworden für Kollektivideen.
Kann der Westen den Krieg gegen den Terrorismus, so wie er jetzt geführt wird,
überhaupt gewinnen?
Wellershoff: Nein, das ist so, als wenn man mit einer Schaufel gegen Flugobjekte
kämpfen würde. Die größte Waffe, die der Westen hat, sind die Reize seiner
Zivilisation, die auf junge Leute überall wirken. Daran ist schon der Ostblock
zusammengebrochen, dessen Lebensverhältnisse für die Menschen total
unattraktiv wurden. Das dürfte gegenüber dem Islam sehr viel schwieriger sein.
Aber tendenziell ist das die einzige Möglichkeit.
Verstehen Sie sich heute auch als ein politischer Schriftsteller?
Wellershoff: Nur von Fall zu Fall, bei Einzelproblemen habe ich mich geäußert.
Zum Beispiel war die Wiedervereinigung für mich ein herausragendes Ereignis.
Ich hätte mir das nicht träumen lassen. Die Schwierigkeiten, die wir jetzt
haben, können gegen dieses Wunder nicht ins Feld geführt werden.
Sie haben seinerzeit als Lektor bei Kiepenheuer & Witsch auch Heinrich
Böll betreut, der immer die Einmischung des Schriftstellers gefordert hat.
Wie war Ihr Verhältnis zu ihm?
Wellershoff: Da habe ich keinen Gegensatz zu ihm. Die Legitimation der Literatur
besteht nicht darin, sich politisch überall einzumischen. Das ist nur ein
Nebenbei. Es geht darum, dass Schriftsteller ihre Autorität als bekannte Person
mehr dazu nutzen sollten, sich als Staatsbürger zu äußern. Das hat Böll wohl
nicht anders gesehen.
Welche Kompetenz kann denn der Schriftsteller für sich beanspruchen?
Wellershoff: Was Literatur leisten kann, das ist die Vertiefung der Wahrnehmung
des Lebens. Es muss eine realistische Literatur sein. Realismus bedeutet aber
nicht das Abschreiben einer bekannten Wirklichkeit, sondern Realismus bedeutet
das Neu-Sehen von Wirklichkeit. Wirklichkeit ist ja ein Konstrukt. Es ist das
von uns Gesehene, Erlebte. Normalerweise leben wir innerhalb unserer
Institutionen und Gewohnheiten ein bisschen oberflächlich. Und in der Literatur
besteht die Chance, das alles in Frage zu stellen und sozusagen ein neues,
impulsives, spontanes und kritisches Sehen durchzusetzen, ohne das die Menschen
eigentlich verdummen würden.
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