1.) - 2.)
Gruppenbild mit Wellershoff
Walter Jens,
Siegfried Lenz, Martin Walser,
Hans Werner Henze - nun ist auch eine NSDAP-Karteikarte von
Dieter Wellershoff aufgetaucht. Der
Literatur-Doyen macht "verstörende" Erfahrungen wie die, darum werben zu müssen,
dass ihm geglaubt wird: ein Auftritt in der Düsseldorfer Altstadt
Von Jens Dirksen aus der NRZ vom 11.6.2009:
Draußen vor dem Geburtshaus von Heinrich Heine in der Düsseldorfer Altstadt lärmt massenhaft der Wille zum totalen Amüsement. Eine Vorhölle des Vergnügens. Drinnen, bei „Müller & Böhm“, der schönsten Buchhandlung im ganzen Rheinland, breitet sich Stille aus, und sie klingt nach Anspannung. Dieter Wellershoff tritt aufs Podium, es ist der Abend jenes Tages, an dem die „Zeit“ seine NSDAP-Mitgliedsnummer in die Welt hinausposaunt hat. Seltsam: Vorhin, beim Bestellen am Tresen für Rotwein, Wasser und Kaffee, hat man Wellershoff seine 83 Jahre nicht die Bohne angemerkt - erst jetzt, da er oben sitzt, ist die wahre Würde des Alters in ihn gefahren. Nein, er wusste wirklich nichts von seiner Parteimitgliedschaft. Und es ist ihm unangenehm, „dass man darum werben muss, dass einem geglaubt wird.“
Eine Instanz in ungewohnter Rolle. Er ist doch ein Doyen der rheinischen, der deutschen Literatur, der es durch Partyabstinenz, Eitelkeitsverzicht und notorischen Eigensinn zur Einzelfigur brachte. Was er in diesen Tagen erlebt, nennt Wellershoff „ein bisschen verstörend.“ Und seine kantig gewordenen Züge versteinern bei den Worten „Das hat keinen Anschluss an die Erfahrung mit mir selber.“
Die Zahl der deutschen Vorzeige-Intellektuellen, deren braune Parteikarten seit zwei Jahren aus dem Bundesarchiv auftauchen, ist allerdings Legion. Dieter Hildebrandt (Jahrgang 1927) und Siegfried Lenz (Jg. 1926) vermuten eine Partei-Aktion dahinter, Martin Walser (Jg. 1929) glaubt an einen vorwitzigen Hitlerjungen. Und Hans Werner Henze (Jg. 1926) fällt angesichts seiner ungeahnten NSDAP-Nummer nur der Begriff „Phantommitgliedschaft“ ein. Steckt ein heimlich organisierter Masseneintritt dahinter? Ein Geburtstagsgeschenk an Hitler, wie das oft rückdatierte Eintrittsdatum vom 20. April 1943 nahelegt? Manche Historiker weisen auf den anhaltenden Mangel an Beweisen hin. Andere, prominentere wie Hans Mommsen (Jg. 1930) oder Hans-Ulrich Wehler (Jg. 1931) trauen der NSDAP eine Verbreiterung der Parteibasis durch jugendliche Karteileichen durchaus zu.
Auch Dieter Wellershoff (Jg. 1925) glaubt an einen „Wettbewerb der Gaue“ auf Karteikarten; man wollte wohl einen „Heldenmut und Opferwillen der Jugend“ dokumentieren, „den es so nicht gab.“ Was es 1943/44 gab, bei Wellershoff und anderen, war die Sehnsucht, aus der „uninteressanten Welt zu Hause“ aufzubrechen in „das große Abenteuer“ draußen, das Alfred Andersch einmal „Reiseunternehmen Wehrmacht“ genannt hat: „Hoffentlich“, sagte damals ein Schulfreund zu Wellershoff, „dauert der Krieg so lange, dass wir auch noch Soldat werden.“ Soldat - nicht Parteigenosse: „Das waren doch braune Bonzen und Heimatspießer. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, da einzutreten. Ich erinnere mich an einen dicken Studienrat in brauner Uniform, der bei uns an der ‚Heimatfront‘ Geld sammeln kam. Mein Vater dagegen war schlank und Major bei der Luftwaffe – da wusste ich doch, was ich gut fand!“
Nein, in der Hitlerjugend von Grevenbroich, wie manche Zeitungen jetzt behaupten, war er auch nicht. Wellershoff, der noch heute sein „Einmaleins“ mit einem echt niederrheinischen „ei“ färbt, war bis 14 im Jungvolk. Und anschließend Jungvolk-Führer, „weil man dann nicht in die HJ musste“. Ja, zur Panzerdivision „Hermann Göring“ hat er sich mit 17 freiwillig gemeldet, um nicht zur SS zu kommen. Und dann gab es nur noch den einen Satz, der immer geholfen hat: „Das ist der Krieg.“ Keine Alternative. An der Front hat der alltägliche Lebensraum einen Durchmesser von 300 Metern. Das ist der Krieg. Für Erschießungskommandos fanden sich seltsamer Weise immer genügend Freiwillige. Das ist der Krieg. Und dass man bei Mädchen „überhaupt nur mit Uniform eine Chance hatte, und noch mehr mit Orden“. Das ist der Krieg. Ein Feld voller verwunderter Soldaten, wimmernd, schreiend, brüllend, bis sie endlich tödlich getroffen wurden. Das ist der Krieg.
Bis er vorbei ist und Dieter Wellershoff 46 sein Abitur nachholt, studiert und dann beim Schreiben von nächtlichen Schulfunk-Programmen über Psychologie, Existenzialismus und Adorno „ein zweites Studium“ absolviert. Als Biograf und Herausgeber der bis heute gültigen Werkausgabe von Gottfried Benn, als Lektor von Heinrich Böll agiert er meist aus der zweiten Reihe heraus, auch wenn die Titel solcher Romanerfolge wie „Fürsorgliche Belagerung“ von ihm stammen, auch das längst zum geflügelte Wort gewachsene „Gruppenbild mit Dame“ (das, schmunzelt Wellershoff, eigentlich erst durch Maggie Thatcher so richtig bekannt wurde…). Wellershoff wird in den 60er Jahren Vater eines neuen Realismus der „Kölner Schule“ mit Ausnahme-Literaten wie Nicolas Born bis Rolf Dieter Brinkmann. Als fleißiger Essayist und Redner aber geht Wellershoff nach vorn, und als die Große Koalition in Bonn die Notstandsgesetze einbringt, warnt er vor einer neuen Diktatur: „Das“, sagt er heute souverän, „ war eine Fehleinschätzung, emotional gesteuert und von Erfahrungen getrieben.“ Ein Eingeständnis, das ihn sichtlich schmerzt. Würde es so einem nicht ungleich leichter fallen, eine Jugendsünde wie einen Parteieintritt mitten im totalen Staat einzuräumen?
Am Ende liest Dieter Wellershoff, dem erst das Alter mit seinem „Der Liebeswunsch“ einen Bestseller-Roman bescherte, aus seinem neuen Buch. Anfang September soll es herauskommen, ein Roman über einen Pfarrer, der eine Erfahrungs- und Lebenskrise durchmacht. Wie denn überhaupt Literatur, sagt der Literat Wellershoff „die Darstellung von Krisensituationen ist, von Differenzen, Konfrontationen, die letzte Spiegelung von Lebenswirklichkeit.“ Bis in den Titel des neuen Romans hinein: „Der Himmel ist kein Ort“. Und die Hölle muss heute Abend auch draußen bleiben.
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2.)
NSDAP-Mitgliedschaft. Nichts gewusst?
Der 83-jährige Dieter Wellershoff, einstiges Mitglied der
Literatenvereinigung Gruppe 47 und vielfach preisgekrönter Autor von Romanen,
Essays und Erinnerungsbüchern, zeigt sich bestürzt über eine Mitteilung aus dem
Bundesarchiv in Berlin. In der Mitgliederkartei der NSDAP, die ausgerechnet in
einem Kasernenbau verwahrt wird, der früher die Leibstandarte SS Adolf Hitler
beherbergte, sei nach einer Anfrage des „Zeit-Magazins“ sein Name gefunden
worden, schrieben ihm die Archivare. Den Unterlagen zufolge habe die Nazi-Partei
den jungen Wellershoff unter der Nummer 1017253 geführt, am 20. April 1944, also
an Hitlers 55. Geburtstag, habe er seine Mitgliedschaft beantragt und
rückwirkend zum 20. April 1943 sei er aufgenommen worden.
Ein grotesker Irrtum, ein schlechter Scherz – das war Wellershoffs erste
Reaktion auf den Brief aus Berlin, wie er in einer Stellungnahme im „Spiegel“
schreibt. Denn im Gegensatz zur Wehrmacht, die er als Jugendlicher in den ersten
Kriegsjahren „idealisiert“ habe, sei er den „braunen Bonzen“ der Partei immer
mit an Verachtung grenzender Abneigung begegnet: „Sie waren für mich Maulhelden
und uniformierte Spießer.“ 1943 sei er als Kriegsfreiwilliger zur Wehrmacht
einberufen worden. Er habe an der Ostfront gekämpft, sei im Oktober 1944
verwundet worden und habe den Winter im Lazarett verbracht. Im März 1945 sei er
noch einmal an die Oderfront gekommen und im Chaos des Zusammenbruchs auf einem
Fahrrad zu den Amerikanern gelangt. „Während dieser ganzen Zeit wäre es für mich
ein völlig abwegiger Gedanke gewesen, in die Partei einzutreten. 50 Jahre später
schrieb ich mein Buch ‚Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges’, in dem ich
die Erfahrungen und Mentalitäten meiner Generation dargestellt habe. Es wäre für
mich auch eine plastische und unverzichtbare Gelegenheit gewesen, über die
Idiotie eines Parteieintritts in der Endphase des Krieges zu schreiben, wenn es
ihn denn gegeben hätte.“
Es geht nicht darum, verdiente Kulturträger unseres Landes der Lüge zu bezichtigen, was im Übrigen auch niemand während der ganzen Debatte ernstlich getan hat, so hitzig sie auch geführt wurde. Es wundert einen aber schon, dass die Betroffenen nicht in Erwägung ziehen, dass ihre Erinnerungen sie täuschen könnten, dass sie die in Zeiten existenzieller Bedrohung geleistete Unterschrift auf ein als unbedeutend empfundenes Stück Papier schlicht vergessen haben könnten, oder aus Scham verdrängt. Die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen belegt gerade ein Text von Dieter Hildebrandt, der besonders erbost über die Veröffentlichung seiner Partei-Mitgliedschaft reagiert hatte: Im vom Verleger Alfred Neven DuMont als Reaktion auf den FOCUS-Artikel initiierten Sammelband „Jahrgang 1926/27“ schreibt der Kabarettist über seine Fronterlebnisse im Winter 1944/45 und schildert dabei auch, wie er die Silvesteransprache von Rudolf Hess im Rundfunk gehört hatte – doch Hitlers Stellvertreter saß seit 1941 in britischer Haft.
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