Günter Wallraff, am 24. November 1986 in der Akademie der Künste zu Berlin, Foto: Foto-Prust

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Günter Wallraff spricht in Hagen über "Seuchen unserer Zeit"
Er deckt Missstände in der Arbeitswelt auf und erklärt gern mal einer Justizministerin, wie die Welt funktioniert. Seine Rollenreportagen, in denen er gesellschaftliche Untiefen auslotet, haben internationale Nachahmer gefunden: Journalist Günter Wallraff füllte den Hasper Hammer in Hagen.
Von Anja Wetter in Westfälische Rundschau, 16.04.2010:

250 Menschen sind in das Hasper Kulturzentrum gekommen. Es ist keine Kulturveranstaltung, bei der Günter Wallraff in Hagen sitzt. Es geht um arbeits- und gesellschaftspolitische Fragen. Jemand wie Wallraff passt gut in die Reihe „Gegen den Strom”, die DGB und Volkshochschule am Mittwoch gemeinsam mit Verdi und IG Metall organisiert haben. Die Überschrift des Abends lautet: „Leiharbeit”.

Als Leiharbeiter hat Wallraff auch gearbeitet, in der Großbäckerei Weinzheimer, die Lidl beliefert. In seinen Rollen ist Wallraff ein privilegierter Betroffener: Angst braucht er nicht zu haben, wie er selbst bekennt, denn „mein Albtraum ist zeitlich immer begrenzt”.

"Aus der schönen neuen Welt"

Aber Wallraff verleiht denen, für die der „Albtraum” weiter geht, eine Stimme. Bis zur körperlichen Erschöpfung schuftete Wallraff als Leiharbeiter - unter empörenden Bedingungen: unzureichender Arbeitsschutz, unzumutbarer Akkord.

In „Aus der schönen neuen Welt”, seinem neuen Buch, fasst Wallraff seine Recherchen zusammen. Zuletzt nahm er die Call-Center-Branche ins Visier. Er nennt sie „eine Seuche unserer Zeit”, die mit unlauteren Methoden Leuten das Geld aus der Tasche ziehe.

Aktuelle Verhältnisse sind alarmierend

Wallraff sagt, wie er es erlebt. Ungeschminkt und ungeschliffen. Seine Texte sind nicht durchsetzt mit stilistischen Besonderheiten. Es geht ihm offensichtlich nicht um das Äußere, sondern um das Inhaltliche. Das belegt er mit Zahlen und Fakten, nennt Ross und Reiter beim Namen.

Die aktuellen Verhältnisse sind alarmierend, aber nicht unveränderbar. „Wir müssen uns als Arbeitnehmer in den Betrieben organisieren und gemeinsam für Rechte einstehen.” Darin sind sich Jochen Marquardt vom hiesigen DGB und Günter Wallraff einig.

Ein Stück schafft Wallraff allein: In der Großbäckerei ermittelt der Staatsanwalt wegen des Verdachts auf lebensmittelrechtliche Verstöße, auf fahrlässige Körperverletzung und der versuchten Nötigung. Man darf nicht müde werden, dagegen anzugehen. Günter Wallraff wirkt frisch: „Ich werde wieder gebraucht”, sagt der Mann, der mit seinen Industriereportagen bereits in den 70ern aufmerksam machte.

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