Peter Wawerzinek, Foto:wawerzinek.dePeter Wawerzinek: „Das soll ein Mutmacher sein“
Als Peter Wawerzinek zwei Jahre alt war, verließ seine Mutter ihn für immer. Wawerzineks autobiografischer Roman „Rabenliebe”, der im Sommer den Bachmann-Preis erhielt, erscheint heute. Im Interview mit WAZ-Redakteurin Britta Heidemann berichtet er von der ersten und einzigen Begegnung mit seiner Mutter.
Interview von Britta Heidemann in der WAZ vom 19.8.2010:

Rabenliebe von Peter Wawerzinek, 2010Warum war erst jetzt der Zeitpunkt für Sie, die Begegnung zu suchen und dieses Buch zu schreiben?

Peter Wawerzinek: Mir hat der Mut gefehlt. Ich habe in früheren Büchern das Thema angedeutet. Aber dann hat mich das als Problem eine Zeitlang nicht mehr interessiert, weil ich selbst Familie hatte. Dann kam es doch noch mal hoch, dass ich das zu Lebzeiten klären will. Zumindest mal sehen, gegenübertreten, die Hand geben. Ich hätte natürlich eigentlich stinksauer sein müssen auf die Mutter. Aber dann hat doch die Neugier gesiegt.

Ihre Gefühle scheinen auch im Buch sehr ambivalent zu sein. Die Grundstimmung ist nicht die der Wut.

Wawerzinek: Das kommt durch meine Schwester. Die war noch dreimal stinksauerer als ich. Und ich dachte, naja, es müssen ja nicht zwei durchgehend stinksauer sein.

Sie haben nach der Begegnung den Roman begonnen – wie haben Sie sich gefühlt, als alles aufgeschrieben war?

Wawerzinek: Nach der Begegnung war ich befreit, das war ein Feuerwerk von Eindrücken. Alle Dinge, die ich vorher aufgeschrieben hatte, führten nun zu diesem einen Ergebnis. Dieser Treff in der Küche war nicht allzu besonders, aber es war doch eine kleine Jubelstimmung da. Das Gefühl: Du bist nicht allein.

Sie hatten plötzlich acht Halbgeschwister. Wie haben Sie das empfunden?

Wawerzinek: Das war ja die eigentliche Sensation. Als ich zurückfuhr im Auto, habe ich ausgerechnet, wie viele neue Verwandte es denn nun sein könnten. Ich bin auf die Zahl 23 gekommen. Was für ein Ergebnis. Da willst du nur mal dahin fahren, nur mal die Hand geben, das verzeihende Element sein, derjenige, der einem Menschen gegenüber tritt, der sich mehrfach verfehlt hat – und dann hat man da als Ausbeute oder wie man das nennt so ein tolles Ergebnis. Da war plötzlich das Gefühl, da ist eine Zukunft da.

Haben Sie Kontakt zu ihren Geschwistern?

Wawerzinek: Ja, manchmal. Sie haben mir ganz deutlich gemacht, dass auch sie ihre Zeit haben möchten, ihre eigenen Dramen, ihre Lebensläufe aufzuschreiben. Und sind ganz gespannt, wie ich das jetzt gemacht habe. Wollen mein Leben ohne die Mutter vergleichen mit ihrem Leben mit der Mutter.

Der Vergleich drängt sich natürlich auf, es wird ja deutlich, dass auch das Leben mit der Mutter sehr schwierig war.

Wawerzinek: Es klingt komisch, aber ich habe jetzt auch schon ein paar Mal gedacht, Gottseidank bin ich zurückgelassen worden. Und nicht als ältester Bruder in dieser Familie gewesen. Mir hat ein Fakt gereicht: Dass die älteste Schwester von den anderen als Mama angesehen wurde, weil die Mutter so oft fehlte.

Ich war erstaunt, dass sich Ihre Sehnsucht wirklich nur auf die Mutter konzentriert hat, es gar nicht um den Vater ging.

Wawerzinek: Es wurde mir früh mitgeteilt, dass er als verschollen gilt. Er ist bereits vor meiner Mutter in den Westen geflohen, dadurch hatte er die Situation in Rostock wohl noch verschärft, weil er sie allein zurückgelassen hat. Es zeichnet sich sogar ab, jetzt im Nachhinein, dass er mit ihr verheiratet wurde, dass es keine Liebesheirat war. Meine Mutter war schon vor ihrer Flucht unter Beobachtung, sie hat sich da im Rostocker Hafengebiet als Prostituierte bewegt.

Das heißt, schon vor der Flucht Ihrer Mutter war Ihre Familie den Behörden bekannt?

Wawerzinek: Ja, es war wohl vorher schon eine Aktenlage da. Mit dem Tod der Adoptivmutter hatte ich ganz kurz Einblick. Als meine Mutter uns verlassen hatte, musste in die Wohnung eingebrochen werden. Vor wenigen Tagen erst habe ich von Leuten aus dem Fürsorgeamt erfahren, dass sie dies als schrecklichsten Fall von Verwahrlosung der damaligen Zeit erinnern. Eine Frau erinnerte sich, dass ich voller Ekzeme gewesen bin. Im Buch beschreibe ich, dass es mir schon aufgefallen war, dass ich oft ausgezogen wurde, sehr oft nackt untersucht wurde. Und erst vor ein paar Tagen fiel mir ein, dass ich tatsächlich oft in so lila Bädern gelegen habe. Das ist ein Effekt dieses Buches, dass nun Menschen auf mich zukommen, dich sich erinnern.

Was war für Sie der Grund, eine so private Geschichte öffentlich zu machen?

Wawerzinek: Es klingt ein bisschen wie Angeberei. Ich dachte, wenn ich mich exemplarisch ausstelle, mich hineinbegebe in die eigene Biografie, könnte ich anderen Mut machen. Es wird Leute geben, die sich durch mein Buch an etwas erinnern, was sie tief in sich begraben haben und bisher nicht anfassen wollten. Und ich bin nun mal ein Schreiber… das oberste Gebot bei schlimmen Dingen, die man erlebt, ist, dass man sie aufschreibt. Das habe ich in der Trinkerheilanstalt erfahren, das sagt auch jeder gute Therapeut. Von der Seele schreiben, so heißt das.

Sie verbinden Ihr Schicksal mit dem Schicksal vieler Kinder, die heute vernachlässigt werden… Hat sich in der Gesellschaft gar nichts geändert?

Wawerzinek: Es gibt sicher viele ratlose, überlastete, asoziale Eltern – aber das geht ja durch die Schichten durch. Das hat auch damit zu tun, dass man eine Karriere macht, und dann kommt ein Kind dazwischen. Dass man eine Beziehung eingeht, die man gar nicht richtig will. Ein Kind ist ein schwaches, hilfloses Wesen, das sich nicht wehrt. Als ich mit der Arbeit am Buch begann, bekam ich oft von Freunden Zeitungsausschnitte – sie sagten, schau mal, da habe ich an dich gedacht. Oder: das ist immer noch so. Oder: könnte das etwas mit dir zu tun haben. Ich dachte, das muss man mit reinnehmen, dass es so etwas gibt. Eine Nachricht, zwei, drei Sätze lang, und dahinter steht das Drama eines Kindes, das sich nicht wehren kann.

Was empfinden Sie angesichts aktueller Enthüllungen über Missbrauch in Kinderheimen?

Wawerzinek: So etwas passiert, wenn Menschen glauben, was sie tun, dringe nicht an die Öffentlichkeit. Ich habe in den letzten Tagen viel mit Erziehern gesprochen, die nun mich fragen, ob ich mich an derartiges erinnere. Ich habe das im Buch geschrieben: Es gab mal einen, der gekniffen hat – und wir haben zusammen überlegt und die Erzieherin sagte, stimmt, zu deiner Zeit da gab es diesen Mann, dem haben wir gekündigt. Es gibt verantwortungsvolle Erzieher, die sich jetzt fragen, ob es unter ihnen jemanden gegeben hat, der seine Macht missbraucht hat. Es gibt Erzieher, die fühlen mit jedem einzelnen Kind. Die retten Karteikästen und Fotoalben. Eine Erzieherin freute sich, dass sie mir eine Karteikarte geben konnte, da stand dann der Vatername drauf und wo wir in Rostock gewohnt hatten. Ich werde mir das Haus jetzt mal anschauen, ob es noch steht.

Sie nennen im Buch „den Westen“ als einen Verantwortlichen, weil er Ihre Mutter von Ihnen fort gelockt hätte.

Wawerzinek: Das muss man historisch sehen. Im Osten gab es riesige Flüchtlingsströme, die nach dem Krieg dann irgendwo angekommen sind. Die hätte man heimisch werden lassen müssen. Durch den Kalten Krieg aber wurden sie genötigt, noch mal aufzubrechen, weil das Leben im Westen besser sei. Das fand ich unfair. Das finde ich nach wie vor unfair. Dass man Menschen nicht in Ruhe lässt. Dass die Ostdeutschen noch mal aufgerüttelt wurden, kommt zu uns! Kommt zu uns! Das wurde nur gemacht, damit die Statistik und die Propaganda stimmte. Ich mache allen einen Vorwurf, die ihre stärkere Position ausnutzen. Ich darf ja jetzt als Preisträger auch nicht meine kleinen Grabenkämpfe noch mal austragen. Das ist blöd für mich, ich muss jetzt sanft werden, gerecht sein. Ich kann nicht sagen, du hast nie an mich geglaubt, jetzt fasse ich dir mit beiden Fingern in die Nase.

Sondern? Wie fühlt sich der Preis an?

Wawerzinek: Na, eine gewisse Genugtuung ist da. Die Last ist weg. Und: erwartungsvoll, gespannt. Man legt etwas auf die Drehscheibe und bin gespannt, was die Leute nun mit dem Buch machen. Ich habe auch ein wenig Angst.

Sie beschreiben im Buch selbst, dass Ihre Erinnerung sie zuweilen trog – sie gar nicht jeden Morgen vom Sonnenlicht im Bettchen geweckt wurden, sondern vom Licht einer Glühbirne, zum Beispiel. Befürchten Sie eigentlich, dass Menschen, die sie beschreiben, gegen Ihr Buch angehen könnten?

Wawerzinek: Mir ist noch so etwas passiert: Die Tischlerfamilie, die mich adoptieren wollte und es dann doch nicht getan hat, hatte nicht zwei Töchter, sondern drei. Aber die eine war damals schon 18 Jahre alt, die habe ich gar nicht so wahrgenommen als Schwester. Es werden sicher noch mehr Dinge aufgeklärt werden, wo ich mich getäuscht habe. Ich habe mit dem Verlag darüber gesprochen, wogegen vielleicht Menschen angehen könnten – aber letztlich kann man das nicht vorausahnen. Es kommt immer von der unerwarteten Seite, wo man sagt, was, wegen diesem einen Satz macht da jetzt jemand eine Welle? Aber das ist eben das Wagnis. Und: Das Buch ist ein Roman. Das Motto ist: Alles, was der Mutterfindung dient, der Wahrheitsfindung dient, ist zu machen. Dem ordne ich mich unter.

Was würden Sie sich wünschen als Reaktion auf Ihr Buch?

Wawerzinek: Dass Leute das lesen, ihren inneren verschlossenen Kasten aufmachen, das Vögelchen flattern lassen. Dass Leser sehen, wie man es machen kann. Es soll ein Mutmacher sein. Dass vielleicht auch Menschen ihren Kindern oder Enkeln etwas von damals erzählen, und sei es ihnen auch peinlich. Das ist eine Hoffnung. Ich bin ja selbst über dieses Interesse überrascht. Ich war in Klagenfurt, weil ich etwas für das Buch tun wollte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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