A.J.Weigoni, Foto: Thomas SuderLiteratur im elektronischen Zeitalter
Meine Beziehung zu A.J. Weigoni wird nach wie vor durch die geheime Abmachung geprägt, sich nie zu nahe zu treten; dahinter steht ein Selbstverständnis, das Heinrich von Kleist folgendermaßen ausgedrückt habe: „Ich weiß nicht, was ich Dir über mich unaussprechlichen Menschen sagen soll.“. Die einzige Möglichkeit mit ihm ein Interview zu machen ist die E-Mail.

Interview mit A.J. Weigoni von Matthias Hagedorn, 09/2012:

Hagedorn: Nachdem die Erzählungen »Zombies« streckenweise rabenschwarz daherkamen, betrachtest Du mit den Novellen »Cyberspasz« Alltagsphänomene mit analytisch durchdringendem Blick. Werden mit dem Einherkommen der Trivialmythen zugleich die alten Mythen banalisiert?

Weigoni: Man kann den Sinnzusammenhang der globalisierten Welt kaum mehr erkennen, sondern den Stand der Zivilisation nurmehr in ihrer Unverständlichkeit erfassen. Auch wenn ich mich mit beginnendem Alterststarsinn wiederhole: Wir leben im Zeitalter der totalen Kommunikation bei gleichzeitiger Sprachlosigkeit.

Cyberspasz von A. J. Weigoni, 2012,  Edition Das LaborHagedorn: Wenn man »Zombies« und »Cyberspasz« auf zusammenfasst: Ein Konzeptalbum?

Weigoni: Um mit den Beach Boys zu antworten: SmileJ

Hagedorn: Man könnte bei dieser Strecke, die uns auf eine Lesereise von über 600 Seiten führt als Weigoniverse sprechen.

Weigoni: Das wäre ein Quentchen Tarantino zu viel!

Hagedorn: Es war ein Befreiungsversprechen des zwanzigsten Jahrhunderts, eines, das seinen Glanz noch immer nicht ganz verloren hat: „Die universale Maschine wird euch frei machen.“

Weigoni: Eigentlich sind es zwei Heilsversprechen. Das Zweite lautet: „Die universale Kommunikation wird euch frei machen.“

Hagedorn: Zusammengefunden haben diese Verheißungen in der Vision einer weltumspannenden Netzkultur. Das universale Computernetz, soll uns den freien Fluss der Informationen, Gedanken, Meinungen, Ideen, Bilder bescheren, und mit diesem Fluss auch den sich selbst befreiten Menschen, die Assoziation selbstbestimmter, aufgeklärter, kreativer, jedenfalls in ständigem Austausch miteinander begriffener Individuen. Bereiten soziale Netzwerke die Total-Überwachung vor?

Weigoni: Die angeblich unumgängliche Notwendigkeit des privaten Gebrauchs neuer Technologien, ohne die man bis vor kurzem ohne weiteres leben konnte, rationalisiert oft unbewusste psychische Impulse. Das Problem dieser Kommunikationstechnologien scheint mir, dass diese den Menschen eine Entscheidungsfreiheit suggerieren, die dabei zugleich verloren geht. Jede populäre neue Technik ruft zunächst massenhafte kulturelle und geistige Analphabetisierungen hervor, die erst wieder überwunden werden müssen, ehe nicht nur wenige die ideellen Potentiale der technischen Entwicklung ausschöpfen können.

Hagedorn: Hochfliegende Phantasien stürzen meist tief ab, ein Grund für dich, sich mit Dystopien zu beschäftigen?

Weigoni: Das Netz hat unser Denken verändert, und damit auch die Literatur. Dichtung ist immer ein Suchen, Versuchen, Verzweifeln, Irren und Überformen. Mit der Arbeit am Computer ist der Text jedoch weich geworden, man mag nimmer aufhören mit dem Überformen. Schrecklich schön.

Hagedorn: Digital thinking und digital reading stehen auf der Tagesordnung, was wie eine Verheißung klingen soll, erscheint mir als eine Form der Hochstapelei.

Weigoni: „Der eigentliche Realist… muss abwechselnd Eckstatiker und Spötter, Idylliker und Verzweifelter sein“, heißt es über Jean Paul. Eine Einengung durch ästhetische oder gar moralische Sinnprogramme kann es daher auch im 21. Jahrhundert nicht geben. Novellen haben eine Art von Integrität, die es zu achten gilt. Man kann dieser Literaturform nicht einfach Symbole einpflanzen, ohne ihr Leben zu gefährden, und doch muss man Gattungsgrenzen ausdehnen.

Hagedorn: Du beschreibt, wie Menschen auf eine Datenfolge reduziert werden, es geht in »Cyberspasz« nicht mehr um die Person, sondern nur noch um Vorlieben, Gewohnheiten, Alter und so weiter. Daraus lässt sich aber kein menschliches Wesen zusammensetzen.

Weigoni: In »Cyberspasz« probiere ich aus, wie viel erzählerische Energie in den vertrauten Mustern steckt, wenn man die Blickrichtung umdreht. Diese fünf Novellen sind eine Cyberspaceparodie (Auf ewig Dein!) auf wortprägende Agenten an der Grenze zwischen beängstigend künstlichem und beruhigend Natürlichem; gehen über in die Rock-Novelle „Der grosse Wurf“, handeln von einen leidenschaftlichen Schallplattensammler (Rahsaan, eine jazzthetische Story), spielen mit dem filmischen Nerd-Wissen (Kopfkino, ein WortVideo für eingeweihte Ohryeure) und enden mit einem Nachruf auf den Kriminalroman (Der McGuffin).

Hagedorn: In Deinen neuen Novellen beschreibst Du den Totalitarismus einer digitalen Technowelt, der die feindliche Übernahme des Menschen gelingt. Es ist ein Szenario, das als Kulturkritik auftritt. Wiederholt dieses Szenario Neil Postmans Verdummungsthese mit literarischen Mitteln?

Weigoni: Mr. Postman kritisiert vor allem das Fernsehen, das ein externalisiertes Medium war. Deshalb denke ich nicht, dass wir durchs Fernsehen verdummen, denn es gibt ein Leben, auch ein mediales, drumherum. Meine Novellen beschreiben einen Prozess der Internalisierung von Technologie, das Internet als Teil von uns - geistig, und vor allem körperlich. Das geschieht vor allem durch das personalisierte Internet der Algorithmen, ohne dass wir es merken. Wenn Du, ich oder der Leser dieser Zeilen bei einer Suchmaschinen nach demselben Begriff suchen, bekommen wir nicht unbedingt dieselben Ergebnisse geliefert, denn die Algorithmen rechnen im Hintergrund alle Informationen ein, die es über uns im Netz gibt, und die unterscheiden sich noch. Diese so genannten ‚Sozialen Medien’ liefern uns unterschiedliche, aber passgenaue Angebote, die Voraussetzung und Bestandteil unseres Entscheidens und Handelns werden.

Hagedorn: Warum hast Du das Genre Cyberpunk und des Zopfmuster so genannten Kriminal–Romans gewählt?

Weigoni: Unter Germanisten wird die Debatte über das, was im Internet passiert, rückständig geführt. Es gibt eine Ideologisierung von Verfechtern und Gegnern des Internets, daher findet keine kulturkritische Debatte statt. Wir verstehen nicht, dass es um den Eintritt in eine neue Zivilisationsstufe geht. Es geht nicht um eine neue Technik oder eine neue Kommunikationsplattform, wir müssen hinterfragen, was von uns als Individuum übrig bleibt. »Cyberspasz« radikalisiert das Problem so, dass wir am Anfang einer Zukunft stehen, die ohne uns auskommt.

Hagedorn: In der neuen Zeit, die Deine Novellen entwerfen, sind wir von dem Ballast befreit, den wir seit Jahrtausenden mit geschleppt haben. Die Fragen nach dem Individuum, nach den Beziehungen zwischen den Menschen, nach Freiheit und Begrenzung, nach Liebe und Hass, nach Anfang und Ende. Wir kennen dies im klinisch-pathologischen Raum der Persönlichkeitsstörungen. Würdest Du so mir zustimmen, dass wir auf dem Weg in eine pathologische Normalkultur sind?

Weigoni: Normalität ist ein ausgehandeltes Mittelmaß. Das ist grauenvoller als jedes Extremszenario in meinem Buch. Manchmal empfinde ich unsere Gesellschaft wie in einem manisch-depressiven Dauerzustand. In »Cyberspasz« wird eine Gegenwart geschildert, in der das Unterscheiden unmöglich geworden ist. In der wir nicht mehr wissen, wo die Grenzlinie zwischen digitalem und ontologischem Ich verläuft.

Hagedorn: Eine Mischung von Fakten und Fiktion prägt Dein ganzes Werk. Braucht es einen Anstoß von außen?

Weigoni: Es gibt kaum etwas, was mehr Inspiration bietet, als eine Fahrt im ÖPNV. Wenn man genug von dem, was der Tag an Schrott anspült bewusst wahrnimmt, kommen die Ideen von ganz allein.

Hagedorn: Was die Angelsachsen sophistication nennen, kann man in diesen Novellen nachlesen, ein feines Wahrnehmungsvermögen im Hinblick auf soziale Verschiebungen.Weigoni: Das ist geschmeichelt, denn ganz ohne kulturpessimistischen Zeigefinger kommt »Cyberspasz« auch nicht aus. Diese Novellen beschreiben auf einer Metaebene, was passiert, wenn das kulturelle Gedächtnis entsorgt wird, es verschwinden die Maßstäbe für die Leistungen der Gegenwart. Wenn wir jedoch nurmehr die kulturelle Vergangenheit sehen, verschwindet auch die schöpferische Lust auf das Neue.

Hagedorn: Im weitesten Sinn politische Literatur?

Weigoni: Den Sinn von politischer Literatur habe ich nie ganz verstanden. Wer sich für politische Botschaften in der Literatur interessiert, hat bereits eine klare Haltung zu den Dingen, die dort verhandelt werden. Entweder stimmt also der Leser ohnehin allem zu, was der Schriftsteller zu Papier bringt oder er ist eben anderer Meinung, will dann aber auch nicht mit einer Suada belehrt werden.

Hagedorn: Mit ‚Botschaften’ willst Du Deine Poesie nicht belasten?

Weigoni: Ich ziehe es vor, meine Ansichten dezent einfließen zu lassen.

Hagedorn: Deine Prosa ist audiobiographisch?

Weigoni: Jeder Künstler versteckt und offenbart sich zugleich in seinem Werk.

Hagedorn: Haltung und Ironie sind nicht einfach unter einen Hut zu bringen. Wo die Haltung Position bezieht, ethisch oder politisch urteilt, da spitzt die Ironie die Lippen und fragt: Ehrenvoll, deine Haltung, aber folgt auch etwas daraus?

Weigoni: Ich bin nicht der einzige, der Ground Zero als einen Ort betrachtet, an dem die Abrechnung mit den Werten des Westens beginnt. Die Terror–Angriffe auf New York und Washington haben nicht nur die Architektur, sondern auch das konventionelle System staatlichen Strafens gesprengt. Die Frage nach Tätern und Opfern stellt sich im 21. Jahrhundert völlig neu.

Hagedorn: Keine Erlösung. Nirgends?

Weigoni: In der letzten Zeit wird oft von der „jüdisch–christlichen Tradition“ Europas geredet; welch verlegene Redensart. Den einzig vollständigen Religionsersatz bietet der Fußball. In einer Umwertung aller Werte ist das Fussballstadion zur Kirche geworden. Die lithurgische Abfolge und die Wechselsänge erinnert stark an eine Eucharistiefeier. Und den Glauben, dass die wahre B’russia noch einmal Deutscher Meister wird, mag ich nimmermehr aufgeben.

Hagedorn: Der Schriftsteller in der Rolle des Propheten ist im 21. Jahrhundert perdü?

Weigoni: Die Aufgabe eines Schriftstellers ist es, eine moralische Ordnung in der Welt zu beschreiben. Die Leser sind erwachsene Menschen, sie machen sich ihren eigenen Reim darauf.

HAGEDORN: Bedanke mich!

WEIGONI: Bis dahin.

 »Cyberspasz«, Novellen von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2012 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover
Erhältlich über:
info@tonstudio-an-der-ruhr.de

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