Martin Walser, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

Martin Walser, Foto: Ekko von Schwichow
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Mein Jenseits von Martin Walser, 2010, BUP„Beschämend!
Schriftsteller Martin Walser über sein neues Buch „Mein Jenseits“, die heilige Vorhaut und seine Wut auf die Afghanistan-Strategie der Kanzlerin.
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS, 05/2010:

Müssen wir uns um Ihren Einfallsreichtum sorgen, Herr Walser?

Wie kommen Sie denn darauf?

Weil Ihr neues Buch „Mein Jenseits“ schon wieder von den Liebesnöten eines älteren Herren handelt.

Ich bitte Sie: Die Hauptfigur im Buch ist 63 und hat dann aufgehört mitzuzählen. Augustin Feinlein, so heißt der Mann, ist kein älterer Herr, sondern ein lebenslänglich Glühender! Er wird auch noch mit 100 glühen!

Warum stürzen Sie Ihre Romanhelden mit Vorliebe ins Unglück?

Da kann ich ins Allgemeine ausweichen: Alle großen Liebesromane handeln von unglücklichen Liebesbegebenheiten. Glückliche Liebe ist nichts für die Literatur.

Dem Herrn Feinlein spielen Sie übel mit: Er glaubt seit Jahrzehnten an die Liebe einer Frau, obwohl die ihn immer wieder verschmäht.

Sie verschmäht ihn nie und nirgends. Sie ist nur nicht frei für ihn. Er glaubt sich sein Leben zurecht, ja. Glaube ist das zentrale Thema dieses Buches. Wegen seiner Liebeserfahrung und Welterfahrung setzt Feinlein sich damit auch theoretisch auseinander. Wir glauben mehr, als wir wissen, das ist der Kernsatz dieses Buches. Wir turnen alle in irgendwelchen Wissensgeflechten herum und meinen, wir wüssten etwas, dabei glauben wir nur, was wir zu wissen meinen.

Durch seinen Glauben erschafft sich Feinlein seine Liebesgeschichte. Der Glaube dient also letztlich dazu, sich die Welt und das eigene Leben ein bisschen schöner zu machen?

Ich würde sagen: erträglicher. Glauben ist eine Begabung. Wie wenn man musikalisch ist. Wer musikalisch ist, der weiß, was das bedeutet, wer es nicht ist, hat keine Ahnung davon. Im Übrigen gibt es keinen Glauben ohne den Unglauben. Sobald ich merke, dass ich glaube, beginne ich zu zweifeln. Und wenn ich zweifle, merke ich, dass ich im Zweifel nicht leben kann.

Das Dasein eines Rationalisten ist demnach weniger erträglich?

Das weiß ich nicht, weil ich keiner bin. Ganz und gar rationale Menschen gibt es wahrscheinlich ohnehin nicht. Rein rational wäre das Leben ein schalltotes Labor. Basta.

Es geht in diesem Buch vor allem um den Glauben an die Liebe, aber auch um den religiösen Glauben, um den Glauben an Gott.

Eher um den Glauben an Reliquien, auch wenn sie falsch sind – das ist das Thema. Jede Kultur hat ihre Reliquien, und wir alle erschaffen uns eigene im Laufe unseres Lebens. Bei Feinlein sind es Beweise der Liebe dieser Frau. Dass sie falsch sind, spielt, wie in der Religion, für ihn keine Rolle.

Dafür, dass es egal ist, ob Reliquien echt sind oder nicht, wird aber erstaunlich viel debattiert – über das Turiner Grabtuch zum Beispiel, das dieses Jahr wieder ausgestellt wird.

Ich finde es rührend, dass immer wieder bewiesen werden soll, dass irgendein Heiliger irgendeinen Gegenstand berührt hat. Meine Lieblingsreliquie ist die heilige Vorhaut Jesu Christi.

Die riesig gewesen sein muss, wenn man bedenkt, wie viele Kirchen behauptet haben, ein Stück davon zu besitzen.

Das ist doch herrlich! Wissen Sie, wie lange die mich schon beschäftigt? Seit 1945. Damals hatte ich einen Kohlenhandel, und einer meiner Kunden war ein homosexueller Adliger mit einem unglaublich tollen deutschen Namen: Freiherr von Lützow. Er war eine Erscheinung im Dorf: Er trug diese englischen Knickerbocker-Anzüge, grün-weiß gesprenkelt, und dazu die passenden Mützen. Als er starb, habe ich die Bücher aus seinem Nachlass gekauft – darunter auch das über die heilige Vorhaut.

„Frau Merkel hat mich enttäuscht“

Feinlein wird uns wieder begegnen in dem Roman, an dem Sie gerade arbeiten. Sie scheinen produktiver denn je. Aus einem Gefühl der „Angstblüte“ heraus, wie Sie die Sorge, dass einem für all die Pläne nicht genügend Zeit bleibt, mal genannt haben?

Man kann in jedem Lebensalter erleben, dass es sehr anregend wirken kann, wenn man spürt, es wird eng. Ich habe das ein paar Mal erlebt. Was ich im Moment erfahre, ist, dass ich etwas schreiben kann, was ich früher nie hätte schreiben können. Diese Jenseits-Geschichte, zu der bin ich nur gekommen, weil mir bei der Arbeit am neuen Roman der Feinlein begegnet ist und mich drängte, von ihm zu erzählen. Noch vor zehn Jahren, vielleicht auch noch vor fünf, hätte ich diese Figur wahrscheinlich ganz anders entwickelt, aber das ist eben das Leben. Es hat immer neue Seiten, und die muss man dann natürlich beschreiben.

Warum erscheint das Buch nicht in Ihrem Stammverlag Rowohlt, sondern in Gottfried Honnefelders Berlin University Press?

Weil ich Honnefelder, den zu schätzen ich aus Suhrkamp-Zeiten allen Grund habe, versprochen hatte, mal ein Büchlein bei ihm zu machen. Als ich jetzt innerhalb des Romans mit dieser Figur zu tun hatte, habe ich plötzlich gemerkt, die hat eine Verselbstständigungstendenz. Also habe ich diese Geschichte gewissermaßen ausgelagert. Der Roman aber hat mindestens eine Dimension mehr. Der hat auch dieses Thema, aber erzählerischer, weitläufiger, umfassender.

Den Suhrkamp Verlag verließen Sie 2004 im Streit. Jetzt waren Sie unter den Gästen bei der Eröffnung des neuen Verlagssitzes in Berlin. Die große Versöhnung?

Also, es gab Reisen, die mir leichter gefallen sind. Aber ich bin froh, dass ich diese Einladung angenommen habe. Ich bin es meinen Büchern schuldig.

Weil die Rechte Ihrer älteren Titel immer noch bei Suhrkamp liegen?

Ja. Ich hatte jetzt mehrere gute Gespräche mit der neuen Verlagsleitung, sodass ich mich mit Suhrkamp wirklich in Frieden befinde. Ich hoffe, dass das meinen Büchern dort gut tut. Denn bis dahin ist man nicht sehr pfleglich mit ihnen umgegangen, sondern verramschend.

Zuletzt haben Sie sich in einem offenen Brief an Kanzlerin Merkel für einen Abzug der Truppen aus Afghanistan eingesetzt. Jetzt gibt es eine neue Strategie der Bundesregierung. Sind Sie mit der zufrieden?

Natürlich nicht. Frau Merkel hat mich enttäuscht. Diese Worttänze, die die Politiker uns jetzt anbieten, inklusive Guttenberg, finde ich beschämend! Wir sind als politische Klasse für weltgeschichtliche Erfahrungen scheint´s taub. Denken Sie nur an das, was jetzt über Atomwaffen im Iran gesagt wird. Was hat der amerikanische Geheimdienst uns nicht alles über die Atomwaffen Saddam Husseins erzählt! Und nachher war alles Lüge! Auf die Aussage eines Geheimdienstes irgendwelche Politik zu gründen ist leichtfertig.

Immerhin stellt die Regierung den endgültigen Abzug aus Afghanistan für 2014 in Aussicht.

Ach, das ist doch nur ein weiterer Wortschwindel. Jetzt sind sie doch schon acht, neun Jahre drin. Es war in Vietnam so, es war im Irak so – erst wenn zwei Millionen Menschen tot sind, sagt einer: Es war ein Irrtum.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.focus.de]

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