Reiz des Verbrechens
Interview mit Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach

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on Philipp Engel aus den Nürnberger Nachrichten vom 22.08.2010:

Der Anwalt Ferdinand von Schirach (Jahrgang 1964) steht mit „Schuld“, einer Sammlung von Justizerzählungen, an der Spitze der Bestseller-Listen. Wir sprachen mit ihm über Recht und Gerechtigkeit.

Herr von Schirach, Sie sind als Strafverteidiger seit Jahren mit menschlichen Abgründen konfrontiert. Wird man da nicht zwangsläufig zum Zyniker?

Ferdinand von Schirach: Zynismus ist keine gute Haltung, er macht die Welt klein und hässlich. Der Beruf bewirkt eher das Gegenteil: Er lässt mich die Dinge vielschichtiger sehen. Ich denke mehr über den Menschen nach. Ich urteile weniger, ich betrachte mehr.

Der Glaube an die Menschheit ist Ihnen trotz allem nicht abhandengekommen?

Schirach: Nein, der Mensch ist wunderbar und schrecklich zugleich. Er konnte Opern wie »Figaros Hochzeit« komponieren, Bücher wie Tolstois »Krieg und Frieden« schreiben und Klavier spielen wie Glenn Gould. Der Mensch kann aber eben auch die schlimmsten Dinge tun.

Halten Sie es für möglich, selbst zum Verbrecher zu werden?

Schirach: So wie jeder andere auch, ja. Menschen, die in der Strafjustiz arbeiten, sind vielleicht etwas weniger gefährdet – sie wissen über die Folgen genau Bescheid. Ich kenne den Ermittlungsrichter, vor dem ich stehen würde. Das Vermögen, ein Verbrechen zu begehen, steckt in jedem von uns, wir alle sind mögliche Straftäter. Es ist die Situation, die das Verbrechen gebiert. Wir tanzen auf einer dünnen Schicht aus Eis, und manchmal bricht sie.

Ist das der Grund dafür, dass so viele sonst durch und durch friedliche Bürger geradezu süchtig sind nach blutrünstigen Kriminalromanen?

Schirach: Ich glaube, es ist eine Stellvertretergeschichte. Nicht wir, sondern ein anderer begeht das Verbrechen. Wir liegen unter der warmen Bettdecke, sehen uns das im Fernsehen an oder lesen einen Krimi und können uns ein wenig gruseln. Das ist ungefährlich, aber aufregend. Das Gegenteil unseres normalen Lebens. Wer hat sich nicht einmal einen ganz perfekten Bankraub oder den perfekten Mord überlegt? Unsere eigene Welt ist meistens ziemlich langweilig, alles ist festgelegt. Sie dürfen nicht rauchen, nicht die Fenster öffnen oder die Fenster schließen. Sie müssen den Müll trennen, sich anschnallen, bei Rot halten und dürfen nur an bestimmten Stellen parken. Bis die meisten von uns an ihrer Arbeitsstelle morgens angekommen sind, mussten sie 100 Ge- und Verbote beachten.

Der Verbrecher hingegen kümmert sich nicht um all diese Vorschriften.

Schirach: Ja, er ist frei, so kommt es uns vor. Er ist zügellos. Das fasziniert uns. Wir wissen, dass er scheitert, wir sehen ihm dennoch gerne zu.

Ihr neues Buch heißt „Schuld“. Wie stehen Sie zu den Erkenntnissen von Hirnforschern wie Gerhard Roth, die zu dem Schluss gelangen, dass es keine Schuld geben kann, da alles, auch das Böse, gehirnphysiologisch determiniert ist?

Schirach: Es ist gut möglich, dass Roth recht hat und wir keinen wirklich freien Willen haben. Aber das Merkwürdige ist, dass es keine Rolle für unsere Gesellschaft spielt, ja, spielen kann. Wir müssten sonst unser Leben und unsere Staatsform aufgeben – niemand könnte mehr für etwas eingesperrt werden, niemand mehr für etwas verurteilt, niemand für etwas verantwortlich gemacht werden.

Würden Sie einen Mandanten auch dann ausschließlich auf Basis der dem Gericht vorliegenden Tatsachen verteidigen, wenn er Ihnen im Vorfeld gesagt hätte, dass er der Mörder ist?

Schirach: Natürlich. Das ist mein Beruf. Geständnisse, die gegenüber einem Anwalt abgelegt werden, stimmen ja oft auch nicht. Sie müssen in einem kontradiktorischen Verfahren überprüft werden.

Das heißt, vor Gericht würden Sie nicht die Frage stellen: „Ist mein Mandat der Täter?“, sondern: „Reichen die Beweise aus, um meinen Mandaten zu verurteilen?“

Schirach: Genau, nur so kann Gerechtigkeit entstehen. Der Staatsanwalt klagt an, der Verteidiger verteidigt, der Richter urteilt. Reichen die Beweise nicht aus, muss er freigesprochen werden. So einfach ist das.

Hängt Ihre Berufswahl mit der Schuld Ihres Großvaters Baldur von Schirach zusammen, dem NS-Reichsjugendführer und ehemaligen Gauleiter von Wien, der in Nürnberg verurteilt wurde?

Schirach: Nein.

Also keine – unbewusste – rückwirkende Verteidigung Ihres Großvaters, der in hohem Maße Schuld auf sich geladen hat?

Schirach: Wenn es unbewusst ist, kann ich es nicht beantworten. Ich würde meinen Großvater nicht verteidigen. Weder in einem noch außerhalb eines Strafprozesses.

Wie ist man bei Ihnen zu Hause mit der Schuld Ihres Opas umgegangen?

Schirach: Sehr offen. In vielen deutschen Familien kam die NS-Vergangenheit einzelner Mitglieder überraschend ans Licht, man hatte nie darüber gesprochen. Das gab es bei uns natürlich nicht, die Schuld meines Großvaters war ja eindeutig.

Das vollständige Gespräch mit Abb. von Philipp Engel finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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