Ein Freund der offenen
Gesellschaft
Theodor Weißenborn
über Gottesvergiftung und Krimis, über Heimat und Völkermorde, über Karl Popper
und Podolski
Von Jochen Arlt im März 2009:
„Kannst du lesen, so sollst du
verstehen; kannst du Schreiben, so musst du etwas wissen; kannst du glauben, so
sollst du begreifen.“ Johann Wolfgang von Goethe
gerne wieder einmal beim Wort genommen.
Theodor Weißenborn ist von jeher ein ambitionierter Leser, der etliche
Jahrzehnte hindurch universelle literarische Formen wie – psychologische und
gleichermaßen philosophische – Inhalte zu transportieren versteht. Theodor
Weißenborn gehört seit den frühen 1960-er Jahren mit seinem universellen
Wissenspotential zu den großen ambitionierten deutschen Schriftstellern. Theodor
Weißenborn hatte rasch begriffen, weiß generell Bescheid, längst, also weit über
die divergierenden Glaubensformen hinaus.
Jochen Arlt ließ sich von alledem gezielter in Kenntnis setzen während eines
Besuchs im tiefsten Südeifel-Busch zwischen Manderscheid und dem
Zisterzienserkloster Himmerod.
ARLT: Herr Weißenborn, den Themen „Glaube und Religion“ oder „Gott und die Welt“ scheint eine Renaissance in Form von zuvor kaum für möglich gehaltenen Massensymptomen zu widerfahren. Stellvertretend genannt der 2005 von Köln aus die Republik für sich einnehmende Weltjugendtag oder der jüngst von Suhrkamp erfolgreich ausgerichtete Betriebszweig „Verlag der Religionen“. Wie begegnen Ihnen solche und vergleichbar populäre Entwicklungen?
WEISSENBORN: Zu der von Ihnen umrissenen Thematik lese ich zur Zeit Autoren wie Hans Albert, Franz Buggle, Ernst Topitsch und andere. Massenveranstaltungen, ob in Nürnberg, Woodstock oder Köln, finde ich eher abstoßend als attraktiv. Le Bon, Freud oder Mitscherlich haben Wesentliches dazu gesagt. Suhrkamps neuer Betriebszweig mag blühen und gedeihen, sofern er das Denken fördert und damit zur Religionskritik beiträgt.
ARLT: Sie beschäftigen sich bereits seit längerer Zeit mit Fragen des Glaubens im Spiegel psychologischer und philosophischer Literatur. Dabei trifft der Papst mit Qualtinger zusammen, Goyen mit Wittgenstein, Adorno mit C.G. Jung, hier Böll, dort Karl Kraus – welches Ziel verfolgen Ihre oft recht sarkastischen Texte?
WEISSENBORN: Satire muss ätzen wie Salzsäure. Sie zielt, diametral entgegengesetzt dem Humor, nicht auf Versöhnung, sondern auf Vernichtung, indem sie darauf hofft, dass Lächerlichkeit tötet. Sie steht auf Seiten der Opfer – gegen Demagogie, Wahn und Verbrechen.
ARLT: „Es ist besser, eine Kerze anzuzünden, als über die große Finsternis zu jammern“ heißt Ihre im Verlag Ralf Liebe erschienene Novität mit dem Untertitel „Nützliche Gespräche“. Wie nützlich, nach Ihren unmittelbaren Erfahrungen, sind heute Dialoge etwa über den Buddhismus oder Moscheen in unserer Nachbarschaft, über moralische Verantwortung oder Heilsgeschichten für Seele und Körper?
WEISSENBORN: Nützlich sind Gespräche, wenn sie zur Klärung verworrener Begriffe, schwer durchschaubarer Sachlagen, Korrektur gravierender Irrtümer beitragen, Einsichten und Verständnis vermitteln und zur friedlichen, gewaltfreien und konstruktiven Lösung von Konflikten führen. Dies gilt für den privaten wie den öffentlichen Dialog, unabhängig von der jeweils aktuellen Thematik.
ARLT: Im kommenden Juli feiert die protestantische Welt den 500. Geburtstag von Johannes Calvin, der die Reformation ebenso vorangebracht hat wie Luther. Ihr Einblick in die Jahrhunderte lange Wirkungsgeschichte des Calvinismus respektive Ihre Interpretation dazu, bitte.
WEISSENBORN: Ob Calvin, Luther oder Zwingli – sie führten vom Regen in die Traufe. Kleine Veränderungen, sagt man, verhindern die großen, und bei allem Reformeifer: das Grundübel, die christliche Ideologie mit all ihren Narrheiten und Scheußlichkeiten, von der Erbsünde bis zum blutigen Menschenopfer Jesu, blieb unangetastet und besteht noch heute.
ARLT: Ist es angemessen, Sie als religiösen Freidenker einzustufen?
WEISSENBORN: Ja.
ARLT: Stimmen Sie überein mit Karl Barth? Nach dessen Theologie weiß der Mensch keine Antwort auf ihn betreffende Lebensfragen. Und er erhalte sie weder aus eigener Anstrengung noch aus der Bibel, so Barth, vielmehr nur vom ganz anderen, unbegreiflichen Gott, der sich erst offenbare, wo alle menschlichen Gedankensysteme enden würden.
WEISSENBORN: Menschen glauben Antworten auf ihre Lebensfragen bald innerhalb, bald außerhalb der Bibel, bald mit, bald ohne Gott, bei Marx, Barth oder Ron Hubbart zu finden. Ob mit Erfolg, das sei dahingestellt. Aber eine gescheite Frage ist mir allemal lieber als eine törichte Antwort. Ob die mitunter gefundenen Antworten etwas taugen, erweist sich an ihren Früchten. Und überdies, damit müssen wir leben, kann der Sinn des einen der Unsinn des andern sein – und umgekehrt.
ARLT: Somit darf ich Christine Lavants religiöse Lyrik mit all ihrer sprachlichen Wucht einbringen. Thomas Bernhard nannte diese Poeme „das Zeugnis eines von allen guten Geistern missbrauchten Menschen“ . . .
WEISSENBORN: Hier kann man wohl von einem besonders beklagenswerten Opfer gesellschaftlich, auch oder gerade kirchlich, beschädigten Lebens sprechen. Weiß der Teufel, was derart leidvoll Betroffenen oft schon in früher Kindheit eingetrichtert wurde! Tilmann Mosers „Gottesvergiftung“ ist das erschütternde Beispiel einer solchen autotherapeutisch erzählten Leidensgeschichte.
ARLT: Jürgen Israel, eng mit dem Leben und Werk der großen Dichterin vertraut, schreibt: „Ich halte die Lavant nicht für melancholisch, sondern für verzweifelt (,Seit ich den Leib meiner Mutter verließ, war ich niemals wieder geborgen.’). Denn sie hat keinen, den sie anrufen, verfluchen, lästern, bestürmen kann als Gott. Aber er ist unerreichbar. Und sie bekommt nie eine Antwort auf ihre beschwörenden Anrufe. Sie hatte wohl kaum mehr Kraft, die Heilsverheißung aufzunehmen.“ Widerspricht Christine Lavant damit herkömmlichen Überzeugungen, die Religion in erster Linie dem Trost zuordnen?
WEISSENBORN: Wo sich erfolgreich gründeln lässt – wir lesen’s durch Versuch und Irrtum. Wo nichts ist, kann man nichts finden, und wo nichts zu finden ist, muss man nicht länger suchen. Und schlimmer noch: auch der vermeintlich kostbare Fund kann sich als wertlos erweisen. Neben der fatalistischen Unterwerfung unter „Gottes unerforschlichen Ratschluss“ gibt es das resignative Abschalten, die Erschöpfung, die Einstellung allen leidenschaftlichen Bemühens angesichts der, so Heinrich Heine, „gleichgültig und kalt“ blickenden Sterne. Religiöser Trost, so schrieb sinngemäß schon vor mehr als hundert Jahren William James in seinem Werk „Die Vielfalt religiöser Erfahrung“, religiöser Trost ist nur zu haben um den Preis der Verdrängung alles dessen, was der ersehnten Heilserfahrung entgegensteht.
ARLT: Dichterkollege Hans-Jürgen Singer denkt im Einklang mit Christine Lavant an Blaise Pascal, der, Zitat, „ja auch schon das Schaudern angesichts des ewigen Schweigens der unendlichen Räume schilderte . . . Für einen des Glaubens Unfähigen muss es verwunderlich bleiben, dass ebenso ein Gläubiger keinen Halt finden kann angesichts der Verzweiflungen auslösenden Not des Daseins.“
WEISSENBORN: Glaubensverlust muss nicht in Trostlosigkeit und Verzweiflung führen, sondern kann auch schlicht unpathetische Ernüchterung bedeuten, ja als Desillusionierung, als Enttäuschung und somit als Realitätsgewinn positiv und befreiend erfahren werden. Halt, Trost und Sinn lassen sich im übrigen durch zwischenmenschliche liebevolle Zuwendung vermitteln, und wenn, nach Augustinus, Gott Liebe ist, lässt sch im Umkehrschluss auch sagen: Liebe ist Gott. Und dann gewinnt auch Dorothee Sölles These, Gott sei „die innerste Wertvorstellung des Menschen“ einen vernünftigen Sinn.
ARLT: Islamische Attentäter ziehen bekanntlich seit Jahrzehnten tiefgläubig und gewaltbereit in den – täglichen – Krieg wie ehemals die Jungfrau von Orleans, die wegen Aberglaubens auf dem Scheiterhaufen endete und später zur Heiligen erkoren wurde. Wie heilig sind die gläubigen Islam-Terroristen unserer Tage?
WEISSENBORN: „Heiliger Krieg“ oder arabisch „Dschihat“, „Heilig’ Vaterland“, „Soldaten unter Christi Fahnen“ (Theresia von Avila), „Gott mit uns!“, Völkermorde im Namen Gottes oder im Namen Allahs, Waffensegnungen und Pfarrer Bennets Gebet vor dem Einsatz einer US-Bomberstaffel in Vietnam: „Segne, o Gott, diese Männer! Schenke ihnen einen sicheren Flug und eine glückliche Heimkehr!“ Die Bitte wurde erhört, denn, so Landesbischof Martin Kruse, „es geschieht nichts auf Erden, das Gott nicht will.“ Die Perversion der Heiligkeit stinkt zum Himmel – warum folgt keine Heiligsprechung Adolf Eichmanns als eines Martyrers des Gehorsams! Und um den Hohn einmal mehr auf die Spitze zu treiben: wie wär’s mit einem Denkmal zu Ehren Kardinal Stepinacs, diesen geistlichen Schurken, der unter dem Ustacha-Regime in Kroatien mitverantwortlich war für die Ermordung Hunderttausender orthodoxer Serben und den Pius XII. ob seiner Verdienste für die heilige katholische Kirche ausdrücklich belobigte und zum Kardinal erkor! Ach, man möchte lachen und muss doch schreien vor Schmerz!
ARLT: Ich kann mir vorstellen, dass Sie sich ein eigenes Glaubensbekenntnis formuliert haben. Ist es möglich, dass Sie den Text mir und dem Leser unseres Dialogs offenbaren?
WEISSENBORN: Als Agnostiker sage ich: Gott existiert oder auch nicht – unabhängig von meinem Dafür- oder Dawiderhalten. Anders: er lässt sich weder herbeiglauben noch hinwegzweifeln; siehe Matthias Claudius im Brief an seinen Sohn Johannes: „Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn. Wir müssen uns nach ihr richten.“ Die Beweislast liegt im übrigen nicht bei den Atheisten, sondern bei den Theisten, und die Psychologie lehrt: Angesichts nicht entscheidbarer Fragen wendet der Mensch sich ab und wendet sich anderen, lohnenderen Aufgaben zu.
ARLT: Zum Finale unseres Gesprächs darf ich Sie bitten, auf folgende Namen, Stichworte, Zitate spontan mit jeweils einem Satz zu reagieren:
„Ich glaube, um zu verstehen“, weiß Anselm von Canterbury: Ich setze dagegen: Das „Licht des Glaubens“ benebelt den Verstand.
Reinkarnation: Ein kurioser religiöser Mythos unter anderen.
Maximilian Kolbe: Darf nicht ablenken von den im Namen Gottes begangenen Verbrechen der Kirche.
Kardinal Meisner: Aus Karl Poppers Sicht, die ich teile, ein Feind der offenen Gesellschaft.
Humanismus: Grundlage einer auf Vernunft und Liebe stets neu zu gründenden Ethik.
„Alle Religion ist Feuerkult“, weiß Oswald Spengler: In dieser Verallgemeinerung fragwürdig.
Bibliotherapie: Wirkt kathartisch, das heißt hilf dem Leser, mit sich und der Welt ins Reine zu kommen, sofern das Buch gleich Biblion, das er liest, nicht gerade die Bibel ist.
Literaturkritik: Hole ich mir bei Autoren wie Ernst Robert Curtius.
Sozialkritik: Den Herrschenden unerwünscht. Daher dringend geboten.
Ketzer: Aus Karl Poppers Sicht, die ich teile, Freunde der offenen Gesellschaft.
„Vulgus vult schundus“, weiß Adam Heinrich Müller: Unentwegt wahr und zudem politisch gewollt. Nur ein Beispiel sei mir erlaubt: In 2008 verschwendete das Kulturministerium von Rheinland-Pfalz 140.000 Euro an Steuergeldern nicht etwa für die Förderung der Literatur, sondern ausdrücklich für die Förderung der uns gerade noch fehlenden „Kriminalliteratur“
Düsseldorf: Herrliche Schulzeit am Humanistischen Jacobi-Gymnasium mit exzellenten Lehrern vor allem der Fächer Deutsch, Latein und Geschichte.
Köln: Von 1964 bis 1969 für mich ein guter Ort des Schreibens.
Lukas Podolski: Guter Autor? Dann müsste ich ihn eigentlich kennen.
Heimat: Überall da, wo man klar denkt und lebendig fühlt.
ARLT: Haben Sie rundum Dank, Herr Weißenborn, für den lebendigen Gedankenaustausch.
Leseprobe I Buchbestellung 0409 LYRIKwelt © Jochen Arlt