Ein
Chamäleon sieht sich ähnlich.
Gespräch von Theodor
Weißenborn mit Theodor Weißenborn aus der NRZ vom 21.7.2003:
Ein
Chamäleon sieht sich ähnlich
Der Schriftsteller Theodor Weißenborn
wird 70 - und interviewte sich ausnahmsweise kritisch selbst.
Theodor: Sie leben auf unwirtlicher Höhe der Schnee-Eifel: Hof Raskop. Wie hat man sich das Anwesen vorzustellen?
Weißenborn: Oje! Ihre Frage zielt auf äußere Lebensumstände, also auf Akzidenzien, während ich primär nach innen sehe. So habe ich einmal in Dublin, als der deutsche Botschafter mich fragte, wo ich zu Hause sei, ohne zu Zögern geantwortet: "In der Existenzphilosophie". Er zuckte zurück, als hätte er in einen Kaktus gefasst und ließ sofort von mir ab. - Ich hoffe, Sie tragen Lederhandschuhe und fragen nach.
Theodor: Aber immer! Was also - wenn Sie Wert darauf legen - was bedeutet Ihnen Philosophie?
Weißenborn:
Sie bringt Licht ins Dunkel. Als Orientierung, Einsicht, Rechtfertigung und Korrektiv der Tat. Was die Existenz betrifft: Mit Heidegger kann ich nichts anfangen, aber Sartre (mit seiner Schrift "Der Intellektuelle und die Revolution") setzte mir einen Stachel ins Fleisch, und Jaspers verdanke ich die Einsicht, dass ich nicht schuldlos durchs Leben gehen kann, weil die Welt nach Christi Geburt und nach seinen Tod genaus tragisch strukturiert ist wie zuvor. Ein harter Fakt, den die Christen (ich bin christlich erzogen worden) verdrängen, weil sie permanent um ihr Seelenheil bangen und immer den Wunsch für die Realität nehmen. Also gilt: Was immer ich tue oder lasse - ich handle und trage die Folgen, moralische wie materielle.
Theodor: Geht´s vielleicht konkreter? Anhand eines Beispiels?
Weißenborn: Gern. Wenn ich Leben retten will, muss ich den mordenden Tyrannen erschießen. Tue ich dies nicht, so werde ich schuldig durch Unterlassung. Tertium non datur. Denn aus der tragischen Situation (immer hatte der Mörder eine schwere Kindheit) gibt es den schuldlosen Ausgang nicht.
Theodor: Haben Sie je geschossen?
Weißenborn: Nicht im Krieg. Für Hitlers Wehrmacht war ich zu jung, für die Bundeswehr später zu alt. Ich habe immer nur, wie Theodor Heuss empfahl, "mit goischtige Waffe" gekämpft, also das Wort zum Dolch gespitzt und satirische Giftpfeile verschossen.
Theodor: 1986 haben Sie im Wahlkreis Bitburg für die Friedensliste kandidiert und landauf, landab friedenspolitisches Kabarett gemacht. Wer hatte da wen engagiert? Der Literatur den Citoyen? Oder der Citoyen den Literaten?
Weißenborn: Das kann ich nicht entscheiden. Wäre ich Sänger, so hätte ich Protestlieder gesungen, und als Maler hätte ich politische Plakate gemalt. Es kämpft halt jeder mit den Waffen, die er hat, und meine Waffe ist nun einmal die Sprache, die - und das nicht nur nebenbei - auch anklagen, verteidigen, richten und versöhnen will, damit real möglichst wenig geschossen wird.
Theodor: Kann sie das? Mit Erfolg? - Was hat Ihr Engagement damals gebracht?
Weißenborn: Wie lässt sich das messen! - Mein Wunsch nach Abrüstung, der Wunsch vieler, wahrscheinlich der meisten Deutschen in Ost und West, ist jedenfalls in Erfüllung gegangen: die atomaren Mittelstreckenwaffen wurden abgezogen und - hoffentlich! verschrottet. Sicherlich nicht allein dank der Friedensliste, sondern vor allem dank der Politik Michail Gorbatschows, aber das Ziel wurde erreicht: "Das Teufelzeug" (Erich Honecker) ist weg.
Theodor: Ihre spektakulärste öffentliche Provokation (ich beziehe mich auf einen Bericht im "Spiegel") war, als Sie damals unter dem Pseudonym Thomas Klausen Bundestagsabgeordnete, die der Aufstellung der Cruise Missiles und der Pershing-II-Raketen zugestimmt hatten, aufforderten, persönliche Patenschaften für diese Raketen zu übernehmen und die einzelnen Flugkörper auf die Namen ihrer Paten taufen zu lassen.
Weißenborn: Richtig. Die entsprechende öffentliche Zwangstaufe habe ich dann trotz des erbitterten Protestes der Paten bei einem Treffen der Friedensliste im Hunsrück vollstreckt, und meine Korrespondenz mit den Bonner Atomstrategen kann man als Buch nachlesen, sie ist unter dem Titel "Die Paten der Raketen" als Faksimile-Druck in den e´dition trêves erschienen und wurde inzwischen neu aufgelegt. Wichtig für die literarische Waffenschmiede war damals der Schritt von der Satire zur Real-Satire, das heißt die Einbeziehung des Gegners in die Performance, seine öffentliche Vorführung, die ihn nötigte, sich selbst darzustellen und bloßzustellen. Und keiner der Geleimten hat damals das Spiel durchschaut. Kohl wie Genscher, Möllemann und Mischnick und die Adam-Schwaetzer - alle, alle schrieben ernsthaft und betroffen zurück und suchten sich bald zornig-patzig, bald freundlich, bald pseudo-rational-bramabarsierend der Schlinge zu entziehen, die sie, je mehr sie zappelten, nur um so enger umschloss.
Theodor: Das war damals. Nun stecken wir wieder im Wahlkampf. Was tun Sie?
Weißenborn: Ich schreibe, lese und diskutiere auf meinen Vortragsreisen über das Thema "Wie Gewalt entsteht und wohin sie führt", weise hin auf die Wiederkehr des Verdrängten, des noch immer nicht Bewältigten, den Terror von rechts, die neuen und alten Fratzen des Faschismus, rufe "Auch für du -DVU!" und "Deutschland den Deutschen" und schäme mich, im Gedanken an Solingen und Hoyerswerda, ein Deutscher zu sein.
Theodor: Neben literarischen Preisen wie dem Georg-Mackensen-Preis und dem Publikumspreis der Akademie der Künste haben Sie auch inoffizielle Auszeichnungen erhalten. Ein Offizier der Bundeswehr z.B. verlieh Ihnen den Titel einer "linken Sau". Ein Boulevardblatt nannte Sie den "kommunistischen Antichristen" und so weiter.
Weißenborn: Derlei kommt vor. Schlimmer war, dass man mir telefonisch ein Attentat auf eines meiner Kinder androhte, und verdrießlich war, dass mich ein Kollege nach Aufführungen meines Holocaust-Hörspiels "Staub" in Budapest, Prag und Ljubljana einen "ästhetischen Faschisten" nannte. Da half auch mein Hinweis auf Delacroix nicht, der die Köpfe der Guillotinierten malte. Der sei eben auch ein ästhetischer Faschist, hieß es. Ich hatte ein Massengrab beschrieben, und das durfte nicht sein.
Theodor: Sie nutzen unterschiedliche literarische Gattungsformen: Gedicht, Essay, Hörspiel, Erzählung, Roman, so dass man Sie schon als "Chamäleon der Literatur" bezeichnet hat. Kränkt Sie dass?
Weißenborn:
Im Gegenteil! Dieses Wort stammt doch von Wolfgang Weyrauch, meinem ersten Lektor, und war von ihm als Kompliment für den Parodisten gedacht ! - Tatsächlich ist die Parodie eine meiner Lieblingsgattungen, vor allem im Rahmen meines literarischen Kabaretts mit dem Titel "Kopf ab zum Gebet!", mit dessen Titel ich natürlich Kurt Tucholsky huldige.
Theodor: Kann man da eine Kostprobe hören?
Weißenborn:
Gern: "Rausch, dionysische Feste - / Hedonie, Apathie, Agonie .../ Tadellos, senfweiße Weste, / Errare humanumst - und wie!"
Theodor: Ich tippe auf Benn.
Weißenborn:
Bingo!
Theodor: Welches Ihrer Bücher sehen Sie als Ihr erfolgreichstes an und warum?
Weißenborn:
Je nachdem, wie man Erfolg definiert: Geht´s um das Erreichen selbstgesetzter Ziele, so ist mein erfolgreichstes Buch das, an dem ich zur Zeit schreibe. Geht´s um Verkaufszahlen, so hatte ich die höchsten Auflagen in Polen mit meinem Roman "Als wie ein Rauch im Wind". Und die erfreulichste literarische Anerkennung brachte mir 1988 mein Prosaband "Opfer einer Verschwörung", eine Auswahl poetischer Pathographien, darunter auch meiner psychiatriekritischen Texte, die seitdem in 25 Sprache übersetzt wurden.
Theodor: Wie hat man sich Ihre Arbeitsweise vorzustellen, Herr Weißenborn?
Weissenborn: Die Technik ist unwichtig. Was zählt, ist allein das Ergebnis. Vulpius und Goethe schrieben beide mit Gänsekiel, aber Vulpius schrieb den "Rinaldo Rinaldini" und Goethe den "Faust".
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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