Martin Walser, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

Martin Walser, Foto: Ekko von Schwichow
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Der Wirklichkeit auf der Spur
Der Schriftsteller Martin Walser wird 80 - Ein Ortstermin am Bodensee
Von Katrin Schuster aus den Nürnberger Nachrichten vom 23.03.2007:

Martin Walser, einer der renommiertesten und umstrittensten Schriftsteller in Deutschland, wird am 24. März 80 Jahre alt. Im Leben und im Werk des Autors spielt der Bodensee eine wichtige Rolle. Ein Ortstermin.

Die Mähre ist widerwillig, strammen Kopfes zieht der Gaul nach vorne, während sein Reiter scheinbar starr vor Unbehagen obenauf sitzt. An seinen Füßen trägt der etwas freudlose Bezwinger des fliehen wollenden Pferdes ein Paar Schlittschuhe. Sein Name: Martin Walser. «Bodenseereiter» heißt dies Werk des Bildhauers Peter Lenk, das seit 1999 in Walsers Heimatort Überlingen steht.

Der Schriftsteller schien darob nie recht erfreut, «damit ich da nicht vorbeikommen muss», habe er sogar seinen Friseur gewechselt, bekundete er damals. Heute klingt er etwas milder. «Ich bin nicht einverstanden mit dem Da-Droben-Sitzen, aber ärgern tue ich mich nicht», sagt er. Und sagt weiter nichts mehr.

Nun muss er nämlich in diesem Jahr schon wieder da droben sitzen, zwar weniger real, aber doch im Geiste: Die Stadt Überlingen hat zum 80. Geburtstag des Bürgers vom Bodensee ein umfangreiches Rahmenprogramm entworfen, zwei Ausstellungen wird es zudem geben. Zur Vorstellung all dieser lokalen Ehrbezeugungen im Überlinger Rathaus erscheint Martin Walser verschnupft, das Taschentuch behält er vorwurfsvoll in der Hand.

Literarische Heimat

Zwar kokettiert er sogleich mit einer «gewissen Verlegenheit, weil sich ein Schriftsteller nicht ausstellen lässt», doch arg unangenehm wird er die Umstände um seine Person nicht finden. Denn diese Gegend ist ihm alles andere als gleichgültig: In Wasserburg am Bodensee wurde Martin Walser geboren, seit er Ende der 50er Jahre mit dem Roman «Ehen in Philippsburg» bekannt wurde, lebt er in Nussdorf, einem Ortsteil von Überlingen, mit seiner Frau. Vier Töchter – drei davon Schriftstellerinnen, eine Schauspielerin – haben die beiden.

Auch die literarische Heimat ist ihm die Seelandschaft immer gewesen, in das Wareneingangsbuch der Wasserburger Kohlenhandlung seiner Eltern schrieb er die ersten Gedichte, eine Vielzahl seiner Romane spielt in den Anrainerorten des schwäbischen Meers.

Vielleicht weil eine derartige Kleinstädterei die bürgerliche Haltlosigkeit und Unsicherheit am augenfälligsten zu Tage treten lässt: Martin Walsers Helden, die man kaum als solche begreifen würde, tragen meist einsilbige Nachnamen wie etwa Zürn, Gern oder Lach, tatsächlich sagen sie nicht viel, während ihr innerer Monolog kaum zu überhören ist.

Die Welt, so wie sie ist, passt ihnen nur selten, auch wenn sie kaum wüssten, was daran zu ändern wäre jenseits ihrer Oberflächlichkeit. Oft scheinen die Figuren sich gar nicht sicher, dass die Tiefgründigkeit, die sie ersehnen, in ihnen selbst überhaupt zu finden sei. Auch deshalb gibt es in Walsers Romanen so manche durchaus absichtsvoll tragikomische Szene: Die Peinlichkeit der menschlichen Existenz treibt den Schriftsteller um und an.

Doch das Interesse an der Wirklichkeit herrscht nicht nur in seinem Schreiben, sondern auch in seinem Leben: Er kämpfte für Bundeskanzler Willy Brandt, äußerte sich in scharfen Worten über die Haltung der bundesrepublikanischen Regierung in Sachen Vietnamkrieg und galt zeitweise als Sympathisant der DKP; auch seinen Schmerz über die deutsche Teilung hat er nie verhehlt. So wurde er der Außenseiter, der sich thematisch stets im Zentrum fand, und als Immer-Wieder-Anders-Denkender einer der wichtigsten Autoren des renommierten Suhrkamp-Verlages.

Auch wenn man ihn heute sieht, wirkt er fern des öffentlichen Geredes, so tadellos gekleidet mit Hut und Schal. Fragt man ihn etwas, dann lehnt er sich zurück und lauscht mit unbewegter Miene unter den buschigen Brauen. Um dann anzusetzen, um sich zu erklären – in gewählten Worten, selten erregt, sich jedoch häufig über den Dingen verortend, die Hände schreiben dann ein Auf und Ab in die Luft. «Ich sage immer das, was mit mir zu tun hat, öffentlich, um zu sehen, ob andere auch so denken . . . weil ich nicht allein sein will mit meiner Auffassung.»

Scharfe Kritik

In der jüngeren Zeit war er das jedoch des öfteren: allein mit seiner Auffassung; gerade die große Geste des Tabubruchs stieß auf Widerstand. Nach seiner Rede in der Paulskirche anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 erntete er Kritik: Er wolle einen Schlussstrich unter die deutsche Geschichte ziehen, weil er von der Instrumentalisierung von Auschwitz als «Moralkeule» spreche. Am 29. Mai 2002 warf dann die Frankfurter Allgemeine Zeitung Walsers bis dato noch unveröffentlichtem Roman «Tod eines Kritikers» Antisemitismus vor. Die Fiktionalität, die Walser seinen literarischen Worten vorbehält, sei eine bloße Schutzbehauptung.

So holt die Öffentlichkeit den vermeintlichen Eigenbrötler zurück in ihre Mitte, die er ja tatsächlich stets sucht – ganz gleich, ob er mit ihr oder von ihr spricht. Und auch in den Jahren nach «79 +», wie er sein Alter selbst bezeichnet, wird man mit und auf Martin Walser rechnen können und müssen. Denn während die hölzernen Ständevertreter des historischen Rathaussaals von Überlingen weiterhin stumm und ehrenhaft auf ihn darnieder blicken, zwinkert er dezent ironisch: «Ich habe noch keinen Ersatz für das Schreiben, also muss ich weitermachen.»

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