Weglehner:
Anspruchsvolle Romane und Songtexte
Literarischer Ausbruch aus der
bürgerlichen Welt
Besprechung von Bernd Zachow aus den Nürnberger
Nachrichten vom 29.7.2008:
Das Schreiben ist für den in Thalmässing lebenden Autor Willi
Weglehner ein Mittel zur «Welt- und Selbsterkenntnis«. So vielfältig wie die
Erfahrungen seines mittlerweile 60 Jahre währenden Lebens ist seine literarische
Produktion. Weglehner schrieb «Gute-Nacht-Geschichten« für Kinder, diverse
Schlagertexte, Dokumentarromane und einen autobiografischen Bericht seiner
Erlebnisse beim Windsbacher Knabenchor.
Weglehners Vater Wilhelm war in den 50er Jahren Bürgermeister in Thalmässing,
ein äußerst strebsamer Mann und konservativer Lutheraner, der in seinem Sohn von
Anfang an quasi eine «verbesserte Neuauflage« seiner selbst sah. Der Junge
sollte es unbedingt zu etwas bringen in der Welt. Der erste Schritt zum Erfolg
schien geschafft, als der mit einer schönen Singstimme begabte Willi im Alter
von neun Jahren in den Windsbacher Knabenchor aufgenommen wurde. Seine
traumatischen Erlebnisse im Kreis der Sängerknaben schilderte er später in dem -
bislang unveröffentlichten - Text «Internierung/Singet dem Herrn«. Chor und
Internat in Windsbach haben nach Willi Weglehners heutiger Auffassung allerlei
Spuren in seiner Psyche hinterlassen, jedoch «vor allem eine unbändige Lust, aus
der bürgerlichen Welt auszubrechen«.
Ablehnung der väterlichen Wertvorstellungen
Dennoch hat er nach dem Abitur auf Drängen des Vaters begonnen, Jura zu
studieren. Viel lieber als die regulären Vorlesungen besuchte er aber die von
linken Gruppen an der Universität veranstalteten marxistischen Seminare.
Zeitweilig wurde er sogar Mitglied einer maoistischen Sekte. Er beteiligte sich
nicht nur an großstädtischen Demonstrationen, sondern demonstrierte auch im
heimatlichen Thalmässing seine Ablehnung der väterlichen Wertvorstellungen. Geld
und Karriere hat er damals mit harschen Worten verurteilt, er wollte eigene Wege
gehen, «gesellschaftlich nützliche Arbeit« leisten.
Die späten 70er Jahre brachten eine gewisse Ernüchterung. Eine nützliche Arbeit
fand Willi Weglehner schließlich als Lehrer an der Grund- und Hauptschule seiner
Heimatgemeinde. So ganz konnte ihn das Unterrichten aber nicht ausfüllen. Um die
emotionalen Lücken zu schließen, besann er sich auf seine alte Liebe, die Musik.
Zwischen 1980 und 1992 war er nebenberuflich Komponist, Texter und Produzent im
Bereich Unterhaltungsmusik. Über die Liedtexte fand er zur Literatur. Nachdem er
im Jahr 2000 den Lehrerberuf aus gesundheitlichen Gründen hatte aufgeben müssen,
wäre er «sicher seelisch in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen«, wenn er nicht
«das Schreiben als Therapie« gehabt hätte, sagt er.
Leben eines Sinto
Im Nürnberger «mabase«-Verlag erschienen 2005 gleich zwei Romane von Willi
Weglehner («Der Viehhändler« und «Nahkampf«). Beide Bücher beruhen auf
historischen Dokumenten und Berichten von Zeitzeugen über die NS-Zeit in
Franken. In beiden Fällen schildert der Autor ausführlich die sozialen und
weltanschaulichen Gegebenheiten in der fränkischen Provinz, welche den Aufstieg
des Faschismus in hohem Maß begünstigt haben. Er macht aber auch klar, dass
manche der faschistoiden Denk- und Lebensweisen den Zusammenbruch des NS-Staates
überlebt haben.
Der in manchem Schlupfwinkel des kleinbürgerlichen Gemüts bis heute gedeihende
Rassismus begegnet zum Beispiel den Volksgruppen der Sinti und Roma nach wie vor
mit aggressiver Ablehnung. Besonders wichtig ist daher Willi Weglehner sein 2008
erschienenes Buch «Franzl - Keiner weiß wohin«, eine romanhafte Bearbeitung der
Lebenserinnerungen des Sinto Franz Rosenbach. Seit der Arbeit an dem Buch
gestalten Rosenbach und sein Biograf auch gemeinsam Geschichtsstunden an
Gymnasien und Hauptschulen in der Region. «Meine gesellschaftskritischen und
aufklärerischen Ambitionen habe ich halt immer noch nicht ganz aufgegeben«,
gesteht Weglehner. Um gleich anzufügen: «Obwohl ich mir natürlich über die
aufklärende oder gar weltverändernde Wirkung von Literatur keine Illusionen
mache.«
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