Die Schönheit des Handwerks
Bei den 29. Tagen
der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt gab es einen kleinen
Betriebsunfall
Von Ingo
Arend in freitag 37 vom 1.7.2005:
Schönheit, was ist das überhaupt? Etwas
Ungeheuerliches, jenseits des Verstandes? Oder tiefsinnig und verwickelt? Als
die amerikanische Performerin Laurie Anderson Mitte Juni in Berlin diese Frage
stellte, hätte sie das an keinem besseren Ort tun können als am Potsdamer
Platz, jener Sonderform der Schönheit unter der Tarnkappe bombastischer
Schlichtheit. Die Heroine der internationalen Performance-Avantgarde trug beim
"weltklang"-Poesiefestival der Literaturwerkstatt ihr Gedicht Weil
es Frühling war vor. Da entstand Schönheit aus einer raffinierten
Dialektik: zwischen DaimlerChrysler und Weinhaus Huth, zwischen
Mommsen-Eck und Starbucks Coffee konterkarierte sie die Agglomeration des risikofreien
Konsumismus mit einer Ästhetik der Reduktion, der Konzentration und des
Experiments.
Multimediale Hakenschläger wie Anderson, Grenzgänger zwischen Körper und
Text, Gedanke und Strom kann man in Deutschland mit der Lupe suchen. Und selbst
im engen literarischen Sinne war es kein Gipfeltreffen der alles wagenden
Avantgarde, was sich ein Wochenende nach Andersons Auftritt im österreichischen
Klagenfurt zusammen fand. Hatte Anderson auf dem Potsdamer Platz die Geschichte
von Hänsel und Gretel als Szenetalk mit einer rot blinkenden Glühbirne im Mund
gestammelt, vernahm man bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur im
Landesstudio des Österreichischen Rundfunks meist nur verdruckstes Genuschel.
Zwar blitzte bei den 17 Autorinnen und Autoren aus Österreich, Deutschland und
der Schweiz, die sich zum 29. Mal in den fensterlosen Raum am Ende einer
Sackgasse in Kärntens Landeshauptstadt gezwängt hatten, hier und da forciertes
Stilempfinden auf. Der ästhetische Eremit, weltabgewandt und grüblerisch, ist,
Gott sei Dank, nicht mehr der beherrschende Typus unter deutsch schreibenden Künstlern.
Die Leipziger Schriftstellerin Susanne Heinrich im wallenden weißen Kleid und
kajalschwarz umrandeten Augen hätte sicher im Berlin der Zwanziger Jahre Furore
gemacht. Und Natalie Balkow
mit schickem Jackett und kunstvoll verstruwweltem Britpop-Schopf stammte
unverkennbar aus der Berliner Boheme der Jahrtausendwende. Die beiden hielten
ganz offenbar nichts von dem Medikament aus der ästhetischen Hausapotheke des
Biedermeier, dass der Schweizer Autor Christoph
Simon dem Held seines talentierten Schelmenromans Planet Obrist in
den Mund legt: "Schönheit ist ein innerer Wert".
Doch mit einer Laurie Anderson hätte höchstens die slowakisch-schweizer
Jurorin Ilma Rakusa
mithalten können. Die Ästhetik der Polyphonie, Überblendung und Ambivalenz,
die die polyglotte Übersetzerin, Lyrikerin und Kritikerin aus Zürich pflegt,
fand ihre sinnfällige Entsprechung in der raffinierten Garderobe der zierlichen
Frau: einer Art textilen Schichtung wie aus hauchdünnem Pergament.
Kerzengerade, die Fingerspitzen in höchster Konzentration gegen einander
gepresst, saß sie in ihrem Jurorensessel. Wer die Intellektuelle mit dem scharf
konturierten, asymmetrisch geschnittenen Bubikopf in schwarz beobachtete, um
deren Mundwinkel ein kaum merkliches Lächeln spielte, musste unwillkürlich an
eine russische Mona Lisa denken.
Kosmetische Raffinesse und ein wohltuender Hang zur szenekompatiblen
Haute-Couture garantieren freilich noch keinen literarischen Erfolg. Denn die
Verfasser der beiden Siegertexte, der Münchener Autor
Thomas Lang und die
Potsdamerin Julia Schoch,
gehörten eher wieder in die Kategorie ästhetischer Zurückhaltung. Damit hätten
die beiden Prototypen spröder Unauffälligkeit gewiss Iso
Camartin gefallen. Der 1947 geborene Professor für Rätoromanik in Zürich,
selbst zwei Jahre lang Jurychef des Klagenfurter Wettbewerbs, hatte die allfällige
"Klagenfurter Rede zur Literatur" zu einem zweifelhaften Plädoyer für
mehr Stil, weniger Mode und das Ende der "Weltabschreibbemühungen"
verwandelt.
Wer in den letzten Jahren den Boom des selbstgenügsamen Realismus
popkultureller Prägung mit ansehen musste, konnte eigentlich nichts gegen
Camartins Desiderat vom "Siegel der Unverwechselbarkeit" einwenden.
Individuelle Handschrift konnte man in der Siegergeschichte des Münchener
Autors Thomas Lang Am
Seil durchaus nachweisen. Das suspense-Drama über einen Zweikampf
von Vater und Sohn auf einem süddeutschen Tennenboden, vom Autor meisterhaft
bis ganz kurz vor den endgültigen Absturz geführt, war fraglos ein wirklich
gut gebauter Text. Der neue Bachmann-Preisträger macht gern Anleihen beim Film.
Auch Julia Schochs mit
dem Preis der Jury gekrönte Geschichte einer märkischen Wissenschaftlerin, der
in Südamerika ihre ostdeutsche Vergangenheit abhanden kommt, überzeugte mit
einem radikal eigenen Ton der Fremdheit und ungewohnten, verstörenden Bildern.
Doch dass man der Prämierung avantgardistischer Offenbarungen beigewohnt hatte,
konnte man selbst bei diesen Text-Perlen im literarischen Durchschnittshaufen
nicht behaupten. Gemessen an dem furiosen Solitär namens Uwe
Tellkamp, der im vergangenen Jahr mit einem Wirbelsturm historischer
Perspektiven über Klagenfurt hereingebrochen und als Sieger von dannen gezogen
war, glänzte in diesem Jahr in Kärntens schläfriger Metropole vor allem die
Schönheit des Handwerks.
Trotzdem blieb Camartins Auftritt ein ärgerlicher Ausfall. Wie wenig man alle
unbeschwerteren Bemühungen der jüngeren Literatur in einen Abfalltopf werfen
kann, zeigte gerade der Text der 1985 geborenen Leipziger Femme fatale Heinrich.
Ein Satz wie "Wir rauchen beim Ficken" hörte sich zwar genau wie die
"Befindlichkeitsprosa" an, die Camartin auf dem Kieker hatte. Doch
gerade die Gefangenschaft von Heinrichs Protagonisten in einem Kabinett
erotischer Selbstbespiegelung ergab hier das ästhetische Surplus.
Und auch der andere Party-Löwe, der 1976 in Hamburg geborene Kristof
Magnusson war nicht ohne. Mit lakonischen Dialogen verpasste er seiner
Milieustudie aus dem internationalen Love&Dance-Jet-Set zwischen Reykjavik
und Paris zu eine beachtenswerten Mischung: Sie pendelt zwischen absurder Abgründigkeit
und humorvollem Oberflächensurfen. Was sollen solche Menschen mit Camartins
pedellhafter Ermahnung zum guten Stil und gegen "disziplinlose Launen"
anfangen? Stieße man übrigens alle disziplinlosen Genies vom literarischen
Olymp, blieben dort wahrscheinlich nicht viel Lord-Stil-Siegelbewahrer übrig.
Soll man die ominöse Stiftung "Swissculture", zu deren Präsident
Camartin soeben promovierte, bedauern oder beglückwünschen zu ihrem neuen
Chef?
Der populistische Flachschuss des gelehrten Stilwächters war freilich nicht
das einzige Indiz für eine aufschlussreiche Verschiebung der ästhetischen
Fronten. Als die Berliner Autorin Eva
von Schirach zum Abschluss des Wettbewerbs ans Lesepult trat und eine
verunglückte Versuchsanordnung über die Demütigung der Soap-Hauptfigur Susi
Voss zum Besten gab, brach ein Unwetter über sie und ihre Einladerin, die
Jury-Vorsitzende Iris Radisch von der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit
herein, das man selten erlebt hat am literarischen Wörthersee. Das Entsetzen über
die Medienkritik von vorgestern und die Qualität des Textes war unsiono:
"So geht das nicht", konstatierte selbst der zum ausführlichen
historischen Exkurs neigende Juror Burkhard
"Salomon" Spinnen ungewohnt kurz und bündig - ein echter
Betriebsunfall in dem an echten Aufregungen eher armen "schönsten
Betriebsausflug der Literatur".
Schirach und Camartin.
War´s Zufall oder war es Notwendigkeit? Manch einer erinnerte sich noch, wie
sich die dreifache Mutter Radisch wenige Wochen zuvor am Rande einer Berliner
Podiumsdiskussion zur Medienschelte hinreißen ließ. Mit dem Ausspruch
"das verdammte Scheiß-Fernsehen" polemisierte sie gegen dessen
vermeintliche visuelle Allmacht: Die Glotze als Quelle unserer Lebens-Vor-Bilder
und Lesekiller! Sollte hier, beschlich einen zwei Wochen später in Klagenfurt
der Verdacht, einem Wettbewerb, der immer am Rande der Bedeutungslosigkeit
balancierte, mit einem programmatischen Fanal neue Relevanz zugeschustert
werden? Schwer zu sagen. Zumindest zeigte sich in der doppelten Frontstellung
gegen "Flitterkram" (Camartin) und "Bastelbiographie" (Radisch),
gegen Medienzauber und Glamour das Unbehagen des älter gewordenen
linksliberalen Milieus in und an der Postmoderne. Auch im sonst eher leichtfüßigen
Klagenfurt grassiert inzwischen eine kulturpessimistische Sehnsucht nach dem
"Eigentlichen".
Trotz solcher Desaster ist der Drang in die Stadt des Lindwurms ungebrochen.
Unter Autoren hat das Klagenfurter Literaturgericht zwar oft ein ähnlich gutes
Image wie das Haager Kriegsverbrechertribunal bei Peter
Handke. So dass die Veranstalter schon zu Beginn die Gäste mit dem Hinweis
zu besänftigen versuchten, hier werde keiner "standrechtlich"
verurteilt. Das traf auch zu. Aber es fuhr ihrer gefühlten Selbsteinschätzung
doch oft mächtig in die Parade. Den literarischen Spaziergang durch Passau des
schon mit drei viel beachteten Büchern erfolgreichen Münchener Autors Klaus
Böldl verwarf die Wiener Jurorin Daniela
Strigl als "Schüleraufsatz von exquisiter Betulichkeit". Damit
traf sie einen heimatseligen Zungenschlag vieler Texte. Bei Verdikten wie diesem
war in diesem Jahr in Klagenfurt das Schönste noch, der Jury bei der allmählichen
Verfertigung eines Urteils, selbst eines negativen, zuzuschauen.
Die einsame Spitze in dieser Neunerrunde behaupten neben dem
skeptisch-sarkastischen Klaus Nüchtern vom Wiener Falter unangefochten
zwei Frauen. Wenn Ilma
Rakusa mit spitzen Fingern die unsichtbaren metaphorischen Fäden aus dem
Text zog und seine literaturgeschichtlichen Spurenelemente herauspräparierte,
wirkte diese Spitzenklöpplerin der Avantgarde selbst wie ein Kunstwerk. Und
wenn die Berliner Kritikerin Ursula März mit leiser, aber bestimmter Ironie den
ausufernden Geschmacksstreit zurück auf objektiveres Kategorien-Gelände führte,
verbreitete sich mehr als nur interesseloses Wohlgefallen unter den Zuschauern
im Saal. Gemessen an diesen Performances knallen bei der Vorsitzenden Radisch
verdächtig schnell die Sicherungen durch. In der Hitze des Gefechts lässt die
Liebhaberin geschichtsmächtiger Welthaltigkeit allzu oft ihren Idiosynkrasien
freien Lauf. Mit der arroganten Wendung "Glasperlenspiel" tat sie Anne
Webers schließlich mit dem 3sat-Preis ausgezeichneten, poetischen Essay über
den Zusammenhang eines Schweizer Großraumbüros mit der Weltrevolution ab. Doch
was ist die Kunst anderes als ein endloses Glasperlenspiel?
Festival oder Wettbewerb? Was ist besser? Weltklang oder Bachmann,
Klagenfurt oder Berlin? Wie vielleicht kaum ein anderes Literaturfest hat das
Berliner Poesiefestival einer bedrängten Gattung mit einem coolen Outfit neues
Publikum erschlossen, ohne die Kunst zu beschädigen. Gemessen an den 11.000
Zuschauern dort agiert das Wettlesen von Klagenfurt trotz 3sat-Live-Ausstrahlung
auf einem eher intimen Resonanzboden von vergleichsweise spießbürgerlichem
Charme. Doch seine wahre Stärke liegt an anderer Stelle.
Die Begegnung mit so unterschiedlichen Temperamenten und Geistesgrößen der
Literaturkritik ist eine Frischzellenkur für den Literaturbetrieb, der allzu
oft im kurzatmigen Tagesgeschäft versackt. Weder sollte sich der Medienakteur
ORF aus dieser Art Literaturförderung noch aus der Verantwortung für die
intellektuelle Kategorienbildung entlassen, wenn er, wie jetzt zu hören war,
darüber nachdenkt, den im österreichischen "Bewerb" geheißenen
Autorentreff nach dem 30. Jubiläum im nächsten Sommer womöglich einzustellen.
Schönheit ist in diesem Kollektiv der Aufklärung, das seinen Kern bildet, eine
vielstimmige Anstrengung. Doch manchmal überfällt einen diese rare Erscheinung
auch ganz ohne schweißtreibende Klimmzüge des Geistes. Mit seiner Geschichte
Krieg spielender Kinder in Ex-Jugoslawien war der junge bosnischstämmige Sasa
Stanisic aus dem Leipziger Literaturinstitut in der Stichwahl der
Schlussabstimmung gerade erst ausgeschieden. An seinem strahlenden Gesicht, als
ein Manager des Sponsors Kelag ihn dann doch noch mit dem Gewinn des
Publikumspreises überraschte, konnte man ablesen: Es gibt auch eine Schönheit
des Spontanen.
[...diesen und weitere Berichte
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0307 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Freitag