Martin Walser, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

Martin Walser, Foto: Ekko von Schwichow
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Ein fliehendes Pferd von Martin Walser, 1978, SuhrkampMartin Walser: Sie haben es hervorragend gemacht
Zwei Paare mittleren Alters im Urlaub am Bodensee - Kleinbürgertum und Größenwahn treffen aufeinander. Der Schriftsteller Martin Walser im Gespräch über die Verfilmung seiner berühmten Novelle „Ein fliehendes Pferd", die heute im ZDF läuft.
Von Martin Weber aus der NRZ vom 27.04.2007:

Es ist eines der erfolgreichsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur: „Ein flliehendes Pferd" von Martin Walser. Die berühmte Novelle über zwei Paare, deren zufälliges Treffen im Urlaub am Bodensee für alle Beteiligten zu einer aufwühlenden Begegnung wird, ist in 24 Sprachen übersetzt worden. Die Verfilmung mit Ulrich Noethen, Katja Riemann, Ulrich Tukur und Petra Schmidt-Schaller lief 2007 im Kino und heute Abend im ZDF. Die NRZ sprach mit dem 82-jährigen Autor, der in Nußdorf am Bodensee lebt.

Herr Walser, diese Verfilmung Ihrer berühmten Novelle „Ein fliehendes Pferd" war im Kino ein Erfolg und kommt jetzt ins Fernsehen. Wie gefällt Ihnen der Film?

Martin Walser: Unglaublich gut, ich bin schlicht begeistert. Ich kann es, nach allem Möglichen, was man schon erlebt hat, kaum fassen, dass ich so viel Glück gehabt habe mit einer Verfilmung.

Sie durften Änderungen am Drehbuch vornehmen - haben Sie viel verändert?

Martin Walser: Nein, aber da ich meine Figuren ja ganz von innen her kenne, habe ich den ein oder anderen Satz geändert, der nicht so ganz zu dieser oder jener Figur gepasst hat. Es war ein harmonischer und konfliktfreier Arbeitsprozess, wie man ihn sich schöner nicht wünschen kann. Da gab es überhaupt keine Hegemonie, es war wirklich Eintracht unter Gleichgesinnten.

Wie ist das, wenn man sich eine Figur ausdenkt, in einer Novelle verewigt, und dann steht sie einem plötzlich als Kinobild gegenüber?

Martin Walser: Das kommt darauf an, wie sie sich als Kinobild benimmt. Wenn sie nur meinen Text aufsagt, wie das bei einer früheren Verfilmung der Fall war, dann blamiert sie mich. Aber wenn die Figur vom Drehbuch, dem Regisseur und der Besetzung eigenständig umgesetzt wird, dann ist das einfach toll. Es gibt wunderbare Beispiele in diesem Film, wenn sich etwa nur noch die Gesichter der Schauspieler miteinander im Dialog befinden und sie gar nicht mehr reden: Dann erlebt man, was die Figuren denken.

Ein Beispiel bitte?

Martin Walser: Ganz überdeutlich wird das in der Szene von dem Tischtennisspiel der vier Personen, in der es keinen eigentlichen Text gibt. Das ist eine fabelhafte Kampfszene mit diesen beiden Paaren, in der alles drinsteckt, was in der Novelle vorkommt. An dieser Szene merkt man, wie der Regisseur und die Schauspieler das Buch in ihrem Wesen so verinnerlicht haben, dass sie spielen können, was sie wollen - es passt.

Welcher der vier Schauspieler hat denn seine Sache am besten gemacht?

Martin Walser: Wieso muss es denn unbedingt einen Besten geben? Das Quartett ist absolut perfekt, Ulrich Noethen, Katja Riemann, Ulrich Tukur und Petra Schmidt-Schaller haben ihre Sache hervorragend gemacht.

Kann der Film das Buch in gewisser Weise ersetzen?

Martin Walser: Nein, das ist ja auch gar nicht nötig, da gibt es ja kein Entweder-Oder. Das Buch ist etwas völlig anderes als der Film.

„Ein fliehendes Pferd" ist Ihr populärstes Buch - ist es auch Ihr liebstes?

Martin Walser: Nein, mit Büchern ist es doch wie mit Kindern: Wenn man da gefragt wird, welches Kind man am liebsten hat, weiß man darauf auch keine Antwort. Ich habe vier Kinder, aber ich habe kein Lieblingskind.

Welches Ihrer Bücher müsste Ihrer Ansicht nach denn noch unbedingt verfilmt werden?

Martin Walser: Eigentlich könnte man - außer „Halbzeit” - alles verfilmen. Ich habe bisher nie auf Verfilmungen gedrängt. Man muss es geschehen lassen, und wenn man Glück hat, kommt dabei etwas heraus wie jetzt mit „Ein fliehendes Pferd”.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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