Martin Walser, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

Martin Walser, Foto: Ekko von Schwichow
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Ein fliehendes Pferd von Martin Walser, 1978, SuhrkampHöhere Willkür
Zum 80.: Martin Walser über seine Arbeitsweise, die Töchter und das Feiern
Von Olaf Neumann aus dem Münchner Merkur, 23.3.2007:

Er ist einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart. Am Samstag wird Martin Walser 80 Jahre alt. Der Jubilar über seine Aversion gegen Geburtstage, über Pläne für die Zukunft und über die Verfilmungen seiner Bücher.

An sich gibt es nicht viele Verfilmungen Ihrer Bücher, nun aber plötzlich zwei auf einmal: „Ohne einander” wurde gerade im ZDF ausgestrahlt; „Ein fliehendes Pferd” ist demnächst zu sehen. Warum sind Walser-Verfilmungen eher rar?

Martin Walser: Für mich bleiben Bücher einfach Bücher. Bis ein Regisseur, Dramaturg oder Drehbuchautor zufällig oder auch weniger zufällig auf eines stößt und daraus etwas macht. Ich finde, das tut den Büchern überhaupt nicht weh. Die wichtigsten Dinge ändern sich nicht so schnell. Da spielt es auch keine Rolle, wenn zwischen dem Erscheinen des Buches und seiner Verfilmung 20 Jahre vergangen sind.

Aus welcher Intention heraus schreiben Sie Ihre Werke?

Walser: Ich kann niemals einen Roman aus einer Intention heraus schreiben. Zu einer Intention würde mir nichts einfallen. Ich führe Tagebücher. Da hinein schreibe ich jede Art von Provokation, Vorfall, Hoffnung oder Angst, die ich zur Sprache bringen muss. Auf einmal passen bestimmte Eintragungen irgendwie zusammen. Nach dem fünften Zusammenpassen kriegt das dann einen Projekttitel. Von da an kommt alles, was sich in diese Frequenz fügt, unter diesen Titel.

Das kann 20 oder 25 Jahre gepflegt werden. In meinen Tagebüchern von Anfang der 60er-Jahre, mit denen ich jetzt gerade beschäftigt bin, gibt es einen wunderbaren Titel, der mir ganz wichtig ist. Er heißt: „Mädchen leben”. Die Notate unter diesem Titel sind sehr anspruchsvoll, und ich wage mich damit kaum zu einem Roman hin. Es ist immer eine Art höhere Willkür, wann man aus diesem Vorgehabten etwas Ernstes macht. Und dann braucht es auch noch einen Ton. Nachträglich kann ich meine Figuren in Tonarten einteilen. Der Silvio Kern aus „Ohne einander” ist zum Beispiel sowohl Dur wie auch Moll.

Silvio Kerns Frau Ellen arbeitet bei einem Magazin, das sich aufs Niedermachen spezialisiert hat. Eine prophetische Vorwegnahme dessen, was später nach dem Roman „Tod eines Kritikers” mit Ihnen selbst passierte?

Walser: Es muss immer über mich persönlich hinausgehen. In dem Roman äußert sich ein Autor über Organe, die gerne niedermachen. Er gehört zu denen, die niedergemacht werden können. Aus seiner Situation kriegt das so einen allgemeinen Ausdruck. Eine kulturkritische Empfindung, die durch persönliche Erfahrungen gereizt ist, wenn auch nicht gedeckt. Niedergemacht zu werden hatte ich aber schon hinter mir, als ich das Buch schrieb.

Glauben Sie an Zufälle?

Walser: Zufälle gibt es nicht. Zufälle sind nur nicht durchschaute Gesetzmäßigkeiten.

Sie beschreiben immer wieder eine auf Macht und Prestige versessene Gesellschaft. Beobachten Sie diese Verhältnisse besonders in intellektuellen Kreisen?

Walser: „Beobachtung” ist nicht mein Wort dafür. Wie ein Maler, der große Ölbilder aus kleinen Skizzen anfertigt, greife ich oft zurück auf Szenen aus meinen Tagebüchern. Die nächsten zehn Jahre kommen im Herbst heraus. Jetzt lese ich sie gerade durch. Mal sehen, ob ich sie in aller Unschuld passieren lasse. Es gibt darin einen Eintrag vom 31. Januar 1968: 6.50 Uhr, Abfahrt Friedrichshafen mit der Fähre nach Romanshorn. Notizen über alle, die mit mir über den See gefahren sind: zwei Frauen, die stricken. Ein Mädchen, das für ihren Körper viel zu große Hände hat. Darin hält sie ein viel zu kleines Heftchen, das sie liest. Ein Mann, der aussieht wie ein französischer Geistlicher, nimmt die Hand des Mädchens; sie reißt sie ihm entsetzt wieder weg. Das alles beschreibe ich auf zwei Seiten. Über Davos, das Ziel der Reise, finde ich hingegen nur zwei Zeilen: „Ski und Schach mit Siegfried Unseld 14 Tage”. Dort hat mich nichts zum Schreiben gereizt.

Sie kritisieren in Ihren Büchern immer wieder die Kulturszene. Hätten Sie es lieber gesehen, wenn sich Ihre Töchter nicht im Kulturbetrieb tummelten?

Walser: Man hätte es Ihnen vielleicht ersparen wollen. Aber du kannst keinem etwas ersparen. Wir haben immer alles befördert, von dem wir glaubten, es sei eine Chance. Jetzt sind halt drei Schriftstellerinnen (Theresia, Johanna, Alissa) und eine Schauspielerin (Franziska, Anm. d. Red.) dabei herausgekommen. Das konnten wir weder wissen noch verhindern. Die Alissa hat zum Beispiel geschrieben, ohne dass wir es wussten.

Wie können Sie, der die Szene so luzide durchleuchtet, trotzdem weitermachen und Teil derselben sein?

Walser: Das ist für mich kein Widerspruch. Ich weiß dann, wovon ich rede. Man darf sich von eigenen Erfahrungen leiten lassen. Das Schöne am Roman ist, man kann alles machen. Das sind ja nur Figuren.

Am 24. März werden Sie 80. Wie blicken Sie diesem besonderen Geburtstag entgegen?

Walser: Ich blicke überhaupt nicht auf diesen Geburtstag. Ich lese dann auf der Leipziger Buchmesse aus meinem neuen Buch „Das geschundene Tier”. Ich habe mir ausgebeten, dass das Wort „Geburtstag” an diesem Tag nicht vorkommt. Nach der Lesung werde ich die Stadt auf dem eiligsten Weg verlassen. Ich stamme nicht aus einer Familie, in der man Geburtstage gefeiert hat. Viele Kollegen feiern ja ihren 50. groß. Ich aber habe an dem Tag in Tokio gelesen, und anschließend haben wir in einem Geisha-Haus Sake mehr gesoffen als getrunken. Wie man mir übersetzte, hatten wir geistvolle Geishas um uns herum.

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