Jan Wagner, 2001, Foto: Ekko von Schwichow

Jan Wagner
Foto: Ekko von Schwichow

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Der Poet mit dem Hang zur Wirklichkeit
Jan Wagner bekommt für seine Gedichte, Essays und Übersetzungen den Büchner-Preis verliehen.
Von JD in der NRZ vom 21.06.2017:

Jan Wagner (45) ist die Galionsfigur einer neuen Generation von Verskünstlern: Wie in bewusstem Kontrast zu den Gedichten eines Durs Grünbein, die in ihrer wissenschaftssprachlichen, historisierenden Tiefe nicht frei von Verstiegenheit sind, wendet sich das lyrische Ich mit Wagner dem Alltag zu, dem Unscheinbaren, scheinbar Selbstverständlichen und oft Übersehenen. Das Schwierigste an Wagners Gedichten ist seine konsequente Kleinschreibung. Alles andere – die Bilder, die Tonalität der Worte, Rhythmus und weitgehender Reimverzicht – wehrt sich nicht gerade dagegen, verstanden zu werden.

Dabei ist Jan Wagner, dem die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt gestern mit dem Georg-Büchner-Preis die bedeutendste deutsche Literatur-Auszeichnung zuerkannte, ein durch und durch reflektierter Poet, der in seinen Essays klar Zeugnis davon ablegt, dass er sehr genau weiß, was er da dichtet. Und der als Übersetzer davon profitiert, dass er seine Worte auch sonst stets mit großem Bedacht setzt.

Achtzehn Pasteten von Jan Wagner, 2007, BerlinSeit der bereits mit Dutzenden von Preisen dekorierte Jan Wagner 2015 für seinen erdennahen Gedichtband „Regentonnenvariationen“ – als erster Lyriker – den Leipziger Buchpreis erhielt, ist er auch einer breiteren Literatur-Öffentlichkeit bekannt: Der Band verkaufte sich in der Folge über 40 000 Mal, eine für Lyrik hierzulande sensationelle Zahl.

Die Büchnerpreis-Jury lobte Wagners Gedichte in höchsten Tönen dafür, wie sie „spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung, musikalische Sinnlichkeit und intellektuelle Prägnanz“ verbinden. Wagner, der in seinen Anfängen vor allem seine enorme handwerkliche Könnerschaft spielen ließ und von vergessenen Oden-Formen über Sonettenkränze bis hin zu Madrigalen oder seinen beiden „Teebeutel“-Haikus eigentlich kaum eine Gedichtform ausließ, geht inzwischen souveräner mit seinem lyrischen Werkzeug um und belebt nicht selten Tiere und Pflanzen der unmittelbaren Umgebung mit Poesie, von Champignons, Giersch und Quitten bis zu Eseln, Pferden und Tümmlern. Sie alle dienen am Ende aber nur dazu, die Welt jenseits der Verse ein wenig kenntlicher zu machen. Am Ende verbindet diese Eigenart seiner Texte Jan Wagner mit dem Patron des mit 50 000 Euro dotierten Preises, der am 28. Oktober in Darmstadt verliehen werden soll. (JD)

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