A.J.Weigoni, Foto: Thomas SuderDer VerDichter
Als von Madonna eine CD mit dem Titel „Music“ erschien, hat
A.J. Weigoni mit Tom Täger in einer Sektlaune rumgeflaxt, daß sie die nächste CD „Gedichte“ nennen sollten. Dabei ist es geblieben. Hörbücher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters.
Interview mit A.J. Weigoni von Jens Pacholsky im Goon-Magazin:

Jens Pacholsky: Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, daß Sie der Sprache verfallen sind?

A.J. Weigoni: Als ‚I-Dötzchen’ mußte ich in der Schule den ersten Satz meines Lebens schreiben: „Heiner ist weg.“ Mir war es völlig rätselhaft, wer dieser Heiner war und wohin er verschwunden ist. Möglicherweise liegt darin der Sinn von Poesie, zu beschwören, was abhanden gekommen ist oder wir erforschen wollen. Schreiben ist, so besehen, eine Art von Wiederaneignung der Welt. Poesie entdeckt Wirklichkeiten außerhalb der Wirklichkeit, sie wird damit zu einem ein Echo der Realität, daß unsere Seele erklingen läßt.

Jens Pacholsky: Was motiviert Sie immer wieder, die Projekte in die Welt zu setzen und ungeachtet aller Hindernisse bis zum Ziel zu bringen?

A.J. Weigoni: Es ist die innere Notwendigkeit, die jeder Künstler in sich spürt. Und es gibt kaum etwas Befriedigenderes, als aus einer puren Idee nur mit dem eigenen Willen und der Unterstützung der KollegInnen, etwas Materielles wie etwa ein Hörspiel zu machen. Poesie kann Menschen insofern verändern, als daß sie bewußt ihre Gefühle verändern. In diesem Sinne ist jedes Kunstwerk, also auch ein Gedicht, das bewußt versucht, die Wahrnehmung zu verändern, ein politischer Akt.

Jens Pacholsky: Gehen Sie neben der Lyrik noch einem anderem Beruf nach, oder andersrum: Können Sie von der Lyrik überhaupt leben?

A.J. Weigoni: Arthur Rimbaud war Waffenhändler, Fernando Pessoa war Handelskorrespondent, Gottfried Benn war Arzt (wer würde bei ihm nicht gern einmal in die Sprechstunde gehen?). Solange man als Schriftsteller seine Integrität bewahrt, ist alles in Ordnung. Wenn ich, um meine Integrität als Schriftsteller bewahren zu können, nebenher arbeiten muß, ist immer noch alles in Ordnung. Als vielseitig gescheiterte Persönlichkeit habe das Glück, mit geistig und körperlich behinderten Menschen arbeiten zu dürfen.

Jens Pacholsky: Einen Nebenstrang Ihrer lyrischen Arbeit bilden die lyrischen Monodramen »Señora Nada«, »Oden an die Zukunftsseelen« und »Unbehaust«. Man kann diese Stücke lesen oder hören. Warum muß man sie sehen?

A.J. Weigoni: Um Poesie zu machen, die sich dezidiert über jede Norm hinwegsetzt, muß man einen mentalen Raum zu schaffen, der sich im Schwebezustand zwischen Tod und Leben, zwischen Traum und Wachen befindet. Die eigentliche Aufführung findet nicht auf der Bühne statt, sondern im Kopf jedes Zuschauers. Sie wird auch nicht instant konsumiert, sondern lebt weiter in Bildern, in Klängen, in Erinnerungsfetzen. Wir müssen Schluß machen mit dieser Idee, daß der Schriftsteller ein Fabrikant von Spektakeln ist, die einem Saal von Voyeuren auf dem Silbertablett der Bühne als ein fertiges, bewundernswürdiges Objekt zum Konsum vorgesetzt werden.

Jens Pacholsky: Wie entscheidend ist der polithistorische Kontext für Ihr Schreiben?

A.J. Weigoni: Da bin ich eingeschränkt auf meine Lebenszeit, aus der allein heraus ich schreiben kann. Vergessen gehört im Literatur-Betrieb dazu. In einer Art von praktizierter Katharsis, sollte man sich an dem freuen, was ist, und auf das, was kommt. Ich versuche direkt am Schauplatz des Geschehens zu sein, um mir ein eigenes Bild zu machen. Zuweilen kann dieser Ort allerdings auch ein Archiv sein.

Jens Pacholsky: Wird in dem Monodram »Unbehaust« durch das Zitieren vieler aktueller gesellschaftlicher Themen in diesem persönlichen Monodram auf kleinster Ebene das Drama der Welt, der höheren Ebene, gespiegelt?

A.J. Weigoni: »Unbehaust« ist ein Stück über die (mögliche) Freiheit des Einzelnen innerhalb der Unfreiheit der Bedingungen. Jeder träumt den autonom-autistischen Traum vom Leben als Held. Jo Chang, die Heldin, mißtraut diesem Traum. Sie führt ihn vor, destabilisiert, zerreißt ihn. Das Leben bietet andere Realitäten. Und mehr noch – andere Traumata. Erfahrung einatmen, Gedichte ausatmen. Leben und Dichtung sind nicht getrennte Bereiche, sie entwickeln sich miteinander in Verantwortung und Zeugenschaft. Ob diese Monodramen etwas bedeuten sollen, ist zweitrangig. Entscheidend ist, daß sie sich ereignen. Diese Lyrik ist ein Sprachgeschehen, das die Leser synchron miterleben können, vorausgesetzt, er ist bereit, den sprunghaften Wechsel zwischen symbolistischen und gegenständlichen Weltbeschreibungen mitzuvollziehen. Jo Chang laboriert mit Methoden zum Einfangen irrationaler Verbindungen mittels der „écriture automatique, sie erkennt die seelischen Verkrüppelungen, Restriktionen und kommunikativen Verarmungen, das Orientierungsdefizit der Mitmenschen, ihre autistischen Tendenzen, Doppelmoral, Neurosen und den Lebensverzicht. Diese Perspektive birgt reizvolle Chancen für kleine Grausamkeiten und unerwartete Wahrheiten.

Jens Pacholsky: Ist „Literatur die zeitlose Kunst“, oder ist diese Ansicht nur ein Konstrukt der moralisierenden bürgerlichen Feuilletonisten und weltfremden Akademiker?

Dichterloh von A.J.Weigoni, 2004, Lyrikedition 2000A.J. Weigoni: Für mich ist Dichtung Lebenszweck, ein Ausdruck persönlicher und geistiger Freiheit als beständige Rebellion. Poesie ist weder das Schöne noch das Gute, doch freilich sollte sie das Wahre sein: die hörbare Passion im Widerstreit der Gefühle, eine Organisation von lyrischen Stimmen mit allen denkbaren Ausdrucksmitteln.

Jens Pacholsky: Könnten Sie sich ein Leben ohne Schreiben vorstellen?

A.J. Weigoni: Schon. Aber nicht ohne Musik. Musik ist eine der unmittelbarsten Begegnungen mit der Empfindungswelt. Wenn ich Musik von Mozart oder Monteverdi höre, bin ich mit einer Schwingung konfrontiert, die mit meiner nichts zu tun. Aber es erschüttert mich immer wieder, was die alten Meister in meiner Seele bewegen. Musik und Poesie sind die höchsten aller Künste.

»Dichterloh« ist in der LYRIKEDITION 2000 erschienen (ISBN-13: 978-3865200914) und erhältlich über: info@buchmedia.de
VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie: http://www.vordenker.de/weigoni/verdichtung.htm
Die Doppel-CD 'Gedichte' ist erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

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