Sprachgewaltiger Anwalt fränkischer Eigenart
Kenntnisreicher Erzähler mit Selbstironie: Zum 100.Geburtstag des Schriftstellers Hans Max von Aufseß
Von Wolf Peter Schnetz aus den Nürnberger Nachrichten vom 2.08.2006:

Der 100. Geburtstag des Schriftstellers Hans Max von Aufseß wird am 6. August, 18 Uhr, im Museum Fränkische Schweiz in Tüchersfeld mit einer Würdigung und Lesungen gefeiert.

Kein Essayist des 20. Jahrhunderts hat so viel über Nürnberg, Fürth, Erlangen, Bamberg, Bayreuth, über jedes Zentrum, jede Stadt und jedes Dorf in Franken gewusst, geschrieben und in Radio-Sendungen vorgetragen wie Hans Max von Aufseß (1906— 1993), „der Tacitus zwischen Odenwald und Böhmen“, „ein sprachgewaltiger Anwalt fränkischer Eigenart“. Am 4. August wäre er 100 Jahre alt.

Doch der Konjunktiv verbietet sich eigentlich, denn Hans Max von Aufseß ist durch sein Werk lebendig geblieben wie zu seinen besten Zeiten. Er bleibt vielleicht mehr in Erinnerung als sein Urgroßonkel Hans von Aufseß (1801—1872), Gründer des Germanischen Nationalmuseums, der im Alter von 71 Jahren von zwei Burschenschaftlern in Straßburg erschlagen worden ist.

Zu verdanken ist diese ungebrochene Präsenz den über 200 Publikationen, die im Museum Fränkische Schweiz in Tüchersfeld in den Aufseß-Räumen unter einem großformatigen Porträtgemälde aufbewahrt sind. Die wichtigsten Buchtitel und Essaysammlungen haben sich eingeprägt: „In Franken fangen sich die Winde“ (1963), „Ulrich von Hutten“ (1965), „Die Wendeltreppe“ (1968), „Fränkische Impressionen“ (seit 1966 aktuell) und „Der Franke ist ein Gewürfelter“ (1983). Nach ihm ist der „Frankenwürfel“ benannt, die höchste Auszeichnung für fränkischen Humor, die von den Bezirken vergeben wird.

In dieser letzten großen Essaysammlung zu Lebzeiten findet sich eine Themenvielfalt von „Europäischen Spiegelungen im Main“ bis zu „Nürnbergs Aufstieg aus Sand — und Asche“, einer Ergänzung zu „Nürnberg schaut nicht mehr durch Butzenscheiben“, wo in einem kulturhistorischen Erzählstrom auch die unselige Vergangenheit der Stadt nicht ausgeklammert wird. In der schneidenden Schärfe der Diktion eines Ulrich von Hutten heißt es: „So kann es nur als einer der vielen fatalen Irrtümer Hitlers bedauert werden, dass dieser anmaßende, größte Scharlatan und Halbgebildete aller Zeiten, in Schändung des Gastrechts, das einst den deutschen Kaisern in Nürnberg gewährt worden ist, seine Paraden und Mammutgebäude der maßlosen Hybris dorthin verlegte.“ Hans Max von Aufseß, unter allen fränkischen Schriftstellern der Fränkischste, wurde 1906 in Berchtesgaden geboren, studierte in München, verwaltete im Kriegsdienst die Britischen Kanalinseln, über die er den auflagenstarken Bild- und Textband

„Bilderbogen der Britischen Kanalinseln“ (1942) herausgab, ließ sich als Anwalt in einer Kanzleigemeinschaft zuerst in Bamberg, später in Naila bei Hof nieder und war zuletzt in Coburg Generaldirektor der Herzoglichen Familienverwaltung Sachsen Coburg Gotha.

In seiner Gesamtpersönlichkeit ist HMA, wie er sich selbst kurz nannte, ein Europäer heutiger Prägung, der als poeta doctus in der „bestrickenden Krustschublade Franken“ das angestammte Schloss Oberaufseß bewahrte und bewohnte, ein „Don Quijote aus Franken“, der die Leiden eines Schlossbesitzers, der sich vom Erbe nicht trennen will, mit treffsicherer Selbst-Ironie darstellt.

Zuletzt stellt sich die Frage, warum Frankens bester und kenntnisreichster Erzähler über die eigene Region hinaus nicht wesentlich wahrgenommen wird. Zum einen liegt es an einem Übermaß an Bescheidenheit, das ihn davon abhielt, die eigene Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen. Zum anderen ist es womöglich erschwerend, dass HMA seine bis ins letzte Detail durchgestalteten Erzählungen nie als Geschichten sah, sondern sie frei nach Montaigne Essays nannte. Den dritten Grund liefert die fränkische Eigenart („Stierkämpfe in Franken“): „Ich sag nur eins, abgesehen dadavon.“ (sic!).

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