Martin Walser, Foto: Hans Weingartz, http://www.Hans-Weingartz.de

Martin Walser
Quelle: Hans Weingartz
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Der Augstein ist ein Walser
Von Hayke Lanwert aus der NRZ vom 28.11.2009:

Insider, enge persönliche Kreise, wollen es schon lange gewusst haben, doch für die deutsche Kulturszene war es die Sensation, das Geständnis des Spiegel-Erben Jakob Augsteins, in Wirklichkeit der Sohn des Schriftstellers Martin Walser („Ein fliehendes Pferd") zu sein. Und wer sich die Mühe macht, in der Walser-Biographie von Jörg Magenau zu stöbern, ahnt, wann und wo man sich näher kam. Auf Sylt, im wilden Sommer 1966. Walser besuchte damals Rudolf Augstein und dessen Frau Maria Carlsson in deren Kampener Ferienvilla. Im Jahr danach wurde Jakob geboren.

Ihre Freundschaft, die zwischen Walser und Augstein, hielt sogar bis zu dessen Tod im Jahr 2002. Und während die Übersetzerin Maria Carlsson sich nun beeilt zu erklären, Augstein habe „von Anfang an alles gewusst und sei überhaupt nicht eifersüchtig gewesen", bestätigt auch ein enger journalistischer Weggefährte Augsteins gegenüber unserer Zeitung: „Ich weiß davon schon seit Jahren. Augstein hat es mir selbst erzählt!" Er selbst sei in dieser Zeit bei Augstein aus- und eingegangen, habe bei „Jakob sogar einmal den Babysitter gemacht".

Auch Rudolf Augstein, der 2002 verstorbene Spiegel-Gründer und Spross einer katholisch-bürgerlichen Hannoveraner Familie, war den Frauen sehr zugetan. Fünfmal heiratete er, hatte vier Kinder aus diesen Ehen. Jakob Augstein (42) eben, selbst Autor und Verleger der linken Wochenzeitschrift „Freitag", Franziska, die als Journalistin für die Süddeutschen Zeitung schreibt, Julian, der als Künstler tätig ist und Sabine Maria Augstein. Sein ältestes Kind, die 59-jährige Sabine Maria, wurde einst als Stefan geboren, ist bekennende Transsexuelle. Über sie schrieb „Die Welt" einmal: Ihr Gesicht trägt „die Züge des berühmten Vaters".

Und auch wenn dieser Begriff damals noch nicht benutzt wurde, Augstein hatte den Ruf des Womanizers, des Verführers. „Ja, das war er, und es waren auch wilde Zeiten", bestätigt der Weggefährte aus Spiegel-Zeiten. Mehr als zarte Andeutungen finden sich in dem Roman „Das Magazin", in dem der frühere Spiegel-Redakteur Hellmuth Karasek 1998 einen Blick hinter die Kulissen des Hamburger Medienbetriebes gewährte.

Aufgewühlte Zeiten tatsächlich. Studenten wagen die Revolte, Oswald Kolle vertritt wie die Bewohner der Kommune 1 libertinäre Ideen, und Augstein war spätestens seit der Spiegel-Affäre 1962 zum bekanntesten Journalisten des Landes avanciert. Walser setzte sich wie andere linke Intellektuelle für Willy Brandt als Bundeskanzler ein und kokettierte mit der DKP. Maria Carlsson, die sich als Übersetzerin des Werkes von John Updike einen Namen gemacht hatte, machte Walser angeblich bei einer Tagung der Literaturgruppe „Gruppe 47" mit Augstein bekannt.

Geliebte und Ehefrauen spielen auch in den Romanen des 1950 mit Katharina Neuner-Jehle verheirateten Walsers eine zentrale Rolle. Der 82-Jährige bestätigte nun, der Vater Jakob Augsteins zu sein. „Er ist wunderbar. Es war sein gutes Recht sich zu outen" sagte Walser gegenüber der Illustrierte „Bunte". Jakob sei „schon lange in unserer Familie angekommen", verstehe sich gut mit den vier Töchtern.

Unglücklich mit den Bekenntnissen Jakob Augsteins scheint nur dessen Mutter Maria Carlsson zu sein. Ihr Sohn habe sich damit keinen Gefallen getan. Und auch Kenner der Spiegel-Interna fürchten, Jakob Augstein, der in der Gesellschafterversammlung der Spiegel-Gruppe die Erbengemeinschaft vertritt, habe so seine Position dort geschwächt.

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