A.J.Weigoni, Foto: Thomas SuderDer zugewandte Distanzkünstler
Meine Beziehung zu A.J. Weigoni wird nach wie vor durch die geheime Abmachung geprägt, sich nie zu nahe zu treten; dahinter steht ein Selbstverständnis, das Heinrich von Kleist folgendermaßen ausgedrückt habe: „Ich weiß nicht, was ich Dir über mich unaussprechlichen Menschen sagen soll.“. Die einzige Möglichkeit mit ihm ein Interview zu machen ist die E-Mail.

Interview mit A.J. Weigoni von Matthias Hagedorn, 09/2010:

Hagedorn: Schon früh habe ich bei Dir die absolute Auskunftsverweigerung bei gleichzeitigem totalem Offenheitsgestus bemerkt.

Weigoni: Wen interessiert schon das Private?

Hagedorn: Seitdem die Literaturkritik durch Homestorys ersetzt worden ist, anscheinend immer mehr Leser!

Vignetten von A.J. Weigoni, 2009, Edition Das LaborWeigoni: Also zurück zum Inhalt: Als ich 1985 meinen ersten Gedichtband mit dem Titel »Der lange Atem« betitelte, war das ironisch gemeint. Seitdem braucht es verlässliche 10 Jahre, bis die nächsten Gedichte zur Geschlossenheit eines Bandes reifen. Schneller geht nicht. Langsamer schon. Für den schmalen Band mit 24 »Vignetten« brauchte es 30 Jahre, um das Material so zu überformen, bis es zur Novelle wurde. Bei »Zombies« sind es nur 26 Jahre.

Hagedorn: Das führt die Frage, ob man davon leben könne, bereits ad absurdum.

Weigoni: Wenn es nach der Maßgabe der entlohnten Arbeit geht, läßt sich dieser Zeitraum nicht rechnen. Bücher entziehen sich der unmittelbaren Verwertbarkeit, sie pfeifen auf die McKinseysierung unserer Gesellschaft, und gerade daraus erwächst ihr Wert. Wie es ausschaut, geht mit dem Industriezeitalter auch das Zeitalter des Copyrights zu Ende.

Hagedorn: Nach den handelsüblichen Kategorien wird die Beschäftigung mit Poesie gern das Etikett „Rebellion“ angepappt.

Weigoni: Eigentlich bin ich auf der Suche nach einer Freiheit, wie sie nur in der Literatur zu finden und für die in der globalisierten Wirklichkeit längst kein Platz mehr vorhanden ist.

Hagedorn: Kann es damit zu tun haben, daß die Schriftsteller den anderen Künsten hinterher hecheln?

Weigoni: Die Gebißträger-Generation mit 18 Dioptrien, Silberplatte und Beinprothese im Flamingolook hat das nicht mitbekommen. Es gibt immer noch Autoren, die mit der Schere im Kopf arbeiten. Auf einer anderen Ebene ist das Filmschnittartige seit Brinkmann in der Prosa, der Zoom, die Stills und die Überblendungen längst zur Norm geworden. Auch der Schriftsteller kann für einen Leser problemlos von einem Bild auf das Nächsten „schneiden“. Und die Leser denken das mit.

Hagedorn: Ersinnlich wird beim Hören das Bohren in der Syntax, ja, das Aufbohren der Wörter.

Weigoni: Das Aufnahmestudio habe ich schon immer als Teil meines Schreibtisches verstanden. In der Medienpraxis bin ich zu der Einsicht gelangt, daß Sprache primär nichts Geschriebenes ist. Sie ist mehrdimensional. Das Manuskript bleibt eine Absichtserklärung, im Aufnahmeraum zeigt sich, was umsetzbar ist und vor allem, welche Inspirationen unter der Arbeit noch entstehen, die aus taubem Material den Funken zünden.

Hagedorn: Man meint den Ton zwischen den Zeilen zu hören.

Weigoni: Dialekte schätze ich sehr, wie die von mir geliebte rheinische Mundart, die Umgangssprache, aber man sollte nicht vergessen, daß wir aufrecht gehen können.

Hagedorn: Du beschäftigst dich zeitlebens mit Trivialmythen, welchen Einfluss hat das auf deine Arbeit?

Weigoni: Die Anlässe sind meist banal. Das geht von einer Zeitungsnotiz bis zur teilnehmenden Beobachtung im öffentlichen Personennahverkehr. Prickelnd wird es, wenn sich das Beschriebene und das Beobachtete reiben. Das führt zu etwas Altmodischem, dem Griff zum Notizzettel. Die Überformungen dieser Alltagssituationen führen dazu, die unerträgliche Wahrheit über den Menschen auszusprechen und dadurch die Welt erträglicher zu machen. Meine dokumentierte Fiktion »Zombies« ist eine Mischung aus direkter Herangehensweise und stilisierter Überhöhung in extremer Verdichtung. Mich interessiert der kaltgenaue Blick auf den Alltag. Mit kühlem Herzen habe ich Emotionen unterdrückt, um sie auf diese Art und Weise um so deutlicher zu machen.

Hagedorn: Man wird dir vorwerfen, dich mit »Zombies« an Robert Altmans »Short Cuts« orientiert zu haben.

Weigoni: Mit der Beantwortung Deiner letzten Mail habe ich gezögert, weil es immer fragwürdig ist, Literatur thematisch einzuordnen, zudem noch dem Film unterzuordnen; aber solange es die Leute sind, die »Nashville« nicht kennen, ist es nicht eigentlich relevant.

Hagedorn: Das sehe ich ähnlich, »Nashville« ist die Blaupause und »Short Cuts eine schlechte Kopie des ursprünglichen Konzepts. Was also ist dein Referenzpunkt?

Weigoni: James Joyce, »Dubliners«.

Hagedorn: Ist es nicht vermessen, sich mit dem Rolls Joyce zu vergleichen?

Weigoni: „Man wird nur schlauer, wenn man gegen einen schlaueren Gegner spielt“, lautet eine Grundregel des Schach. Wenn ich an einem längeren Prosa–Stück arbeite, will ich etwas erreichen, wofür ich das Handwerk noch nicht besitze. Handwerk ist etwas, das ich mir immer neu aneignen muß. Ich werde nie fertig, begegne neuen Inhalten, und dadurch wird die Arbeit an der Prosa anders.

Hagedorn: Warum »Dubliners«?

Weigoni: Mit dieser Abfolge von Erzählungen gibt Joyce Einblicke in die städtische Gesellschaft Irlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er zeigt darin eine Nation zwischen nationalem Aufbruch und kolonialer Mutlosigkeit, aufstrebendem Bürgertum und Emigration, der Beengtheit des Wohnens und der Sehnsucht nach der sich allmählich zu globalisierenden Welt. Seitdem sind 100 Jahre vergangen. Mein Prosageflecht »Zombies« ist ein prismatisches Spiel, das in vielen Facetten aufleuchten: als leichtfüßige Komödie und ätzende Satire, als Fabel zur gesellschaftlichen Moral zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Es sind Geschichten eines Übergangs: vom Sozial– zum Individualstaat, von der Fürsorgegesellschaft zu Verhältnissen, die jeden auf sich selbst verweisen.

Hagedorn: Sprachlich bleiben die 15 Erzählungen von Joyce weitgehend konventionell, im Gegensatz zu den »Zombies« sind es abgeschlossene Erzählungen.

Weigoni: Oh, ich bezweifle, ob jemals etwas abgeschlossen ist. Meist gehe ich palimpsestisch vor und überschreibe die Entwürfe auf Prinzip ständig, bis sie irgendwann meiner Vorstellung von VerDichtung entsprechen. Poesie wird zu allererst aus Wörtern geformt. Die meisten Literaturkritiker scheinen vergessen zu haben, daß Prosa zuallererst aus Sprache besteht.

Hagedorn: Joyce hat etwas Ähnliches in dieser Art postuliert, Literatur sei die Ordnung intelligibler Materie nach ästhetischen Gesichtspunkten. Man bringt ja nicht nur die Sprache in eine Form, sondern all das, was die Sprache beschreibt, die Dinge, auf die sie hinweist. Man ordnet all das zu einem Gesamtkunstwerk, das allerdings erst im Kopf des Lesers entstehen sollte. Am eindrücklichsten formuliert er dies in „The Dead“. Seine Analyse der Gespräche auf dem Fest zeigt, daß auch die dort versammelte irische Gesellschaft voller Reibungen, voller Konflikte und voller Leben ist, welche die von ihm so gehasste Paralyse von innen aufbrechen könnten.

Weigoni: Durchaus eine Parallele. In meinen Erzählungen lernen wir Untote kennen, die in der Liebe Erlösung suchen. Diese Darsteller des niederen Selbst verkaufen sich oder lassen sich kaufen, sie handeln mit Vertrauen, Gefühlen, Sex. Die »Zombies« sind umgeben von kritikloser Selbstdarstellung und hemmungslosem Konsum, unersättlicher Raffgier, bodenloser Ignoranz und oberflächlichem Narzißmus. Uneingeschränkte Freiheit fällt mit absoluter Einsamkeit zusammen.

Hagedorn: Verbirgt sich hinter der Maske des Zynikers etwa ein Moralist?

Weigoni: Wenn man sich zwischen richtig oder falsch zu entscheiden hat, mag dies bei moralischen Fragen geboten sein, bei literarischen bin ich mir da nicht so sicher. Als Schriftsteller muß ich eine intellektuelle und konzeptionelle Position einnehmen, ohne daß ich dafür die praktischen Anforderungen vernachlässige. Als denkende Menschen müssen wir vermitteln zwischen den Erwartungen, Ansprüchen und Erinnerungen der Mitmenschen, und dies setzt uns zwingend in einen Dialog mit der Condition humaine.

Hagedorn: Die meisten Ideen reifen erst durch die Beschränkung der Möglichkeiten. Dir geht es weniger um den Streit, als um die Kultur eines freien, tabulosen Denkens und Diskurses. Hat auch diese Welt eigentlich keinen Notausgang?

Weigoni: Es ist ein Leben am Wundrand der globalisierten Gesellschaft, dies ist das eigentliche Thema der »Zombies«. Keine Hoffnung mehr, überall nur Apathie. Was geschieht, bleibt Reflex auf den Alltag, der niemanden mehr anspornt, weil dahinter kein Traum mehr ist und eine Moral schon gar nicht. Daher kann ich dem als Schriftsteller nur mit schwarzem Humor begegnen.

Hagedorn: Das Leben als ein ewiger Kreislauf, in dem unter der Maske des Wandels alles beim Alten bleibt?

Weigoni: Leben ist das, was passiert.

HAGEDORN: Bedanke mich!

WEIGONI: Bis dahin.

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