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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Ich brauche den Augenblick
Zur "Kriegsberichterstatterin":
Interview mit Autorin
Theresia
Walser
Von Sabine Dultz aus dem Münchner
Merkur, 25.2.2005:
Schrieb ein Stück über Beschäftigungsattrappen und andere komische Figuren aus dem Betriebsleben: Theresia Walser. Uraufführung der "Kriegsberichterstatterin" ist morgen im Münchner Marstall.
Drei Stücke der Theresia Walser (37) wurden in der Intendanz Dieter Dorns an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, darunter "King Kongs Töchter". Nun gibt es am Hause Dorn, dem Bayerischen Staatsschauspiel, eine weitere Walser-Novität: "Die Kriegsberichterstatterin", eine Betriebsfeier-Sprachkomödie der besonderen Art. An diesem Samstag ist im Marstall Premiere. Es inszeniert Florian Boesch.
Eigentlich war ja "Die
Kriegsberichterstatterin" für ein anderes Theater vorgesehen.
Walser: Es war ein Auftragswerk für Konstanz. Mir hatte dort die
Intendantin so imponiert. Außerdem hatte ich gedacht: Mache ich doch mal was in
der Heimat.
Aber die Premiere fand nicht statt, es hatte Probleme mit der Regie gegeben
. . .
Walser: Ja, dass die Uraufführung nun in München ist, hat sich sehr
spontan ergeben.
Ihre Texte zeichnen sich durch ihre besondere Sprache aus und eine gehörige
Portion Sprachwitz. Neues Lieblingswort aus der
"Kriegsberichterstatterin": der auf einen Betriebsangestellten
bezogene Begriff "Beschäftigungsattrappe".
Walser (lachend): Das ist auch das Lieblingswort im Theater.
Woher nehmen Sie diesen Witz, diese die Figuren prägenden Worterfindungen?
Walser: Manchmal habe ich beim Schreiben das Gefühl, dass die Figuren die
Sprache mitbringen. Das schönste Erlebnis ist, wenn sie aus einer bestimmten
Notsituation heraus sprachlich über sich hinauswachsen. Manchmal notiere ich
mir auch Textbrocken, die ich irgendwo aufschnappe. Die tauchen dann möglicherweise
viel später und in ganz anderem Zusammenhang bei mir wieder auf. Das ist doch
das Schöne, dass man beim Stückeschreiben nicht alles kontrollieren kann. Man
bringt die Figuren zusammen und mitunter in Situationen, wo man sie als Autor
nicht mehr im Griff hat. Wenn ich ein Stück beginne, habe ich vielleicht einen
Plan, eine Ahnung, in welchen Hafen das Ganze münden soll. Über die Dauer der
Reise kommt es jedoch zu Meutereien, ein paar Figuren werden über Bord
geworfen, und es treibt einen vielleicht in einen ganz anderen Hafen.
Sind Sie eine Sammlerin?
Walser: Vieles ist unbewusst. Vieles entdeckt man erst beim Schreiben. Und
manches überhaupt nicht. Ich wünsche mir, dass auch der Regisseur etwas in
meinem Text entdeckt, was mir beim Schreiben vielleicht gar nicht aufgefallen
war. Deshalb würde ich nie meine eigenen Stücke inszenieren. Ich könnte das
nicht. Ist ja auch ein ganz anderer Beruf.
Ist Ihr Stück eine Komödie?
Walser: Ja. Eine meteorologische Komödie, wo plötzlich die Unheimlichkeit
wie ein Gewitter einbricht.
Können Sie vom Schreiben leben?
Walser: Im Moment ja. Eine große Hilfe sind zwei Stipendien für mein nächstes
Stück.
Und das wäre?
Walser: Der Arbeitstitel ist "Canvas", also "Leinwand".
Im Zentrum des Stücks steht ein verhülltes Bild. Anstoß war eine
Zeitungsnotiz, in der ich las, dass Colin Powell, als er mit einer Rede vor der
UNO für den Irak-Krieg warb, das dort befindliche Guernica-Gemälde zuhängen
ließ.
Worum geht es in dem Stück?
Walser: Um die Unmöglichkeit der Darstellbarkeit.
Können Sie sich vorstellen, für bestimmte Schauspieler zu schreiben?
Walser: Ja, denn es gibt immer wieder Schauspieler, die mir auf irgendeine
Weise als Stimulanz durch den Kopf gehen.
Zuletzt gab es Ärger nicht nur in Konstanz, sondern auch in Stuttgart, wo
Sie Ihr Stück "Die Wandernutten" nicht adäquat uraufgeführt sahen.
Wünschen Sie sich Mitsprache in der Regie?
Walser: Nein. Ich halte nichts davon, wenn man als Autorin wie eine Spionin
in den Proben sitzt. Oder wie ein Bremsklotz. Ich finde es besser, man kommt
einmal, sagt danach, was man gesehen hat und auch, was man gern anders hätte.
Eigentlich bin ich da sehr gelassen, wenn sich nicht gerade wie im letzten
Herbst in Stuttgart eine riesige Kluft auftut zwischen Stück und Inszenierung.
Kommt für Sie auch in Frage, fürs Fernsehen oder für den Film zu
schreiben?
Walser: Nein. Ich brauche den Augenblick, das Gegenwärtige, das Flüchtige.
Das Wunderbare am Theater ist seine Unberechenbarkeit. Und: dass der Regisseur
nicht auch noch über den Zuschauer bestimmen kann.
Welches Theater würden Sie sich wünschen?
Walser: Ein Theater, das eben nicht mit Musik, Atmosphären, Bebilderungen
versucht, ein Zuschauererlebnis zu kontrollieren. Sondern ein Theater, das das
Selbstbewusstsein hat, sehr viel der Fantasie des Zuschauers zu überlassen.
Aber viele Regisseure stehen mit der Bebilderung ihren eigenen Gedanken im Weg.
Wer sagt denn, dass ein Text immer Bilder transportieren muss? Diese
Bebilderungspenetranz, mit der ein Text zugeschüttet wird, wirft immer gleich
die Frage auf nach der künstlerischen Freiheit der Regisseure. Doch woran reibt
sich denn diese Freiheit? Eine Freiheit, die sich immer selbst bespiegelt - ist
das überhaupt Freiheit? Ein Regisseur sollte seinen eigenen Bildern produktiv
misstrauen. Er sollte nicht gleich auf sie hereinfliegen. Allerdings kämen ihm
dann vielleicht die Gedanken, vor denen er sich gerne drückt.
Die Sprache Ihrer Figuren macht Ihre Stücke zu Komödien. Hatten Sie es
sich von Anfang an vorgenommen, Komödien zu schreiben?
Walser: Nein. Aber ich glaube, ich halte es anders nicht aus.
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