Die Ungeheuer, die Untertassen und die
Krisen.
Zum Tod des
amerikanischen Autors Kurt
Vonnegut, der in "Schlachthof 5" die Bombardierung von Dresden
beschrieben hat
Von Thomas
Klingenmaier in der Stuttgarter Zeitung
vom 13.4.2007:
Man kommt dem brüllenden Wahnsinn nicht mit den nüchternen Worten der
Vernunft bei. Aber man kann die Vernunft mit den bizarren Bildern einer
entfesselten Fantasie nähren. Das war das Glaubensbekenntnis von Kurt Vonnegut,
einem der eigenwilligsten US-Autoren, der sich in den Augen des literarischen
Establishments zum Clown machte, um den Menschen ernste Wahrheiten näher zu
bringen. In seinen Büchern schwirrten fliegende Untertassen umher, waren die Sätze
so einfach wie Werbesprache und die Kapitel meistens gerade mal so lang wie gut
überblickbare Zeitungsartikel.
Mit diesen Mitteln hat Kurt Vonnegut, der am Mittwoch im Alter von 84 Jahren in
New York gestorben ist, von den großen Fragen des Lebens erzählt, von den
Krisen der Moderne, von den Schocks der Zeitgeschichte. Und wenn man einen
seiner schrillen und warmherzigen Romane voller Groschenheftrequisiten durch
hatte, dann kam es einem vor, als habe man in anderen Büchern meist nur
Wortgeklingel zum Thema gelesen, gerade eben aber in die Seele eines anderen
hineingelauscht.
Sein großer Durchbruch kam im Jahr 1971, mit der Publikation seines Romans
"Schlachthof 5 oder der Kinderkreuzzug". Dieses Buch war tatsächlich
der Dreh- und Angelpunkt seines Schaffens, weil es am direktesten, offensten und
eindringlichsten von dem erzählte, was ihn für alle Zeiten aus der Bahn
geworfen, was ihn zum Schreiben getrieben, was ihn für immer der Betäubungsmittelkultur
in all ihren Formen und Dosierungen entfremdet hatte.
Vonnegut, am 11. November 1922 in Indianapolis geboren, geriet
als junger Soldat während der Ardennenoffensive in deutsche Gefangenschaft.
Er wurde nach Dresden verlegt, wo das Kellergeschoss eines Schlachthofs als
Luftschutzbunker der Kriegsgefangenen diente. Am 13. Februar ging er wieder
einmal hinab ins Dunkel. Als er zurück nach oben kam, war die Stadt in ein
brennendes Chaos verwandelt. Vonnegut half tagelang beim Wegräumen der Leichen,
und im Angesicht der erstickten Zivilisten, verschmorten Kinder, verkrümmten
Holzkohlekarikaturen vormals lebender Menschen zerbrach in ihm der Glaube an den
gerechten Krieg, an die einfachen Fronten, an die lichte Zukunft....Fortsetzung
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