1.) - 2.)

Erinnerungen an Max von der Grün
von Wolfgang Körner

Am 8.April 2005 ging ich am Meer entlang, an den Dünen vorbei von San Augustin zum Leuchtturm Faro, als mein Handy plötzlich läutete und vibrierte: "Max von der Grün ist gestorben", sagte Renate. "Ich weiß", antwortete ich. "Ich habe letzte Nacht von seinem Tod geträumt."
Ich ging langsam zum Hotel zurück. Der Atlantik plätscherte so leise wie vorher. Ein sanfter Wind kam auf und trieb feinen Sand aus der Sahara vor sich her, und dann stiegen Erinnerungen in mir auf. Szenen, die ich längst für vergessen gehalten hatte. Für überlagert von anderen Bildern. Für Schnee von gestern...

1964. Tagung der Dortmunder Gruppe 61. Max von der Grün stieg aus seinem grünen Sportwagen aus dem Hause Glas. Er ging, seine dünne Aktenmappe unter dem Arm, ins Haus der Bibliotheken. Dann gab es Lesungen. Max von der Grün las und Christian Geissler. Richard Limpert las und schließlich Uwe Johnson, der sich nach Dortmund verirrt zu haben schien. Ich saß ehrfürchtig unter den Zuhörern und lauschte den Autoren.

Ein Jahr später las auch ich aus meinem ersten Roman, fühlte mich, als er veröffentlicht war, fast wie ein Schriftsteller. Danach lernte ich von Max. Ich lernte von ihm zuerst seine Sparsamkeit, die er mit Erwin Sylvanus teilte, dem Dramatiker, dessen Stück "Korczak und die Kinder" weltweit über die Bühnen ging. Erwin hatte gerade für eine Fernsehrolle abgenommen und war stolz auf seine schlanke Taille: "36 inch", sagte er und schob drei Finger unter seinen Gürtel. "Knabengrösse!" - Jetzt liegt er seit zwanzig Jahren auf dem Friedhof in Völlinghausen.

Ach, diese Sparsamkeit! Nach einer Lesung in Kopenhagen mußten Max und ich das Hotel sehr früh verlassen, fuhren mit dem Taxi zum Flughafen Kastrup, wo Max mich strafend ansah, als ich mir ein Frühstück leistete. "Eine überflüssige Ausgabe", sagte er. "Es gibt doch gleich im Flugzeug was zu essen." Nun ja. Dichter Nebel lag über dem Flughafen. Zwei Stunden später, als erneut eine Verspätung der SAS angekündigt wurde, glomm Max der Hunger in den Augen, und er stand auf, weil er kaum ertragen konnte, daß sämtliche anderen Reisenden auf unserer Sitzbank frühstückten. "Ich sehe mal nach dem Flugzeug", verkündete er, wandte sich einer Glasscheibe zu und starrte hinaus in den Nebel, der vor dem Fenster waberte. "Da gibt es nicht viel zu sehen", antwortete ich, bestellte ein zweites Sandwich, und als das Flugzeug drei Stunden später in der Luft war, servierte die Stewardess Kaffee und dänische Frokost. Ein glückliches Lächeln schob sich in das Gesicht des sparsamen Franken. "Ich habs dir doch gesagt", brummte er zufrieden. "Im Flugzeug gibts Frühstück".

Damals, nach seiner Ehescheidung, lebte Max, nein, nicht etwa allein, sondern er teilte die Wohnung mit Annette, seinem Pudel, der ihn auf Schritt und Tritt begleitete, allerdings - im Gegensatz zu Max - kein Bier trank. Das überließ er seinem Herrn, und als dieser, im Newport, einer damals angesagten Kneipe im Dortmunder Norden, einmal versucht hatte, die Dortmunder Thierbrauerei zu sanieren, nahmen wir ihm die Autoschlüssel ab und setzten den Autor samt Annette in ein Taxi. Er wachte Stunden später völlig durchnäßt in der Duschkabine seiner Wohnung auf. Der Taxifahrer, umsichtig und liebevoll, wie die Dortmunder Taxifahrer damals noch waren, hatte ihn unter die Dusche gesetzt und den Kaltwasserhahn aufgedreht. Auch das war mir eine Lehre: ich trinke sehr selten Alkohol, und wenn, dann nur zwischen meinen vier Wänden.

Pudel sind gewöhnlich ungemein intelligent. Annette haßte es, sich im Hundesalon das Fell einschäumen und stutzen zu lassen. Sie flüchtete regelmäßig aus dem Salon, was dazu führte, daß sie der Autor wieder einfangen mußte, was nicht immer gelang. "Annette ist abgehauen", verkündete er schreckensbleich schon an der Tür meines damaligen Büros. "Wir müssen sofort die Polizei und die Taxizentrale anrufen, damit sie den Hund suchen." Ich hielt nichts davon. "Vermißtenmeldungen für Pudel nimmt unsere Polizei nicht entgegen", sagte ich. "Und ein Taxifahrer erwischt Annette niemals. Wir müssen auf sie warten!"
"Das ertrag ich nicht", sagte Max düster, stürzte aus meinem Büro, in dem Annette zwei Stunden später auftauchte, sichtlich erschöpft. Was immer man von Tierliebe halten mag - als Max, den ich in seiner Wohnung angerufen hatte, seinen Pudel vom Boden hob und in den Arm nahm, bewies es wieder, wie empfindsam dieser, jedenfalls auf den ersten Blick, manchmal rauhe und ruppige Autor war. Eine Lehre mehr: Es hat keinen Sinn, Entlaufenen zu folgen. Man wartet, bis sie zurück kommen.

Stundenlang könnte man so durch vergangene Zeiten wandern und erzählen von den Höhen und Tiefen eines Lebens. Von einem Journalisten, der einen seiner Romane verriss, obwohl Max ihn für einen Freund gehalten hatte. (Freunde rezensieren Bücher ihrer Freunde nur, wenn sie loben und preisen können. Andernfalls rezensieren sie: überhaupt nicht.) Vom WDR, der zwar sofort nach Veröffentlichung seines Romans "Die Lawine" die Fernsehrechte erwarb, sie aber nicht verwertete. Von Literaturkritikern, die ihm in ihren Nachrufen jetzt, zum letzten Mal, das Wort Arbeiterdichter nachschleuderten, obwohl sie sehr genau wissen, wie sehr er dieses dämliche Etikett verabscheute: Er hat weder Gedichte geschrieben, noch war er Arbeiter, seit er vom Schreiben leben konnte.

Wenn er sich, jedenfalls im letzten Jahrzehnt, über derlei immer seltener und zuletzt überhaupt nicht mehr aufregte, so hauptsächlich wegen seiner Jenny, die er für das Beste hielt, das England je hervorgebracht hatte. Er nahm auch mit 78 Jahren noch sehr genau wahr, wie es in Deutschland kälter wurde und deutete an, er plane einen Roman über die Massenarbeitslosigkeit. Ob er daran arbeitete, weiß ich nicht. Wir haben vierzig Jahre lang regelmäßig miteinander über alles Mögliche gesprochen - aber niemals über unsere Bücher. Originalton Max: "Germanisten reden über Texte. Autoren über das Finanzamt."

Ein paar Tage nach seiner Herzoperation im Winter 2004 habe ich ihn das erste Mal im Krankenhaus besucht. Er lag völlig erschöpft und müde im Bett und sagte nur ruhig: "Mit mir geht es zuende." - "Das glaube ich nicht", antwortete ich optimistisch, obwohl ich davon überzeugt bin, daß es in Dortmund besser ist, vor einem Krankenhaus vom Auto überfahren als in das Hospital eingeliefert zu werden.

Max überstand die Operation und schien wieder auf die Beine zu kommen. Er hatte schon den Weihnachtsurlaub mit seiner Frau gebucht, aber es kam nicht mehr dazu. Was kam, waren erneute kurze Krankenhausaufenthalte, und schließlich - nach einer letzten Reise mit seiner Jenny - sein schneller Tod.
Sorry, Max! Du hast auch diesmal recht behalten. Und auch ich werde dich sehr vermissen. Tröstlich allein: Deine Bücher sind - bis auf die Reiseberichte "Wenn der Rabe tot vom Baum fällt" sämtlich noch lieferbar. Du bist viel zu früh gestorben! Beweis? - Deine Bücher haben Dich überlebt.

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2.)

Für den Menschen Partei ergriffen
Zum Tod des Schriftstellers und "Arbeiterdichters" Max von der Grün
Von Markus Thiel aus dem Münchner Merkur, 7.4.2005:

Er selbst lehnte die Bezeichnung "Arbeiterliteratur" ab. Dennoch galt Max von der Grün als herausragender Vertreter dieses Genres, setzte er sich doch in seinen Romanen, Erzählungen, Fernsehspielen und Rundfunkfeatures mit der Arbeitswelt künstlerisch auseinander. Gleich sein erster Roman, "Männer in zweifacher Nacht" (1962), berichtet auf dramatische Weise von zwei Bergleuten, die fünf Tage auf ihre Befreiung warten. Gestern ist Max von der Grün im Alter von 78 Jahren in Dortmund gestorben.

Bekannt wurde der Schriftsteller 1963 mit seinem zweiten Roman "Irrlicht und Feuer", der an seinen Erstling anknüpfte. In diesem Erfolgsbuch, das übrigens in der DDR verfilmt wurde, beschrieb er die mangelhaften Arbeitsbedingungen der Kumpel. Das Werk wurde zum Politikum und stieß auf heftige Kritik bei den Gewerkschaften. Der Held des Romans stellt kritische Fragen an die Grubenleitung, an Betriebsrat, Gewerkschaft und Kollegen, die für Missstände im Arbeitsalltag verantwortlich gemacht werden. Die Schilderung des Grubenunglücks ging dabei auf einen authentischen Fall zurück. In mehr als 20 Sprachen wurde "Irrlicht und Feuer" übersetzt und erreichte dabei eine Gesamtauflage von über drei Millionen.

Max von der Grün stammte aus Bayreuth. Als er zwölf Jahre alt war, musste er mitansehen, wie die Nazis seinen Vater, einen Zeugen Jehovas, verhafteten und ins Konzentrationslager Flossenbürg brachten. Während des Zweiten Weltkrieges geriet von der Grün in amerikanische Gefangenschaft. Zwischen 1948 und 1963 war er Bauarbeiter, Bergarbeiter, dann Hauer und - nach einem schweren Unfall - Grubenlokführer. Nur verständlich, dass all diese Erlebnisse in seine Werke einflossen.

Zunächst wandte sich Max von der Grün der Lyrik zu. Nach Gedichten in Zeitungen und Zeitschriften folgten Essays und literaturkritische Arbeiten. 1961 war er Gründungsmitglied der "Gruppe 61", die sich die "künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt" zum Ziel gesetzt hatte. Vier Jahre später wurde Max von der Grün zum Literaturzirkel der Gruppe 47 eingeladen - er lehnte dankend ab.

An jüngere Leser richtete sich Max von der Grün mit "Vorstadtkrokodile" (1976) und mit "Wie war das eigentlich?" (1979), eine Schrift, die Struktur und Funktion des Faschismus thematisierte. Früher als viele andere Kollegen erkannte er die braune Gefahr im Nachkriegsdeutschland und befasste sich in "Flächenbrand" (1979) mit dem Rechtsradikalismus.

Mögen solch hochpolitischen Bücher, auch seine Werke über die Produktionsbedingungen die Schlussfolgerung provozieren: Auf eine politische Richtung ließ sich Max von der Grün dennoch nie festlegen. Er ergriff Partei für einen - für den Menschen, für seine Würde am Arbeitsplatz und im täglichen Zusammenleben.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]

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